# taz.de -- Selbstbefragung zum Wahlsieg der AfD: Wir sind Siegmund
> Der Rechtsextremismus ist eine Form des Exorzismus: Die Deutschen wollen
> zu sich selbst befreit werden. Ein Psychogramm nach der Wahl.
(IMG) Bild: Back to the future: AfD-Anhänger mit Siegmund- und Bismarck-Bierbecher
Wir sind Siegmund. Wir sind [1][das freundliche Gesicht] des
Rechtsextremismus. Wir sind er noch dort, wo wir ihn ablehnen. Wir
Deutschen.
Ich rede nicht vom Programm der Partei. Ich rede von denen, die die AfD
wählen. Das sind wir. Wir halten uns einen Spiegel vor, in dem wir erkennen
müssen, dass wir den Nationalsozialismus noch immer nicht überwunden haben.
Denn auch das waren wir.
Wir haben die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht zu Ende
geführt. Wir haben die Farce, als die er [2][im DDR-Sozialismus] wiederholt
wurde, noch nicht überwunden. Wir sind Täter und Opfer einer Sehnsucht nach
politischer Autorität, die nicht in der Lage ist, neu anzufangen. Wir haben
an allen Ecken und Enden, in der Familie, in der Arbeit, in Politik und
Kultur neu angefangen. Überall dominiert das Gespräch und nicht die
Entscheidung. Aber wir sind mental nicht auf der Höhe unserer eigenen
Praxis. Wir sind geistig fremd im eigenen Land.
Wir suchen das Kommando, die Eindeutigkeit, die Selbstverständlichkeit. Wir
suchen die Asymmetrie zwischen den Geschlechtern, die stille Bereitschaft
unserer Frauen. Wir suchen die Asymmetrie im Betrieb und im Büro, den Chef,
der zu seinem Wort, die Mitarbeiterin, die zu ihrer Arbeit steht. Wir
suchen die Asymmetrie beim Arzt, auf dem Sportplatz, in der Schule und in
der Kirche. Wir halten die Symmetrie nicht aus. Sie überfordert uns, weil
sie uns zwingt mitzudenken.
## Die Nation ist überall
Die fundierende Asymmetrie ist die der Nation. Die sichert die Verteidigung
nach außen und die Ordnung nach innen. Die Nation ist überall. Jede Minute
geht es darum, sich zu verteidigen und Ordnung zu schaffen. Jede Begegnung
wird daraufhin gemustert, ob die Ordnung respektiert wird. Auch Ausländer
spielen eine Rolle, aber sie bleiben erkennbar auf Abstand. Natürlich kann
man immer wieder mal fünf gerade sein lassen, seine Schäfchen ins Trockene
bringen und gegen gute Sitten verstoßen. Aber unauffällig!
Noch bis vor Kurzem waren wir wer. Unsere Waren und Maschinen beherrschten
den Globus. Unser Wissen und unsere Lehre waren gefragt. Wir leisteten uns
eine Weltläufigkeit, in der die Rollen klar verteilt waren. Wir waren
neugierig und leutselig. Aber die Orte und Plätze waren eindeutig markiert.
Auch im Ausland sind wir Deutsche. Wenn wir heimkommen, wissen wir, wohin
wir kommen, und freuen uns über Ausländer in der Gastronomie, in der
Medizin, auf dem Bau, solange sie zu schätzen wissen, dass wir sie
akzeptieren.
Wir haben den Nationalsozialismus überwunden. Aber wir haben das Trauma
nicht überwunden, das uns diese Überwindung gekostet hat. Erst schweigend
und trotzig, dann antifaschistisch selbstgewiss, moralisch auftrumpfend und
protestierend haben wir uns nicht verstanden. Wie auch? Wir haben im
denkbar größten Stil gemordet. Es ist unmöglich, uns zu vergeben.
Wir kämpfen noch immer in den russischen Weiten, in der afrikanischen
Wüste, an der Küste der Normandie. Wir haben Heimaturlaub und wissen so
wenig, wie wir den Daheimgebliebenen erzählen können, was wir getan haben,
wie diese einen Weg finden, uns zu berichten, wie die Heimat aufgeräumt
wird. Man braucht nur hinzuschauen, und jeder tut es, aber niemand glaubt
es.
## Sehnsucht nach Autorität
Wir sind Siegmund, weil uns der doppelte Terror in den Knochen steckt, den
wir vor unserer Befreiung erlitten und ausgeübt und den wir nach der
Befreiung verdrängt haben. Wir leiden unter dem faschistischen Komplex, uns
in eine Gemeinschaft gefunden zu haben, die man nicht wollen kann. Jede
Selbstverständlichkeit, mit der wir ablehnen, wer und was wir gewesen sind,
nimmt teil am Übermut, es gewesen zu sein. Niemand kann uns vergeben, wir
sind Vertriebene im eigenen Land.
Wir sind Siegmund, weil uns dieses Wissen niemand nehmen kann. Die
Sehnsucht nach den verlorenen Asymmetrien des Geschlechts, der Autorität,
der Nation ist ein Reenactment im längst luftleeren Raum. Sie ist eine
Bitte, der Geschichte überantwortet und dann vergessen zu werden. Es ist
ein ganzer Knoten, den wir so konservieren, ein Knoten nicht nur unserer
Taten und unserer Fassungslosigkeit danach, sondern auch unserer
Unfähigkeit, uns zu zivilisieren.
Der Rechtsextremismus ist eine Form des Exorzismus. Wir wollen von uns zu
uns befreit werden. Wir wiederholen die Gesten, Sprüche und Lieder in der
Hoffnung, es sei das letzte Mal. Es gibt keinen Protest gegen Siegmund. Es
gibt nur seine Rahmung durch eine Vervielfachung seines Bildes.
Die [3][Kränkung durch den Prozess der deutschen Einheit] ist ein Beleg
dafür, dass unsere Gesellschaft den Zugang zu sich selbst verloren hat. Sie
hält sich auf Abstand, wie sie den Osten auf Abstand hält. Sie mutet sich
die Frage nicht zu, wie sie ihre Verhältnisse gestalten will. Man kennt
sich längst aus, ohne sich irgendwo auszukennen. Nicht das, sondern wir
selbst fliegen uns jetzt um die Ohren.
8 Sep 2026
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