# taz.de -- Spielfilm „LifeHack“: Gut gehackt ist halb gestohlen
       
       > Vier junge Hacker, ein Tech-Milliardär und dessen Krypto-Vermögen:
       > „LifeHack“ macht aus dem Daueronline-Leben einen rasanten und
       > beunruhigenden Thriller.
       
 (IMG) Bild: Erzählt wird nur über die Bildschirme: Szene aus „LifeHack“
       
       Bisweilen fühlt sich die techniksaturierte Welt seltsam grau und
       überfordernd zugleich an. Zumindest dann, wenn man sich ihr allzu sehr
       hingibt, in Dauerschleifen aus Reels und anderem „Content“ gerät, sich in
       schneller Abfolge Tiervideos, Kriegsbilder und Kaufempfehlungen vorsetzen
       lässt. Ob Youtube, Instagram oder Tiktok: Alles fordert Aufmerksamkeit,
       soll mitunter gar für die Karriere ganz wichtig sein und hinterlässt nach
       seinem stumpfen Konsum doch selten ein Gefühl der Befriedigung.
       
       Vielleicht fragt man sich da, warum man sich diesem Wust an Pings und Pushs
       auch noch im Filmischen hingeben sollte. „LifeHack“ ist ein sogenannter
       [1][„Desktop-Film“, wird also ausschließlich über die Bildschirme seiner
       Figuren gedreht]. Filme wie diese bilden mittlerweile sogar eine eigene
       Spielart im Kino, die das Ganze noch etwas treffender beschreibt: Das
       „Screenlife“-Genre. Wobei sich natürlich sofort die Frage aufdrängt –
       Adorno möge es entschuldigen –: Gibt es überhaupt ein richtiges Leben im
       Technotop?
       
       Diese Frage schwingt im neuen Film des noch weitgehend unbekannten irischen
       Regisseurs Ronan Corrigan durchaus mit. Zuerst aber handelt „LifeHack“ von
       sogenannten „Scriptkiddies“. Was das genau ist, erklärt eine Texttafel
       vorweg: Es handle sich um einen abwertenden, von Hackern geprägten Begriff
       für unreife, aber häufig nicht weniger gefährliche Personen, die
       Sicherheitslücken im Internet ausnutzen. Dass die Täter im
       „Cybercrime“-Bereich besonders jung sind, ist ebenfalls zu lesen. Eine
       kurze Recherche deutet zumindest in den USA auf ein Durchschnittsalter von
       gerade einmal 19 Jahren hin.
       
       Das ist exakt das Alter von Kyle Peters (Georgie Farmer), als er zu Beginn
       des Films bei einer Anhörung sitzt. Sie soll klären, ob die Gefahr besteht,
       dass er erneut straffällig wird, wenn er das Internet künftig ohne
       Überwachung benutzen darf. Damit nimmt „LifeHack“ bereits vorweg, wohin all
       das Folgende führen wird: Die Aufzeichnung entsteht nach Kyles Entlassung
       aus dem Gefängnis. Was ihn dorthin führte, erzählt der Plot zwei Jahre
       zuvor. Vor allem aber erzählt er davon, warum der junge Brite tat, was er
       tat.
       
       ## Kein richtiges Leben im Feed
       
       Ronan Corrigan, der mit Hope Elliott Kemp auch das Drehbuch zum Film
       verfasste, skizziert zunächst das Leben eines Schülers, das nahezu
       ausschließlich online stattfindet. Ballerspiel auf „Steam“, Playlist auf
       „Spotify“, dazu parallel ein Videochat auf der bei Gamern beliebten
       Plattform „Discord“. Dort, und nur dort, gibt es Kyles soziale
       Interaktionen. Seine einzigen Freunde sind bis in die frühen Morgenstunden
       zugeschaltet: Sid (Roman Hayeck-Green), dessen alkoholsüchtiger Vater
       mitunter im Hintergrund randaliert, Petey (James Scholz), der von seiner
       Mutter zu Höchstleistungen getrimmt wird, und Alex (Yasmin Finney), die
       Kyle einst einen gefälschten Personalausweis verkauft hat.
       
       Damit ist implizit schon die Verbindung zwischen den Figuren auf den Punkt
       gebracht, um die „LifeHack“ kreist: Es sind Teenager, die in erster Linie
       mit familiären Problemen und Sorgen zu kämpfen haben. Ist es bei Alex die
       wiederum von Tabletten abhängige Mutter, schiebt sich bei Kyle schnell der
       abwesende Vater ins Bild. Zwischenzeitlich gratuliert der Sohn ihm auf
       Facebook zum Geburtstag, wo ein nur kurz eingeblendeter Chatverlauf zeigt,
       wie lange Kyle von ihm bereits mit einem Besuch hingehalten wird.
       
       Überhaupt muss man schnell sein, um in „LifeHack“ keine Informationen zu
       verpassen. Ronan Corrigan und Aleksandr Kletsov schneiden rasant zwischen
       Tabs, Chats und Anwendungen hin und her, Nachrichten tauchen auf und
       verschwinden wieder, während anderswo schon das nächste Fenster geöffnet
       wird. Anfangs kann das durchaus überfordern, doch man gewöhnt sich
       erstaunlich schnell daran. Man kennt es schließlich selbst nur allzu gut.
       
       ## No Future, viel Netz
       
       Nach und nach zeigt sich, dass Kyles Vater als IT-Experte in Dubai arbeitet
       und Frau und Kind zu Hause gewissermaßen vergessen hat. Das erklärt auch,
       warum Kyle das Vorhaben von Petey, in Stanford zu studieren, mit kaum
       verhohlenem Zynismus kommentiert: Sein Freund sei ohnehin qualifizierter
       als die meisten Menschen dort. Warum also Jahre damit verbringen, sich mit
       mittelmäßigen Programmierern abzugeben, nur um später einen anstrengenden
       Job im mittleren Management zu ergattern und darüber das echte Leben aus
       dem Blick zu verlieren?
       
       Diese Weltuntergangsstimmung, der Eindruck eines beschädigten Lebens, das
       im Daueronline-Sein sein Surrogat findet, ist vielleicht nicht sonderlich
       originell. „LifeHack“ aber bringt das Gefühl einer jungen Generation, der
       man immer wieder nachsagt, spätestens mit der Pandemie in eine kollektive
       Depression verfallen zu sein, überzeugend auf den Bildschirm.
       
       Ausgerechnet die Timeline von Kyles Vater bringt schließlich die
       „Heist“-Handlung ins Rollen, zu der die „Was haben wir schon zu
       verlieren“-Haltung in „LifeHack“ führt. Er hat dort ein Video von Don Heard
       (Charlie Creed-Miles) geteilt, einem Tech-Milliardär, dessen Gebaren
       mitunter an eine – zugegeben etwas weniger vermögende – Variante von Elon
       Musk erinnert. Kryptowährungen sind für ihn das einzig Wahre, „Woke“
       dagegen ist absoluter Blödsinn. Für Kyle und seine Freunde ist schnell
       klar: Sie wollen Heard hacken und ihm die Bitcoins abnehmen, mit denen er
       so bereitwillig prahlt.
       
       Spannend ist das vor allem deshalb, weil sich die Gruppe dabei von einem
       gewieften Coup zum nächsten hangelt. Zugang zu Don Heard verschaffen sie
       sich zunächst über dessen Tochter Lindsey (Jessica Reynolds). Sie bauen
       eine Fake-Website für eine Fake-Modelagentur, locken Lindsey mit einem
       Fake-Casting und lassen Alex im Videochat als Fake-Agentin auftreten. Die
       Zustimmung einer Erziehungsberechtigten, die sie für den Vertragsabschluss
       einfordern, führt das Quartett wiederum zu den Daten der Mutter. Eine
       Phishingmail, die vermeintlich von der Anwaltskanzlei stammt, die deren
       Scheidung betreut, öffnet den Weg in ihr E-Mail-Postfach. Und dort finden
       sich schließlich die Daten, die Kyle und seine Freunde brauchen, um an Don
       selbst heranzukommen. Bingo.
       
       ## Klicks und Tricks im Technotop
       
       Von da an braucht es noch ein paar weitere Hacker-Manöver und anonyme
       Telefonanrufe, um an die Summe von 100.000 Dollar zu kommen. Dass das in
       „LifeHack“ niemals langweilig wird, liegt wohl vor allem daran, wie
       nachvollziehbar jeder einzelne Handgriff gemacht wird, ohne dass der Film
       in langwierige Erklärungsschleifen verfällt. Die Mahnung „Show, don’t tell“
       wird sonderbarerweise, obgleich Ronan Corrigan die Bildschirmwelt nie
       verlässt, konsequent eingehalten.
       
       Ganz nebenbei erzeugt das auch Unbehagen. Nicht nur, weil einem hier eine
       beinahe fetischhafte Selbstdokumentation vor Augen geführt wird, sondern
       auch, weil „LifeHack“ zeigt, welche Vulnerabilität damit einhergeht. Mehr
       als einmal lässt der Film daran denken, was für eine leichte Zielscheibe
       man im Netz abgibt – und wie wenig allgemein darüber bekannt ist, mit
       welchen Methoden Menschen ausspioniert, manipuliert und getäuscht werden
       können.
       
       Vor allem aber entwickelt der Film eine ungemeine Sogwirkung. Umso mehr,
       als durch weitere unvorhergesehene Wendungen die Machenschaften der
       Jugendlichen allmählich ins echte Leben überschwappen: Irgendwann geht es
       nicht mehr bloß um Softwarehacking, sondern auch um handfesten
       Hardwarediebstahl.
       
       Ob diese Sogwirkung wohl damit zusammenhängt, dass „LifeHack“ die Regeln
       jener Aufmerksamkeitsökonomie so gut beherrscht, von der der Film selbst
       erzählt? Dass der schnelle Wechsel zwischen den Anwendungen womöglich
       dieselben Dopaminmechanismen bedient wie jene Plattformen, deren „Ästhetik“
       man hier übernimmt? Oder liegt es doch vor allem an der Sympathie, die man
       über die Zeit für diese Jugendlichen entwickelt?
       
       Schwer zu sagen. Fest steht allerdings: Nach anderthalb Stunden „LifeHack“
       hat man ein enormes Bedürfnis, Gras zu berühren.
       
       8 Sep 2026
       
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