# taz.de -- Plakataktion in MV: „Wir haben keine Angst. Wir zeigen Gesicht“
       
       > So denkt das Bundesland über Demokratie: Die Fotografin Sabina von Kessel
       > organisiert eine Plakataktion über Menschen in Mecklenburg-Vorpommern.
       
 (IMG) Bild: In Malchin hängen Jugendliche die ersten Plakate von „Wir zeigen Gesicht“ auf
       
       Was haben eine Bäuerin, ein Fischereiwissenschaftler, ein Imbissbesitzer,
       eine Reinigungskraft und eine Polizistin gemeinsam? Sie sind
       [1][Mecklenburger*innen und Pommer*innen]. Und sie lassen sich bis
       zu den Landtagswahlen im Bundesland plakatieren. Unter dem Motto: „Wir
       zeigen Gesicht. Für ein weltoffenes MV.“ organisiert Fotografin Sabine von
       Kessel eine Plakataktion über die Menschen von MV, wie sie wirklich sind.
       
       In Malchin und Gielow wurden die ersten 100 Plakate druckfrisch am
       Mittwochmorgen aufgehängt. „Wir haben 3.750 Plakate drucken lassen“, sagt
       von Kessel. An Verteilpunkten in Neustrelitz, Greifswald, Rostock [2][und
       Schwerin] werden die Plakate verteilt, die Freiwillige und verschiedene
       Initiativen bis zur Landtagswahl überall in Mecklenburg-Vorpommern
       aufhängen. Außerdem zeigt Sabine von Kessel weitere Porträts in einer
       Ausstellung in der „STRAZE“ in Greifswald.
       
       „Bunt statt braun“, „Können ist international“, „Liebe ist stärker als
       Hass“: Solche Zitate zieren die Plakate sowie Beruf und Heimatort der
       Porträtierten. Die Porträts lehnen sich bewusst an die Ästhetik von
       Wahlplakaten an, sagt von Kessel. „Die Leute werden sich im September
       fragen, wo ist denn nun diese Partei auf dem Wahlzettel?“, sei die Reaktion
       einer Freundin gewesen. Aber die Plakate seien viel differenzierter und
       zeigten Menschen in realen Situationen im Alltag. „Nicht so gestellt mit
       hellblauem Hintergrund.“
       
       Sabine von Kessel kommt gebürtig nicht von hier, „aber meine Vorfahren
       mütterlicherseits liegen hier auf dem Friedhof“. Viele Jahre arbeitete sie
       in der Entwicklungszusammenarbeit. 12 Jahre in Indien und 2 Jahre in
       Südafrika für die Afrikanische Union. Sie sei zurück nach
       Mecklenburg-Vorpommern gekommen, denn „Entwicklungsarbeit braucht es
       überall.“
       
       ## Kathrin mit der Kuh
       
       An die Fotosessions kann sich von Kessel gut erinnern. „An jede einzelne!“
       Zum Beispiel an Kathrin mit der Kuh. Die Landwirtin traf sie an einem
       Februartag. Es lag Schnee und bitterer Frost. „Wir haben so gefroren. Aber
       die Landwirt*innen, die haben geschwitzt!“ Auch andere Gespräche sind ihr
       noch lebendig im Kopf: mit Nouga Nouga, einem Lehrer in Sternberg, der
       gebürtig aus Kamerun kommt, oder mit Stephanie D., einer Reinigungskraft in
       Schwerin.
       
       In Parchim wurde sie von Mehmet S. an einem anderen sehr kalten Tag auf
       einen Tee im Hinterzimmer seines Imbisses eingeladen. Eine Stunde redeten
       sie über seine Arbeit, Parchim und die große kurdische Community dort. Dann
       fragte von Kessel, ob sie ein Porträt von ihm schießen dürfe.
       
       Das Gespräch vorher ist entscheidend. Und die Intensität des Blicks
       entscheide über die Auswahl ihrer Modelle. Die komme für Sabina von Kessel
       durch „Konzentration im Gesicht“. Deshalb sei Fotografieren keine
       unpolitische Form, betont sie. „Das Wichtige ist, eine Beziehung
       aufzunehmen.“
       
       Mit ruhiger Ausstrahlung und Ernsthaftigkeit sollen von Kessels Modelle
       zeigen: „Ich habe keine Angst.“ Sie habe die Modelle nicht aufgefordert,
       eine Position gegen etwas einzunehmen, sondern für etwas. Wie zum Beispiel
       die 88-jährige Rita A. aus Neustrelitz auf einer Schaukel: „Es sieht so
       aus, als ob sie die Faust hebt.“
       
       ## Vielfalt gegen rechts
       
       Denn reichen Ruhe und Konzentration gegen den Rechtsruck? Die Gruppe
       „zusammen bewegen“ habe sich als Bewegung entschieden, sich nicht gegen die
       AfD zu positionieren, sondern in den Dialog zu gehen. „Es gibt ja
       vielfältige Formen von Protest.“ Die Omas gegen Rechts aus Greifwald etwa
       waren sehr sympathisch. Sie fotografierte sie bewusst vor einem gesprayten
       Hintergrund: „Also sehr modern!“
       
       „Es gibt sehr viele mutige Menschen, auch in diesem Land“ betont von
       Kessel. Viele hätten ein Bild von Engstirnigkeit in MV. Das störe sie auch
       an den Medien. „Die AfD gibt es auch in anderen Teilen Deutschlands.“ Ein
       Besuch aus Köln etwa sei „total erstaunt“ gewesen, was für offene Menschen
       und tolle Angebote es hier gebe. Dass sich ihre Aktion nicht nur an
       Mecklenburger*innen und Pommer*innen selbst richtet, sondern auch
       an Menschen von außerhalb, daran habe die Fotografin anfangs gar nicht
       gedacht. „Aber immerhin gibt es hier 8 Millionen Tourist*innen.“
       
       [3][Ob sie die Landtagswahlen beeinflussen können]: „Na ja. Leute, die sich
       eine AfD-Fahne in den Garten hängen, erreichen wir eh nicht. Aber es gibt
       ja etwa 20 Prozent Unentschiedene. An die wenden wir uns.“ Jede und jeder
       auf den Plakaten sei ein Beispiel dafür, Mut zu zeigen und für Demokratie
       einzustehen.
       
       21 Aug 2026
       
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