# taz.de -- Angst vor neuer Schuldenkrise: Das Wachstum muss den Finanzmärkten ausreichen
       
       > Der deutsche Staat genießt international die beste Bonität. Doch wegen
       > steigender Schulden ist die Bewertung in Gefahr, warnt die Bundesbank.
       
 (IMG) Bild: Ist besorgt, dass Deutschland bald nicht mehr Muster-Schuldner sein könnte: Bundesbankchef Joachim Nagel
       
       Deutschland ist einer der Staaten mit der solidesten [1][Finanzpolitik]
       weltweit. Nur etwa ein Dutzend Länder erhält von den großen
       Rating-Agenturen die Bestnote als Schuldner – die Bundesrepublik gehört
       seit Jahren dazu. Dennoch warnte Bundesbankpräsident Joachim Nagel
       kürzlich: „Wir müssen hart daran arbeiten“, diesen Status zu erhalten, „und
       das wird sicher eine Herausforderung werden für die Bundesregierung.“ Da
       stellen sich Fragen: Was ist ein Staaten-Rating, welche Bedeutung hat es
       für die hiesige Politik und Wirtschaft?
       
       Die Note AAA („Triple A“) ist top. Meist bekommen sie nur wenige Staaten,
       zum Beispiel die Schweiz, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Australien
       und eben Deutschland. „Das Rating der Agenturen ist ein Zeichen für die
       Bonität des Emittenten beispielsweise einer Staatsanleihe“, sagt Markus
       Demary vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Vergeben wird
       die Einschätzung unter anderem von den Agenturen Standard & Poor’s, Fitch,
       Moody’s und Scope.
       
       Gewisse Ähnlichkeiten hat dieses Verfahren mit den Bewertungen, die
       Privatleute hierzulande von der Schufa erhalten. Wer eine gute Bonität hat,
       bekommt einen Kredit. Bei schlechter Prognose sagt die Bank oder der
       Händler vielleicht Nein. Auf der Ebene der Staaten „sind Ratings ein
       wichtiger Faktor, der Zins, Kurs und Rendite von Staatsanleihen bestimmt“,
       erklärt Demary. Ohne diese Schuldpapiere läuft oft nichts. Quasi alle
       Staaten verkaufen sie an internationale Banken, Versicherungen und
       Investoren, um sich Geld zu besorgen – oder würden das zumindest gerne tun.
       
       Ein Rating ist eine komplexe Angelegenheit. Nicht nur die absolute der Höhe
       der Staatsschulden ist ausschlaggebend für die Bewertung etwa der
       Bundesanleihen, die die Deutsche Finanzagentur in Frankfurt am Main
       herausgibt. Hinzu kommt ein Haufen Daten – Wirtschaftswachstum, Höhe der
       Löhne, Lage der Sozialsysteme, Arbeitslosigkeit, Inflation, Exporte,
       Importe, Produktivität, Investitionen und vor allem die Zukunftsaussichten.
       Denn die Käufer der [2][Staatsanleihen], die Gläubiger, interessiert nur
       dies: Welchen Gewinn können sie mit den Papieren künftig erwirtschaften?
       
       ## Deutschland muss höhere Zinsen zahlen
       
       So ist das Rating das Ergebnis einer Analyse der Wirtschaftsentwicklung.
       Und wie steht Deutschland gerade da? Zum Beispiel muss die Finanzagentur
       mittlerweile einen höheren Zins bieten, damit die Investoren die
       Staatspapiere kaufen. Er liegt nun bei drei Prozent pro Jahr für eine
       Bundesanleihe mit zehnjähriger Laufzeit. Früher waren es nur zwei, ein oder
       gar null Prozent. Aber Deutschland ist noch vergleichsweise gut dran:
       Frankreich und die USA sind schon gezwungen, zwischen vier und fünf Prozent
       Zins zu zahlen.
       
       „Der Zins, den die Bundesfinanzagentur bieten muss, steigt momentan auch
       deshalb, weil sich die Investoren auf den weltweiten Finanzmärkten mehr
       Sorgen über die eventuell zu hohe Verschuldung von Staaten machen“, sagt
       IW-Ökonom Demary. Durch die Investitionsprogramme der schwarz-roten
       Koalition nimmt die öffentliche Kreditaufnahme auch hierzulande deutlich
       zu. Die Schuldenquote im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt beträgt nun
       etwa 64 Prozent. Frankreich oder die USA liegen aber mit jeweils nahe 120
       Prozent deutlich darüber.
       
       Treibt die Bundesregierung die Schulden also zu sehr in die Höhe?
       Vehementer als Bundesbankpräsident Nagel warnt Friedrich Heinemann vom
       Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim: „Das Rating
       ist tatsächlich in Gefahr, weil sich die Bundesregierung von der
       Schuldenbremse verabschiedet hat.“ Er beklagt einen „finanzpolitischen
       Kontrollverlust: Die Bereichsausnahme für die Verteidigung erlaubt
       unbegrenzte Verschuldung.“ Damit meint Heinemann den Beschluss, dass der
       größere Teil der Militärausgaben bis auf Weiteres mit zusätzlichen Krediten
       finanziert werden darf. So sinke die Bonität, und die Zinsen stiegen. „Die
       Bundesregierung sollte dem möglichst schnell entgegenwirken, indem sie die
       Verteidigungsausgaben wieder zunehmend aus dem laufenden Haushalt bezahlt“,
       fordert der ZEW-Ökonom.
       
       Viel entspannter kommentiert dagegen Jens Südekum, Wirtschaftsprofessor der
       Uni Düsseldorf, der SPD-Finanzminister Lars Klingbeil berät: „Unmittelbarer
       Auslöser der jüngsten Zinsanstiege ist die Lage im Nahen Osten und die
       Angst vor einem neuen Energiepreisschock.“ Und positiv sei, dass infolge
       der beträchtlichen Staatsinvestitionen jetzt das hiesige
       Wirtschaftswachstum anziehe, sagt Südekum.
       
       Das ist der Hinweis auf einen entscheidenden Umstand. Die Verschuldung
       verursacht Kosten in Gestalt der Zinsen, die der Staat zahlen muss. Bis
       2030 werden diese im [3][Bundeshaushalt] ohnehin schon auf über 80
       Milliarden Euro wachsen, mehr als zehn Prozent des gesamten Etats. Und
       verschlechterte sich das Rating, nähme dieser Posten weiter zu. Aber die
       Investoren auf den internationalen Finanzmärkten interessiert vor allem:
       Bekommen sie das Geld, das sie dem deutschen Staat geliehen haben, plus
       Gewinn zurück – und kann Deutschland diese Kosten dank des künftig
       ausreichenden Wachstums gut tragen? Die Antwort auf diese Frage ist offen –
       und damit auch die nach der Zukunft des Triple A.
       
       7 Sep 2026
       
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