# taz.de -- Mutmaßliche Vergewaltigung in Jugendklub: Nicht vertuscht, aber versagt
       
       > Nach der mutmaßlichen Vergewaltigung in einem Neuköllner Jugendklub
       > stellen Expertinnen Fehler fest – aber keine Vertuschung. Stadträtin
       > Sarah Nagel kündigt Rückzug an.
       
 (IMG) Bild: Das Jugendzentrum Wutzkyallee in Neukölln im März 2026
       
       Die strafrechtlichen Ermittlungen zu einer [1][mutmaßlichen Vergewaltigung
       einer 16-Jährigen] durch einen anderen Jugendlichen in einem Jugendklub in
       Berlin-Neukölln laufen nach wie vor. Aber bereits jetzt kritisiert eine
       unabhängige Untersuchungskommission zahlreiche Fehler von
       Sozialarbeiter*innen sowie Behördenversagen. Etwa habe es in der
       kommunalen Einrichtung weder ein pädagogisches Konzept noch ein
       Kinderschutzkonzept gegeben, heißt es in dem Abschlussbericht der
       Expertinnen, die im Auftrag des Bezirks arbeiteten.
       
       Gleichzeitig habe man „keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass jemand die
       Vorfälle unter den Teppich kehren wollte“, betonte die Leiterin der
       Kommission, Elke Nowotny, bei der Vorstellung des Berichts am vergangenen
       Freitag. Es habe jedoch „unterschiedliche Interpretationen und
       Missverständnisse“ gegeben, ergänzte Kommissionsmitglied Kerstin
       Stappenbeck und bemängelte: „Es fehlte stringentes Führungsverhalten durch
       das Jugendamt.“ Der Fall sei über mehrere Leitungsebenen besprochen worden
       – „aber gehandelt wurde zu wenig“.
       
       Im März war bekannt geworden, dass es im Jugendzentrum Wutzkyallee im
       Ortsteil Gropiusstadt wiederholt zu sexuellen Übergriffen gekommen sein
       soll. Eine Jugendliche soll dort bereits im November 2025 vergewaltigt
       worden sein. Zudem hatten weitere Mädchen schon Monate zuvor von
       sexualisierter Gewalt berichtet. Der Jugendklub und das Jugendamt wussten
       zwar von den Vorfällen, informierten zunächst jedoch nicht die Polizei.
       
       Erst als sich die betroffene 16-Jährige an das benachbarte Mädchenzentrum
       wandte und ihr Vater Anzeige erstattete, kam Bewegung in die Sache: Die
       Behörden nahmen Ermittlungen auf und durchsuchten Wohnungen, zudem wurde
       der Jugendklub geschlossen. Gleichzeitig wurden Vorwürfe laut, das
       Jugendamt und die von ihm betriebene Einrichtung [2][hätten den Fall aus
       Furcht vor Stigmatisierung muslimischer Jugendlicher vertuschen wollen].
       
       ## Unterstützung für Mädchenzentrum, Kritik am Jugendamt
       
       In dem nun veröffentlichten [3][Bericht] heißt es: Die
       Mitarbeiter*innen des benachbarten Mädchenzentrums, das von einem
       freien Träger betrieben wird, hätten „bei der Bearbeitung des
       Kinderschutzfalles eine größere Unterstützung des Jugendamtes erwartet“.
       Der Verein sei seinem eigenen Schutzauftrag nachgekommen und habe dem
       betroffenen Mädchen Hilfe und Unterstützung angeboten. „Zudem hat er
       umgehend das Jugendamt mündlich informiert und ein pädagogisches sowie
       trägerbezogenes Schutzkonzept vorgelegt.“
       
       Beim Jugendamt sei dann aber die Verantwortung hin- und hergeschoben
       worden. „Jede Leitungsebene hat sich auf die jeweils andere Leitungskraft
       verlassen und das Jugendamt insgesamt auf den freien Träger“, heißt es in
       dem Bericht. Grundsätzlich habe es an einer strukturierten Fallbearbeitung
       und einer Dokumentation des Kinderschutzfalles durch das Jugendamt gefehlt.
       „Auch deshalb ist es zu Verzögerungen im Fallverlauf und zu
       unterschiedlichen Bewertungen im Umgang mit der Strafanzeige gekommen.“
       
       Die Kommission berichtet, sie habe auch mit der betroffenen Jugendlichen
       sprechen können. Sie fühle sich unterstützt vom Mädchenzentrum, es gehe ihr
       aber insgesamt „nicht gut“.
       
       Jugendstadträtin Sarah Nagel (Linke) betonte, es „sei schrecklich“, was in
       dem Jugendklub geschehen sei. Sie wandte sich direkt an die von den
       Übergriffen betroffenen Mädchen und sagte: „Ihr seid auch vom Jugendamt
       nicht ausreichend geschützt und gehört worden, und das hätte nicht
       passieren dürfen.“
       
       ## Nagel zieht Kandidatur zurück
       
       Die Stadträtin war wegen des Umgangs mit der mutmaßlichen Vergewaltigung
       immer wieder in der Kritik. Zwischenzeitlich wurde gegen sie wegen des
       Vorwurfs der Vertuschung ermittelt. In der vergangenen Woche teilte die
       Staatsanwaltschaft allerdings mit, dass sie die Ermittlungen gegen Nagel
       eingestellt hat. Es habe sich kein Anfangsverdacht ergeben, hieß es von der
       Behörde.
       
       Trotzdem hat Nagel ihre erneute Kandidatur für einen Stadtratsposten
       zurückgezogen. Laut einer Mitteilung des Bezirksverbands Neukölln ebenfalls
       aus der vergangenen Woche will sie sich „beruflich und politisch an anderer
       Stelle einbringen“. Sie begründet ihre Entscheidung mit der Geburt ihres
       dritten Kindes im Juni. Seitdem ist sie im Mutterschutz, ihr Amt wird
       kommissarisch geleitet.
       
       Nagel war die erste Linken-Politikerin im Bezirksamt Neukölln. Ab 2021 war
       sie zunächst für das Ordnungsamt zuständig, ab 2023 dann für das Jugendamt.
       Der Bezirksverband will auf der nächsten Mitgliederversammlung eine neue
       Kandidatin für den Stadtratsposten nominieren. Der bisherige
       Fraktionsvorsitzende in der BVV, Ahmed Abed, kandidiert weiterhin für das
       Amt des Bezirksbürgermeisters von Neukölln.
       
       Der Jugendklub in Gropiusstadt ist derweil weiter geschlossen. Wie aus dem
       Bericht hervorgeht, wünschen sich die Jugendlichen eine baldige
       Wiedereröffnung. Es könne allerdings kein „Weiter so“ geben, sagte Nagel.
       Deshalb sollen nun ein pädagogisches Konzept und ein Kinderschutzkonzept
       erarbeitet werden. Außerdem werde das bisherige Team nicht mehr dort
       arbeiten. Darüber hinaus soll durch Umbauten – wie etwa eine bessere
       Beleuchtung des Gartens – die Sicherheit erhöht werden.
       
       14 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Sexualisierte-Gewalt/!6162171
 (DIR) [2] /Mutmassliche-Vergewaltigung-in-Jugendklub/!6163070
 (DIR) [3] https://www.berlin.de/ba-neukoelln/aktuelles/sonderthemen/bericht-der-unabhaengigen-kommission-zur-aufarbeitung-der-geschehnisse-im-jugendzentrum-wutzkyallee-auszug-1712464.php
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hanno Fleckenstein
       
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