# taz.de -- Gemeinschaft im Alter: Was kommt vor dem Tod?
       
       > Unsere Autorin lebt bewusst kinderlos und ist glücklich. Aber alt zu
       > werden, macht ihr Angst. Ein Besuch bei Menschen, die Pflege anders
       > organisieren.
       
 (IMG) Bild: Katharina Hartmann, 90, und Jürgen Hauer, 75: In der Gemeinschaft „Lebenstraum“ in Sachsen hilft man sich
       
       Stellen Sie sich vor, es ist ihr 100. Geburtstag und ihre Kinder planen
       eine viertägige Party am See für Sie. Alle Verwandten sind da, es gibt
       Buffet, Spiele und Riesenseifenblasen, Umarmungen und liebe Worte.
       
       Stellen Sie sich vor, sie sind 90 Jahre alt, leben schon immer im Osten und
       ihr Sohn organisiert für Sie eine Süddeutschlandtour. Zu zweit erkunden Sie
       Orte von Würzburg bis Freiburg, mit Höhenmetern, Postkartenaussicht und
       Pausen, wo sie nötig sind.
       
       Oder Sie stellen sich vor, wie ihre Tochter für eine Pediküre vorbeikommt,
       nachdem Sie vor wenigen Wochen schwer gestürzt sind. Dazu gibt es Sekt und
       Mutter-Tochter-Gespräche.
       
       Bei meiner Arbeit bin ich in letzter Zeit vielen alten Menschen begegnet.
       In Interviews fragte ich sie, wie es ist, auf 100 Lebensjahre
       zurückzublicken oder seit 65 Jahren mit derselben Person eine Beziehung zu
       führen. Dabei erzählten sie mir auch diese Geschichten. Sie rührten mich –
       und machten mir gleichzeitig Angst.
       
       Ich bin 33 Jahre alt, Single und bewusst kinderlos. Meine Zweiraumwohnung
       teile ich mir mit meinem Kater. Auf Dates verzichte ich schon lange. Ich
       bin gern allein, einsam fühle ich mich fast nie. Das liegt daran, dass ich
       Freundinnen habe, auf die ich zählen kann. Als ich letzten Winter mit
       Grippe flachlag, ging Sophie für mich einkaufen. Anna fuhr durch den ganzen
       Kiez, um meine Lieblingszimtschnecke zu besorgen. Am nächsten Tag holte sie
       mir Nasenspray aus der Apotheke. Annika bot mir an, mich auf dem 400
       Kilometer langen Weg in die Heimat zu begleiten, nachdem meine Mutter eine
       Hirnblutung erlitten hatte. Als ich mal in der Notaufnahme saß, schrieb ich
       ihr halb im Scherz, ob sie mir im Fall der Fälle eine Unterhose und
       Handyladekabel vorbeibringen würde. „Alles, was du willst“, antwortete sie
       mit Kuss-Emoji.
       
       Aber was ist in 30, 40, 50 Jahren? Sind Anna, Annika und die anderen dann
       noch da? Oder haben sie sich ins Ehe- oder Kleinfamilienleben
       zurückgezogen? Vielleicht haben sich unsere Lebenswege bis dahin getrennt?
       Auch mein Bruder ist kinderlos, sodass ich später wohl keine Neffen oder
       Nichten haben werde. Meine Mutter kommt aus Norddeutschland, mein Vater aus
       Rom. Aufgewachsen bin ich in Bayern, lebe aber seit 14 Jahren in Sachsen.
       Tanten, Onkel, Cousins, Cousinen: Von den meisten von ihnen trennen mich
       Hunderte Kilometer.
       
       Wenn ich an die 100-Jährigen denke, die ich interviewt habe, frage ich
       mich: Wer würde sich im Alter um mich kümmern? Wer würde mit mir zur
       Wanderung aufbrechen? Mir die Nägel machen, wenn ich es nicht mehr schaffe?
       [1][Mit wem feiere ich Geburtstag?] Und käme es am Ende nur noch darauf an,
       dass ich Menschen bezahlen kann, mich zu pflegen?
       
       Obwohl ich mich im Heute so eingebunden fühle, finde ich kein Bild, keine
       Idee für meine Zukunft, während ich mir diese Fragen stelle.
       
       Es sind Fragen, die nicht nur ich allein, sondern auch wir als Gesellschaft
       beantworten müssen. Denn in Deutschland steigt die Zahl alter und kranker
       Menschen. Gleichzeitig hinterlässt die Boomergeneration eine riesige Lücke
       in den Pflegeberufen, wenn sie in den kommenden Jahren in Rente geht.
       [2][Die Kosten für Pflegeheimplätze explodieren]. Anstatt das
       [3][Finanzierungssystem] zu reformieren, setzt die Politik weiterhin auf
       unbezahlte Care-Arbeit. [4][Mehr als 80 Prozen]t aller pflegebedürftigen
       Menschen werden derzeit zu Hause versorgt, der Großteil von ihnen durch An-
       und Zugehörige.
       
       „Wie groß der Anteil der Pflegebedürftigen ist, die von Freund*innen
       gepflegt werden, können wir nicht verlässlich beantworten“, sagt Ulrike
       Ehrlich im Videocall. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen
       Zentrum für Altersfragen (DZA) und beschäftigt sie sich seit über zehn
       Jahren mit dem Thema Angehörigenpflege.
       
       Einen Eindruck liefere aber das Deutsche Alterssurvey des DZA, eine
       repräsentative Umfrage unter Menschen ab 40 Jahren. Demzufolge unterstützt
       oder pflegt etwa jede fünfte Person ab 40 Jahren im persönlichen Umfeld.
       Das kann bedeuten, mit der hilfsbedürftigen Person zum Arzt zu gehen, ihr
       im Haushalt zu helfen oder sie zu waschen und beim Essen zu unterstützen.
       In etwa 50 Prozent der Fälle kümmern sich die Pflegenden um die eigenen
       Eltern, in rund 20 Prozent um den*die eigene*n Partner*in. Nur 5 Prozent
       gaben an, Freund*innen zu pflegen, berichtet Ehrlich. „Die klassische
       Konstellation ist also weiterhin, dass Pflege zwischen Eltern und Kindern
       oder zwischen Partner*innen stattfindet“, bilanziert die
       Wissenschaftlerin.
       
       ## Die Angst vor der Leere
       
       Aber was, wenn ein familiäres Umfeld fehlt, auf das man zählen könnte? Im
       Gasthaus Wenzel in der Dresdner Altstadt ist an diesem Sonntagabend die
       Selbsthilfegruppe „Leben ohne Familie“ zum Stammtisch zusammengekommen. Die
       Gruppe richtet sich an Menschen ohne „familiäre Anbindung“, erklärt
       Gründerin Michaela Natea. Rund 30 Menschen seien ihrem ersten Aufruf im
       Frühjahr gefolgt, allesamt Frauen. Die Angst, im Alter allein dazustehen,
       kenne auch sie. Gleichzeitig trauten sich die wenigsten darüber zu
       sprechen, da das Thema schambehaftet sei.
       
       Mit ihrer Selbsthilfegruppe will Natea einen Raum bieten, in dem niemand
       seine Situation erklären oder sich rechtfertigen muss. Stattdessen geht es
       um Austausch und darum, sich gegenseitig zu unterstützen, wo sonst
       Partner*innen oder Kinder zu Stelle sind: bei der Entlassung aus dem
       Krankenhaus, beim Ausfüllen einer Vorsorgevollmacht, bei der Planung des
       Weihnachtsfests.
       
       Bei Weihnachten fühle ich mit. Als Kind liebte ich das Fest, fieberte in
       den Wochen davor regelrecht darauf hin. Heute löst es vor allem Stress in
       mir aus. Spätestens im November gehen die Überlegungen los. Mit wem
       verbringe ich diesmal Heiligabend? In meine Heimat fahre ich nur noch
       selten, Freundinnen in romantischen Beziehungen verplanen die
       Weihnachtstage meist mit ihren Partnern. Letztes Jahr verbrachte ich den
       Abend mit zwei Freundinnen, die keine Lust hatten, zu ihren Eltern zu
       fahren. Wir aßen Klöße und Veggie-Braten, hörten Weihnachtsmusik, spielten
       Karten. Fast wie früher, dachte ich, als wir mit vollen Bäuchen auf dem
       Sofa lagen. Gleichzeitig fragte ich mich: Und nächstes Jahr?
       
       „Ich dachte immer, die Dinge werden sich schon fügen“, sagt Simone
       Hillmann. Auch sie ist Teil der Selbsthilfegruppe „Leben ohne Familie“.
       Ihren richtigen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Wie viele in
       der Boomer-Generation habe auch sie auf die Rente hingearbeitet, erzählt
       die 71-Jährige mit weißem, kurzen Bob und dunkelblauem Oberteil. Dann, mit
       Ende 60, fing es an: Hüftprobleme, Hautkrebs, seelische Erschöpfung.
       Anschließend die Scheidung nach 40 Jahren Ehe, die für sie völlig
       überraschend kam. Kinder hat sie keine.
       
       Von ihren Freund*innen sind die meisten zu ihren Kindern gezogen. Jetzt
       fragt sie sich, wie es weitergehen soll, auch finanziell. Schließlich
       kosten die Eigenanteile in den Pflegeheimen inzwischen im Schnitt mehrere
       Tausend Euro. Deshalb überlegt sie, ihr Haus zu verkaufen. Dabei möchte sie
       dort am liebsten wohnen bleiben. Doch das Treppensteigen fällt ihr
       inzwischen schwer, auch kognitiv ist sie eingeschränkt.
       
       Bald hat sie einem Termin bei einem b[5][etreuten Wohnen] in Hannover,
       ihrer Heimatstadt. Wirklich wohl fühlt sie sich mit dem Gedanken, dorthin
       zu ziehen, nicht. Nach über 30 Jahren ist Sachsen ihr Zuhause geworden.
       „Meine größte Angst ist, im Pflegeheim vor mich hinzuvegetieren“, sagt
       Hillmann. Wenn sie von Menschen mit Kindern hört, wie diese sie
       unterstützen, frustriert sie das. Wer im Alter ohne direkte Angehörige
       dasteht, für den bleibe ab einem bestimmten Punkt nur noch das Heim, glaubt
       sie.
       
       Auch ich habe Angst vor dem Pflegeheim. Als Journalistin kenne ich die
       Horrorgeschichten von alten Menschen, die in ihrem eigenen Urin liegen,
       weil kein*e Pfleger*in Zeit hat, ihnen auf die Toilette zu helfen. Von
       ständigen Kostenerhöhungen, die sich nicht in der Qualität der Versorgung
       wiederfinden. Von Pflegekräften, die an ihrem Job, den sie lieben,
       verzweifeln, weil in ihrem Dienstplan kein Platz für echte Zuwendung
       bleibt.
       
       „Vor allem deshalb mache ich Karriere“, erzählt mir eine Freundin ohne
       Kinder, als ich sie frage, ob sie Angst hat, im Alter allein dazustehen.
       „Weil ich denke, dass es darum gehen wird, genug Geld zu haben, um sich
       eine gute Versorgung leisten zu können.“
       
       Ich bin freie Journalistin. Wenn es gut läuft, komme ich auf 2.000 Euro
       netto im Monat. Ich liebe meinen Beruf, kann mir keinen anderen vorstellen.
       Dennoch weiß ich, dass Geld Handlungsmacht bedeutet. Welche Optionen werde
       ich haben, sollte ich eines Tages nicht mehr allein zurechtkommen? Die
       Frage hinterlässt ein flaues Gefühl in meiner Magengegend.
       
       Gleichzeitig frage ich mich, warum meine Freundinnen und ich uns so
       schwertun, uns unser Alter anders vorzustellen als im Heim mit Personalnot
       oder in der teuren Seniorenresidenz. Wir sind doch so politisch,
       hinterfragen die Verhältnisse, gehen auf Demos, leben in Liebesbeziehungen
       mit mehreren Partnern oder verzichten bewusst aufs Dating. Was ist mit
       unseren Freundschaften? Oder ist Blut immer noch dicker als Wasser?
       
       ## Mit Freund*innen alt werden
       
       Vorsichtig hält sich Katharina Hartmann an Jürgen Hauer fest, während die
       beiden die Treppe im Kräutergarten hinunterlaufen. Unten steht ihr Rollator
       bereit. Wenn sie sich an ihm festhalten kann, ist die 90-Jährige ziemlich
       flink unterwegs auf dem Gelände der „Lebenstraum Gemeinschaft
       Jahnishausen“. 45 Erwachsene und 7 Kinder leben hier als Genossenschaft auf
       einem sanierten Rittergut in Jahnishausen, einem Ortsteil von Riesa. Manche
       wohnen allein, andere in WGs. Alle teilen sich die Gemeinschaftsräume und
       den zum Verlaufen großen Garten.
       
       Ein paar Frauen haben das Projekt Anfang der 2000er ins Leben gerufen. Sie
       waren in der späteren Lebensmitte, Single und wollten zusammen alt werden.
       Katharina Hartmann ist seit 20 Jahren dabei, damals war sie 70. Sie lebte
       in Wien, ihre Kinder und Geschwister waren auf dem Globus verteilt. „Ich
       war auf der Suche nach Gemeinschaft und musste schauen, wo ich bleibe“,
       erzählt sie bei einer Tasse Kaffee im Garten. Als ihr eine Bekannte vom
       Projekt in Jahnishausen berichtete, war sie skeptisch. Sachsen? Ehemalige
       DDR? Doch nach zwei Monaten Wohnen auf Probe beschloss sie ihr Leben in
       Wien aufzugeben und einzuziehen. Was sie überzeugt hatte? „Dass es hier
       schon mehrere ältere Menschen gab“, sagt Hartmann. „Weil man dann manche
       Dinge nicht erklären muss und Ähnliches erlebt hat.“ In den Projekten, die
       sie sich davor angeschaut hatte, wäre sie nur „die Oma vom Dienst“ gewesen,
       ist sie sich sicher.
       
       Die meisten Bewohner*innen in Jahnishausen sind im höheren Alter. Elf
       sind seit Beginn des Projekts gestorben, die meisten in der Gemeinschaft.
       Ohne Trauer in der Stimme erzählt Hartmann, wie sie für eine Bewohnerin
       Mantren gesungen und eine andere aus ihrem Krankenbett auf die Terrasse
       getragen haben, damit sie noch ein paar Stunden den Garten spüren konnte.
       Dank der gelernten Krankenschwestern in der Gemeinschaft können sie hier
       auch körperliche Pflege leisten. Etwas, was sie selbst nicht gut könne,
       sagt Hartmann. Aber Nachtwache habe sie für eine Mitbewohnerin gehalten,
       die im Sterben lag.
       
       Als meine Mutter vor rund eineinhalb Jahren schwer erkrankt war, war für
       mich klar, dass ich zu ihr nach Bayern fahren würde. Obwohl unsere
       Beziehung schwierig ist und wir uns nur selten sehen. Mit meinem Bruder
       besuchte ich sie jeden Tag im Krankenhaus. Ich buk ihr Kuchen, kämmte ihr
       die Haare, schmierte ihr Brote, spielte mit ihr Mensch ärgere Dich nicht.
       Obwohl ich auch am Klinikbett noch die Anspannung zwischen uns spürte. Eine
       Freundin, von der ich mich entfremdet hätte, hätte ich nicht im Krankenhaus
       besucht. Warum aber meine Mutter? Was ist das zwischen uns und unseren
       Eltern, unseren Geschwistern, das uns häufig wie Klebstoff zusammenhält?
       
       „Pflege ist nicht nur eine praktische Aufgabe, sondern auch normativ stark
       aufgeladen“, sagt Soziologin Ulrike Ehrlich. „In Familien gibt es häufig
       die Erwartung, dass man sich umeinander kümmert, in guten wie in schlechten
       Zeiten. Diese Erwartung entsteht aus emotionaler Nähe und der gemeinsamen
       Biografie, selbst wenn die nicht gut verlaufen ist.“ Außerdem spielen
       gesellschaftliche Vorstellungen von Familie und Partnerschaft eine Rolle.
       „Auch in Freundschaften kann ein Gefühl von Loyalität entstehen, aber das
       basiert viel mehr auf dem Prinzip der Freiwilligkeit“, sagt Ehrlich.
       
       „Eine Pflicht, andere zu pflegen, gibt es bei uns in der Gemeinschaft
       nicht“, sagt Katharina Hartmann. „Aber wer selbst in Würde sterben will,
       sollte sich auch beteiligen.“
       
       Der Gedanke, andere im Sterben zu begleiten, macht mir Angst. Ich traue
       mich kaum in Krankenhäuser, seitdem mein Vater dort gestorben ist. Aber
       vielleicht wird es einfacher, dem Tod zu begegnen, wenn man dabei nicht
       allein ist? Seit sie in Jahnishausen lebt, habe sie keine Angst mehr vor
       dem Sterben, sagt Katharina Hartmann. Dafür aber davor, nur noch zu liegen,
       Windeln zu tragen, gefüttert zu werden. Das komme für sie nicht infrage.
       Deshalb hat sie eine Patientenverfügung aufgesetzt, die sie zwei
       Mitbewohnerinnen gegeben hat. Hartmann will aktiv bleiben, solange sie
       kann. Einmal die Woche kocht sie für alle im Wohnprojekt, baut ihr Menü um
       das Gemüse aus dem Garten. Oder sie sitzt an ihrer Nähmaschine. Gerade erst
       hat ihr jemand eine löchrige Kinderhose auf die Kommode gelegt. „Solche
       Sachen landen immer bei mir“, sagt Hartmann, die eine selbstgenähte Tunika
       mit bunt bestickten Ärmeln trägt.
       
       Langweilig würde ihnen hier nicht, sagt ihr Mitbewohner Jürgen Hauer, auch
       er seit über 20 Jahren Teil der Gemeinschaft. Der Mann mit dem strubbeligen
       Haar und Hemd mit Hippiemuster zählt auf: Plenum, Männerrunde, Brot backen,
       Doppelkopfrunde der Frauen. Dann die Planungen für die Info-Wochenenden, an
       denen Neugierige sich einen Eindruck vom Leben der Gemeinschaft machen
       können, die Sommerfeste, die Supervision, um das Zusammenleben zu
       reflektieren, und die Kulturveranstaltungen, die sie auch mit Leuten aus
       dem Dorf umsetzen.
       
       Früher fühlten sich Hauer und die anderen nicht bei allen in Jahnishausen
       willkommen. „Wir waren ja am Anfang nur Wessis“, erzählt der studierte
       Lehrer und lacht. [6][„Sexsekte“ hätten manche sie genannt], erinnert sich
       Katharina Hartmann und muss auch lachen. Inzwischen seien sie gut im Dorf
       eingebunden. Hauer war sogar mal im Ortschaftsrat, nun lässt er es ruhiger
       angehen. „Den halben Tag lang mache ich das, was in der Gemeinschaft
       anliegt, und ab 13 Uhr entspanne ich“, sagt der 75-Jährige.
       
       Wie er in das Wohnprojekt gekommen ist? Hauer erzählt von ersten
       WG-Erfahrungen. Als Student in Gießen, von gescheiterten
       Beziehungsversuchen, weil ihm das „Kleinfamilienmodell immer zu eng“ war,
       und von seinen vielen Umzügen. Mit 51 Jahren kam er nach Jahnishausen. Nie
       sei er so lange an einem Ort geblieben, sagt er. Woanders zu leben, kann er
       sich inzwischen nicht mehr vorstellen. Das Wohnprojekt bedeutet für ihn
       Selbstständigkeit und Freiheit, aber innerhalb einer Gemeinschaft, die ihm
       erlaubt, weiterhin seinen „Unfug zu treiben“, wie er es formuliert.
       
       ## Endstation Pflegeheim?
       
       Zurück in Dresden. Gerade hat sich Susanne Dunger zum Interview hingesetzt,
       da klopft es auch schon wieder an ihrer Tür. Wie das denn mit dem
       Bilderaufhängen sei, fragt ein Mann. Seine Mutter habe einige Gemälde, das
       gehe wohl nicht ohne Dübel. Die Leiterin des Altenzentrums „Schwanenhaus“
       verweist auf die Hausordnung und den Hausmeister, einfach drauflos bohren
       würde sie nicht. Dunger und ihre Kollegen versuchen ihren
       Bewohner*innen so viele Freiheiten wie möglich zu geben. Wer lieber an
       seinem Biedermeier-Tisch sitzt, darf diesen beim Einzug mitbringen. Auch
       ein, zwei Bilder an den Wänden sind in Ordnung. Eine Frau, die bald
       einzieht, bringt sogar ihren Kater mit.
       
       Am Ende sind sie aber immer noch in einem Pflegeheim. Ein Ort, vor dem
       viele Leute Angst haben, weiß Dunger, die das „Schwanenhaus“ in der
       Dresdner Neustadt seit zwei Jahren leitet. „Einige haben Angst vor
       Entmündigung, dass sie plötzlich kaserniert sind, sich streng nach Zeitplan
       verhalten müssen und von fremden Personen abhängig sind“, erzählt die
       59-Jährige. Sie könne das nachvollziehen, es gebe ja auch die
       entsprechenden Medienberichte. „Der Einzug ins Pflegeheim kann aber auch
       eine Bereicherung sein“, sagt Dunger. „Ich habe einige Menschen erlebt, die
       zuerst gar nicht hier leben wollten und die dann durch die Begegnung mit
       den anderen regelrecht aufgeblüht sind.“
       
       Das „Schwanenhaus“ bietet seinen Bewohner*innen einiges.
       Alltagsbegleiter*innen, die mit ihnen den Tag neu strukturieren, wenn
       einkaufen, putzen und kochen plötzlich wegfallen. Ergotherapie,
       Physiotherapie, Einzelbetreuung, Gottesdienste, Bibelstunden. Konzerte,
       Vorträge, eine fahrende Bibliothek. Ehrenamtliche, die mit ihnen Zeit
       verbringen, Clowns, eine Heimkatze namens Coco und sogar Alpakas gibt es,
       die alle zwei Monate aus Königsbrück vorbeikommen.
       
       Trotzdem kommt Beklemmung bei mir auf, während ich Susanne Dunger zuhöre.
       Ich genieße die gemeinsame Zeit mit meinen Freundinnen, aber bin ich mit
       ihnen im Urlaub, wird es mir nach ein paar Tagen schnell zu viel. Dann
       sehne ich mich nach meinem eigenen Rhythmus. Als mir das klar wird, muss
       ich an Jürgen Hauer aus Jahnishausen denken. Die Gemeinschaft dort hat sich
       darauf geeinigt, vegetarisch zu kochen. Doch ab und zu habe er auch mal
       Lust auf ein Würstchen, erzählte er mir. Dann koche er lieber für sich
       allein in seiner kleinen Wohnung.
       
       Geht es nach Susanne Dunger, bräuchte es mehr Projekte wie in Jahnishausen,
       wo Jung und Alt zusammenleben und einander unterstützen. Das Pflegeheim sei
       nicht für jeden etwas. Ohnehin könnten die Heime nicht alle aufnehmen.
       Daneben brauche es auch ambulante Pflege und mehr Plätze im betreuten
       Wohnen. Noch wichtiger aber sei, den Themen Altern, Pflege und Sterben mehr
       Sichtbarkeit zu verschaffen. So können sich Menschen eher mit ihnen
       auseinandersetzen und stehen nicht plötzlich allein da, wenn sie Hilfe
       brauchen.
       
       Als ich meiner besten Freundin an einem Spätsommerabend auf dem Balkon von
       dieser Recherche erzähle, sagt sie: „Wir sollten uns auch mal hinsetzen und
       uns Gedanken machen.“ Was sie meine, frage ich überrascht. Sie will auch
       keine Kinder kriegen. Da könnten wir uns ja überlegen, wie und wo wir
       später einmal zusammenleben wollen, sagt sie. So als wäre das eine
       Selbstverständlichkeit. Weiter als an diesem Abend sind wir noch nicht
       gekommen. Aber zu wissen, dass meine beste Freundin mich in ihrem Leben im
       Alter mitdenkt, tut gut. Vielleicht ist Blut doch nicht dicker als Wasser.
       
       17 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Laura Catoni
       
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