# taz.de -- Gleichberechtigte Elternschaft: Der Papa macht jetzt auch mal was
> Dadfluencer setzen sich in den sozialen Medien öffentlich mit ihrer
> Vaterschaft auseinander. Ist das Selbstinszenierung, Profitgier oder
> Aktivismus?
(IMG) Bild: Dadfluencer Olli vom Papa.Kanal hat für sein Podcast-Projekt das Sparkonto geplündert, nun will er Werbung schalten
Mit müden Augen und leicht verwuscheltem Haar begrüßt Olli auf seinem
„Papa.Kanal“ seine Follower auf Instagram: „Aah … Wochenende! Oder wie
Eltern sagen würden: die 48-Stunden-Challenge. Stell dir vor, du hast zwei
Tage Zeit, um ein fünf Tage gewachsenes Chaos zu beseitigen, einen Mount
Everest an ungewaschenen Kinderklamotten zu besteigen und ihn in seine
5.463 Einzelteile zu zerlegen. Wir verbringen unser Wochenende meistens …
getrennt.“
Olli ist Vater von zwei kleinen Kindern und gehört zur Spezies der
Dadfluencer – Männern, die auf Social Media ihre Vaterschaft zum Thema
machen. Care-Arbeit, Mental Load und fifty-fifty sind dabei die wichtigsten
Schlagworte, vieles dreht sich darum, wie man gleichberechtigt Elternschaft
lebt und als Vater für seine Kinder da ist.
Olli, der seinen Nachnamen nicht preisgeben möchte, erreicht mit seinem
[1][„Papa.Kanal“] 420.000 Follower, das eingangs zitierte Reel wurde 50.000
Mal gelikt. Besonders erfolgreich sind seine humoristischen Nachahmungen
des Alltags mit Kindern, etwa wenn er imitiert, wie beim Abendbrot das
Essen überall landet, nur nicht im Mund.
Über die letzten Jahre sind mehr und mehr Dadfluencer in den sozialen
Medien aufgetaucht und erfreuen sich wachsender Beliebtheit in der
Elternbubble. Die taz hat vier getroffen, um herauszufinden: Was macht sie
so erfolgreich? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben,
wenn der Content sich um die eigenen Kinder dreht? Und worum geht es ihnen
mit ihren Inhalten?
## Sebastian Tigges – der „Walking Dad“
In einer Geschichte über Dadfluencer darf ein Name nicht fehlen: Sebastian
Tigges. Er gehört wohl zu den bekanntesten in Deutschland. Das Treffen
findet in Berlin-Prenzlauer Berg statt, wo der 41-jährige Vater von zwei
Kindern seit 14 Jahren wohnt. Es ist ein Freitagmorgen in einem urigen
Eckcafé im Erdgeschoss eines sanierten Altbaus, mit der Frau hinter der
Theke ist Tigges per Du. Vor dem Café zieht ein konstanter Strom von
Radelnden auf dem Weg zur Arbeit vorbei. Tigges ist etwas zerstreut: „Tut
mir leid, ich bin gedanklich noch bei den Kindern, ich komme gerade von der
Kita.“ Sehr verzeihlich, Eltern wissen, wie fordernd die Morgenroutine sein
kann.
Dennoch ist Tigges mehr als präsentabel erschienen, in Wildlederjacke,
Bluejeans und Loafern – so kennt man ihn aus seinen nachdenklichen
[2][Storys auf Instagram]. „Ich hatte nie ein Problem damit, offen über
meine Gefühle und unsere Beziehung zu sprechen“, sagt Tigges. Er habe aber
nicht damit gerechnet, dass sich so viele Leute dafür interessieren und
zuhören. Das große Interesse kam auch durch die Prominenz seiner damaligen
Partnerin, der Schauspielerin und Ex-„Germany’s Next Topmodel“-Teilnehmerin
Marie Nasemann.
In einem gemeinsamen Podcast verhandelte das Paar Intimes aus dem Leben mit
zwei kleinen Kindern. Auch eskalierte Streits wurden dort nachbesprochen,
Tigges berichtete etwa, dass er seine Frau wüst beleidigt hatte. In einem
früheren Leben war er Anwalt für Insolvenzrecht in einer großen Berliner
Kanzlei, mit dem Start des Podcasts vor fünf Jahren folgte der schleichende
Übergang zur Person des öffentlichen Lebens.
Inzwischen ist Sebastian Tigges nicht mehr nur „Mann von“. In den letzten
vier Jahren hat er sich eine eigene stabile Präsenz auf Instagram
aufgebaut. 160.000 Menschen folgen ihm dort. Als „Walking Dad“ hat er sich
beim Spazierengehen mit Kinderwagen durch seinen Kiez gefilmt und vielen
Eltern aus der Seele gesprochen: „Wenn wir da jeden Tag Duplo spielen und
da stundenlang sitzen – ich finde das richtig langweilig.“ Seine Videos
prägten so das Bild vom Dadfluencer in der öffentlichen Wahrnehmung.
Die Beziehung zu Marie Nasemann indes hat nicht gehalten. Vor anderthalb
Jahren trennte sich das Paar. Heute kümmern sich die beiden im
Wechselmodell um den sechsjährigen Sohn und die vierjährige Tochter. Der
gemeinsame Podcast wurde auch nach der Trennung noch eine Weile
fortgeführt, bis im November 2025 die vorerst letzte Folge herauskam.
## Mental Load und Selbstkritik
Tigges blieb Influencer und hat vor Kurzem als solcher mit der
Veröffentlichung seines Buches „Becoming Dad – Was ich gerne früher übers
Vatersein gewusst hätte“ einen neuen Meilenstein erreicht. Der Wechsel vom
digitalen in den analogen Raum ist zwar finanziell vermutlich deutlich
weniger attraktiv als Werbekooperationen auf Instagram. Trotzdem umweht die
traditionelle Ware Buch eine Ausstrahlung, ein symbolischer Wert, der mit
Storys auf Instagram nicht zu erreichen ist.
Direkt nach Erscheinen hat sich Tigges gefilmt, wie er durch das große
Berliner Kulturkaufhaus Dussmann schlendert und stolz festhält, neben
welchen Autoren er nun ausliegt. Auf die Spiegel-Bestsellerliste hat es das
Buch nicht geschafft: „Das wäre natürlich fürs Ego schön gewesen“, gibt
Tigges zu, „trotzdem bin ich sehr glücklich mit diesem Projekt“.
In dem Buch berichtet Tigges davon, wie er unvorbereitet in die Vaterrolle
gerutscht ist. Obwohl das Kind geplant war, stellt er rückblickend fest,
dass er gar keinen Plan hatte. Im Gegensatz zu seiner Partnerin hatte er
sich damals überhaupt nicht vorbereitet: „Ich agierte erst, wenn es konkret
wurde. Wenn etwas zu schleppen war oder ein Schrank aufgebaut werden
musste. Erst viel später verstand ich, dass das eigentliche Problem nicht
in einem einzelnen Möbelstück lag, sondern darin, wer sich zuständig
fühlte. Die mentale Verantwortung für das große Ganze war wie
selbstverständlich auf Maries Schultern gefallen.“ Ein Paradebeispiel für
das typische Ungleichgewicht der Mental Load in heterosexuellen
Beziehungen. Selbst wenn der Vater anwesend ist und sich beteiligt, haben
die Mütter den Blick fürs große Ganze.
Dieses anfängliche Ungenügen ist ein zentrales Motiv der vaterschaftlichen
Erzählungen auf Instagram. Es geht um eine selbstkritische
Auseinandersetzung mit der eigenen Männlichkeit, sie wird als Problem
ausgemacht für die mangelnde Übernahme von Care-Arbeit und Mental Load. Dem
anfänglichen Scheitern folgen die Läuterung und das Bekenntnis zur
gleichberechtigten Elternschaft, meist nach Auseinandersetzungen mit den
Partnerinnen, die ihre Männer auf eine mangelnde Verantwortungsübernahme
hinweisen.
## Laberpodcast „Papas“ für 50:50
Auch Dadfluencer Hannes Husten hat diese Erfahrung bei seinem ersten Kind
gemacht, wie er im Gespräch erzählt: „Am Anfang meiner Vaterschaft war ich
nicht verlässlich. Im Wochenbett war ich immer einen halben Tag mindestens
nicht da. Heute würde ich sagen: Du musst zu Hause sein, dich kümmern.“
Husten ist die eine Hälfte des [3][Podcasts „Papas“], den er gemeinsam mit
seinem Freund Niclas Rohrwacher vor drei Jahren gestartet hat.
Die taz trifft die beiden bei ihrer wöchentlichen Podcast-Aufnahme am
Berliner Holzmarkt. Direkt an der Spree sind hier ein Technoclub, Räume für
Kreative und eine Kita unter dem Dach einer Genossenschaft versammelt. Im
dritten Stock liegt Hustens Studio, in einem kleinen Raum mit zwei
Samtsesseln wird der Podcast aufgenommen.
Husten und Rohrwacher haben sich in der Kita ihrer Kinder kennengelernt und
bezeichnen sich als beste Freunde. Husten ist Gitarrist und Sänger der
Indieband SIND. Auch Rohrwacher ist bühnenerprobt. Der Vater von zwei
Kindern ist gelernter Schauspieler, in der Neuköllner Mafiaserie „4 Blocks“
etwa hatte er einen kleinen Auftritt als Start-up-Gründer. Außerdem gibt er
die Kinderbuchreihe „Der achtsame Tiger“ heraus.
Wie alle Dadfluencer streben auch Husten und Rohrwacher eine gerechte
Aufteilung der Care-Arbeit an. Ein großes Thema, ist es doch in Deutschland
alles andere als selbstverständlich, dass sich Väter an Kinderbetreuung und
Haushaltsführung beteiligen. Laut Zeitverwendungserhebung der
Bundesregierung leisten Frauen pro Woche neun Stunden mehr dieser
unbezahlten Arbeit als Männer, [4][das entspricht einem Gender-Care-Gap von
43,4 Prozent].
Hannes Husten und Niclas Rohrwacher sagen beide, dass sie „sehr nah an
fifty-fifty sind, wenn nicht dort angekommen“. Und wenn auch Väter
anfangen, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und Verantwortung zu
übernehmen, stellen sich auf einmal Fragen, die sich sonst nur Mütter
gestellt haben. Etwa: „Neue Schule, neue Freunde – wie unterstütze ich mein
Kind?“ Oder: „Ist es schlimm, dass ich schnell wütend werde?“ So lauten die
Titel ihrer Rubrik „Kleine große Fragen“.
## Applaus für das Selbstverständliche
„Papas“ ist ein Laberpodcast von zwei Kumpels, die unbedarft, aber mit
Engagement über ihre Vaterschaft sprechen. Auf Instagram machen sie Reels,
in denen sie als „Ronny“ und „Thorben“ überzeichnete Versionen ihrer selbst
darstellen. Die Reaktionen in den Kommentarspalten sind durchweg positiv.
Es ist sehr einfach für Väter, die eigentlich nur das Selbstverständliche
mit ihren Kindern tun, Applaus zu bekommen – die Norm in unserer
Gesellschaft ist noch der arbeitende Vater. Stört das eigentlich die
Mütter? Nachgefragt bei Hannes Hustens Ehefrau Fanny. Fanny Husten ist
Fotografin, Unternehmerin – und mit „Mama Leisa“ schon seit 2019
Elternpodcasterin. Korrekterweise müsste man also auch Hannes als „Mann
von“ vorstellen.
Fanny Husten reagiert gelassen: „Die können ruhig Lob dafür bekommen. Es
ist ungewohnt für die Leute, weil es bisher nicht so gelebt wurde. Aber
klar, theoretisch ist es kompletter Schwachsinn. Wurde eine Mutter jemals
gefragt, warum sie irgendwo alleine mit den Kindern unterwegs ist?“ Worauf
sie Wert lege, sei, dass es sich bei dem, was man als Dadfluencer von sich
gibt, auch um die Wahrheit handelt. Und das würde sie für ihren Partner
bestätigen: „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir sehr
gleichberechtigt sind.“
Auch sie hat am Podcast „Papas“ mitgewirkt: „Die Idee für den Namen kommt
von mir, das Cover habe ich geshootet und das Layout habe ich auch gemacht.
Am Anfang war das schon viel kostenlose Zusatzarbeit. Aber ich habe das
gerne gemacht, am Ende bleibt das ja auch in der Familie.“
## Verfehlte Zielgruppe
Fanny Husten hat allerdings auch eine unangenehme Beobachtung gemacht: Es
gebe Themen, die, wenn sie von Männern besprochen werden, von der
Gesellschaft anders oder als etwas Besonderes wahrgenommen würden. Zum
Beispiel Hannes Hustens Ankommen in der Vaterrolle: „Für Väter ist es dann
automatisch so ein Prozess. Dabei war es auch für mich als Mutter
schwierig, meine Rolle zu finden.“ Aber das werde im Allgemeinen als
selbstverständlich, normal und nicht weiter erwähnenswert betrachtet.
Niclas Rohrwacher ist sich dessen bewusst: „Es ist einfach für uns, als
Papas Zuspruch zu bekommen. Das ist unfair, weil die Mamas alles leisten
und keinen bekommen. Aber irgendwo muss man anfangen, wenn man etwas
verändern will. Und Veränderung kann eintreten, wenn jemand bei uns im
Podcast einen Gedanken hört und denkt: Oh ja, stimmt, das könnten wir
eigentlich auch anders machen.’“
Ist das so? Nehmen sich Väter an den Dadfluencern tatsächlich ein Beispiel?
Dazu gibt es in der Medien- und Familienforschung bisher keine Erhebungen.
Eine Tatsache spricht jedoch eher dagegen: Dadfluencer-Podcasts werden vor
allem von Frauen gehört. Husten und Rohrwacher erreichen zwar circa 40.000
Menschen pro Monat, darunter sind aber nur knapp 20 Prozent Männer. Dieses
Geschlechterverhältnis findet sich auch in den Followerzahlen aller für den
Text befragten Dadfluencer wieder.
Warum aber hören Frauen, darunter vermutlich viele Mütter, Männern dabei
zu, wie die über Themen reden, die sie zuhauf aus ihrem Alltag kennen?
Schließlich gibt es eine Menge deutlich etablierterer Podcasts von Müttern,
etwa den von Fanny Husten. Sie haben die Elternbubble auf Social Media
überhaupt so groß werden lassen. Vielleicht ist es wohltuend, zu sehen,
dass es überhaupt Männer gibt, die an sich arbeiten wollen.
## Promieltern als Projektionsfläche
Manchmal lenken diese Männer die Aufmerksamkeit aber auch auf Themen, die
Mütter nur allzu gut kennen, die jedoch in der breiten Öffentlichkeit
weniger sichtbar sind. Beispielhaft dafür ist ein Reel von Sebastian
Tigges, das er nach seiner Trennung veröffentlichte. Er berichtete dort von
zahlreichen Kommentaren getrennt lebender Mütter auf seinem Account. Sie
teilten dort ihre Erleichterung darüber, seit der Trennung wirklich die
Hälfte der Zeit frei zu haben. Tigges reagierte darauf in dem Video, nahm
die Väter in die Verantwortung: „Was sagt das eigentlich über uns Väter,
wenn unsere Abwesenheit als Entlastung wahrgenommen wird?“
Die Trennung von Marie Nasemann und Sebastian Tigges hat auch über Social
Media hinaus weite Kreise gezogen. In überregionalen Zeitungen erschienen
Nachrufe auf das Paar, etwa in der Zeit („Nein, nicht die beiden!“), nach
dem Motto: Wenn derart gleichberechtigte Eltern es nicht schaffen, wer
dann? Tigges erinnert sich: „Ich war vollkommen geflasht von dieser
Aufmerksamkeit, saß im Café und bekam die ganzen Artikel von Freunden
zugeschickt. Emotional war ich noch voll von der Trennung eingenommen.“
Nasemann und Tigges waren Projektionsfläche für die Wünsche und Erwartungen
vieler Menschen, dem überwiegend weiblichen Publikum nach zu urteilen
insbesondere für Mütter und Frauen. Tigges erklärt sich das Interesse an
seiner (gescheiterten) Ehe so: „Es gibt ein gesellschaftliches Bedürfnis
danach, dass Väter sich mehr um ihre Kinder kümmern.“
Auch die Soziologin und Väterforscherin Kim Bräuer beobachtet diesen Trend.
Ihr Forschungsteam hat 60 Interviews mit Vätern aus ganz unterschiedlichen
Erwerbsverhältnissen geführt und fasst zusammen: „Die Idee von
Gleichberechtigung und der Wunsch, es anders zu machen als die eigenen
Eltern, war milieuübergreifend sehr weit verbreitet. Es gibt nur eine
riesige Lücke zwischen diesem Ideal und der Vaterschaftspraxis.“
## Urban, bürgerlich, privilegiert
Wie gelingt es Dadfluencern, diese Lücke zu schließen und ihre Hälfte der
Kindererziehung zu übernehmen? Die Erwerbsverhältnisse sind in dieser Frage
ein wichtiges Stichwort. Die vier Männer eint, dass sie nicht in einem
klassischen Angestelltenverhältnis tätig sind und – noch wichtiger –
Partnerinnen haben, die vergleichbar viel oder sogar mehr verdienen. Anhand
des Einkommens entscheidet sich schon ganz am Anfang, wer in Elternzeit
geht. [5][Da Männer im Schnitt 16 Prozent mehr verdienen], geht in der
Regel die Mutter in Elternzeit. Das Einkommen ihrer Partnerinnen hat bei
Hannes Husten und Sebastian Tigges dazu geführt, dass sie den größeren Teil
der Elternzeit nach der Geburt übernommen haben, Influencer waren sie
damals noch nicht.
Dadfluencer leben also privilegiert. Gerade Tigges und Nasemann wurden
häufig dafür kritisiert: Die Flucht vor dem langen Berliner Winter nach
Südafrika, die Auslagerung von Betreuungszeit an Babysitter – das kann sich
ein Otto Normalverbraucher in der Regel nicht leisten.
Dass trotzdem viele Eltern die Nöte und Sorgen, von denen Tigges als
„Walking Dad“ berichtet, teilen, liegt auch an dem Familienmodell, in dem
Nasemann und Tigges bis zu ihrer Trennung gelebt haben: als in der
Großstadt lebende Kernfamilie. Die Soziologin Kim Bräuer sagt dazu: „Wir
erleben den Höhepunkt der Enttraditionalisierung von Familienverhältnissen,
Großeltern leben weit weg und sind oft schon sehr alt. Gleichzeitig haben
sich die gesellschaftlichen Ansprüche an Familien wahnsinnig verändert. Es
gibt die Erwartung an beide Partner, sich in Form von Erwerbsarbeit
gesellschaftlich einzubringen, Betreuungsverhältnisse sind jedoch unsicher.
Unter diesen Bedingungen in der postindustriellen Gesellschaft Care-Arbeit
in der Kernfamilie zu leisten, ist eine große Herausforderung.“
Tigges lebt das Modell der Kernfamilie seit der Trennung nicht mehr und
teilt mittlerweile auch nur noch wenig Inhalte zu seiner Vaterschaft auf
Instagram. „Ich würde mich gerne weg vom Teilen meiner individuellen
Erfahrung und meines Privatlebens hin zu Elternschaft als politischem Thema
bewegen“, sagt er. Doch der Grund für seine neue Zurückhaltung ist nicht,
dass er sich nicht mehr aus der Lebensrealität einer urbane Kernfamilie
bedienen kann. Sondern, unter anderem, dass er seine und Nasemanns
komplette Offenheit über das Familienleben heute kritisch sieht: „Wir haben
eine Folge über unseren Sohn als kleines Kind nachträglich gelöscht. Im
Moment verstehen meine Kinder ja noch nicht richtig, was ich mache. Aber
ich möchte nicht, dass sie in Zukunft mit dem konfrontiert werden, was wir
dort preisgegeben haben.“
Das Zeigen der Kinder ist in sozialen Medien verbreitet tabu, auch unter
den Dadfluencern – zumindest was ihre Gesichter angeht. Wenn sie Fotos
veröffentlichen, sind die Kinder entweder nur von hinten zu sehen, oder es
werden Emojis über ihre Köpfe gelegt. Auch die Namen sind unbekannt. Das
Beispiel Tigges zeigt aber, dass schon das Reden über den Nachwuchs Grenzen
überschreiten kann.
Während Tigges sich mittlerweile in Zurückhaltung übt, befindet sich Olli
aus Leipzig an einem ganz anderen Punkt. Sein Stern am Elternhimmel beginnt
gerade erst aufzusteigen. Vor einem guten Jahr hat der Mann mit dem
wuscheligen Haar und den Mount-Everest-großen Kinderklamottenbergen seinen
„Papa.Kanal“ gestartet – mit wachsendem Erfolg. Allein in den letzten zwei
Monaten hat er seine Followerschaft auf 420.000 verdoppelt. Er ist der mit
Abstand reichweitenstärkste Vater in diesem Text.
Das Treffen mit dem 38-Jährigen findet an einem Mittwochvormittag auf einem
verwaisten Spielplatz im Leipziger Westen statt. Auch seine Kinder sind in
der Kita. Olli trägt Stoffhose und ein zerknautschtes Hemd überm T-Shirt
und hat eine zuckerfreie Mate in der Hand – ein funktionales Vateroutfit.
Er erzählt von seiner Kindheit als Sohn getrennter Eltern, die sich im
Wechselmodell um ihn kümmerten. „Obwohl das sehr fortschrittlich für die
Zeit war, waren die Rollenklischees und Stereotype noch sehr in den Köpfen
drin.“ Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Elternhaus und insbesondere
die Abgrenzung vom Vater sind wiederkehrende Themen bei Dadfluencern.
Keiner, der für diesen Text befragt wurde, spricht dabei schlecht über
seinen Vater, alle sehen eine gewisse Fortschrittlichkeit in deren
Vatersein. Allerdings gelte das für die damaligen Maßstäbe, heute wollen
sie es bewusst anders machen.
Was die Dadfluencer außerdem eint: Sie sind urban, bürgerlich, weiß und cis
hetero. Andere Perspektiven, etwa die einer Regenbogenfamilie, kommen zwar
auch auf Instagram vor, doch deutlich seltener. Soziologin Kim Bräuer sagt:
„Natürlich sind die Accounts erfolgreich, die Mehrheiten interessieren. Ich
beobachte als Wissenschaftlerin, dass dadurch das Bild von Vaterschaft in
der Darstellung verengt ist. Vaterschaft und Armut ist zum Beispiel ein
Thema, das nicht vorkommt.“
## Die Gretchenfrage
Wie Sebastian Tigges hat auch Olli nicht mit seinem Erfolg gerechnet. Er
fing kurz vor der Geburt seines zweiten Kindes mit dem Posten an. „Ich
wollte diese Zeit tagebuchmäßig festhalten. Dann habe ich auch eine gewisse
Bühnenaffinität, habe also vielleicht eine neue Bühne gesucht.“ Früher
stand er als Singer-Songwriter auf Bühnen in Leipzig, hat dort schon immer
gerne viel geredet und die Leute mit Witzen unterhalten. Dann wechselte er
ins Marketing, beriet als Selbstständiger Unternehmen.
Diesen Job hat er kurz vor dem Treffen mit der taz aufgegeben – zugunsten
des „Papa.Kanals“. „Um mich auf Instagram auszuprobieren, habe ich mein
Sparkonto leer geräumt. Also muss ich damit jetzt auch Geld verdienen, um
meinen finanziellen Beitrag zu leisten, die Miete zu bezahlen.“ Dadfluencer
oder Creator, wie Olli lieber sagt, ist da ein kohärenter Endpunkt eines
Berufslebens zwischen Marketing und Bühnen.
Und wie verdienen Dadfluencer Geld? Mit Werbung – ein riesiger Markt mit
potenziell sehr guten Einnahmen, aber auch der Gefahr, sich zu verkaufen,
also etwa die Inhalte den beworbenen Produkten anzupassen und nicht
andersherum. Konkrete Summen will im Gespräch mit der taz keiner der vier
Dadfluencer nennen. Sie sagen nur, die Spanne reiche von mehreren Hundert
Euro bis in den höheren vierstelligen Bereich für bezahlte Posts oder
Storys. Abhängig ist das unter anderem von der Reichweite, die sich nicht
allein aus der Anzahl der Follower ergibt, sondern aus der der Accounts,
die tatsächlich den Content schauen.
Auch die anderen drei Dadfluencer schalten Werbung auf Instagram. Zum
Beispiel für Nahrungsergänzungsmittel, Biosäfte, E-SIMs im Ausland,
Secondhandkleidung oder ein Leihwagenabonnement: Produkte, die auf die
Followerschaft zugeschnitten sind, also linksliberale Eltern. Auf die
Frage, was für sie okay ist und was nicht, antworten alle vier gleich: Sie
machten nur Werbung für Produkte, die sie für ethisch vertretbar hielten
und die sie auch selber kaufen würden.
Wenige Tage nach dem Treffen mit der taz postet Olli zum ersten Mal Werbung
auf seinem Kanal: „Testet die Entspannungs-App für Babies und Kinder gern
mit dem Code ‚OLLI‘ mal gratis mit euren Kindern aus und spart danach 20
Prozent auf die Jahresmitgliedschaft. Ich finde die Klang- und Traumreisen,
Hörgeschichten und überhaupt die ganze Weltraumwelt super schön und die
Kids (und ich!) kommen spürbar einfacher runter.“
Olli sagt dazu: „Ich sehe es auch so, dass die Unternehmen mit
Kooperationen meine Arbeit und die gesellschaftskritische Haltung auf
meinem Kanal unterstützen.“ In seinem Content formuliert er zum Beispiel
Kritik an den Einsparungen beim Elterngeld („Null Kind Politik“) oder macht
den Gender-Pay-Gap zum Thema. Lässt sich damit der Widerspruch zwischen dem
Versprechen von Authentizität und dem Unterjubeln einer Werbebotschaft
lösen? Es ist die Gretchenfrage des Influencerdaseins.
26 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.instagram.com/papa.kanal/
(DIR) [2] https://www.instagram.com/tigges/
(DIR) [3] https://www.papas-podcast.de/
(DIR) [4] https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap/indikator-fuer-die-gleichstellung/gender-care-gap-ein-indikator-fuer-die-gleichstellung-137294
(DIR) [5] https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Verdienste/Verdienste-GenderPayGap/_inhalt.html
## AUTOREN
(DIR) David Hinzmann
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