# taz.de -- Die Wahrheit: Die Pfütze des Teufels
> Was ein Jungunternehmer erlebt, wenn in der Provinz eine pfuhldumme Posse
> abgeht.
(IMG) Bild: Jungunternehmer Schneider hat bereits Subunternehmer eingestellt
Irgendwo in Deutschland gibt es einen Bach und neben dem Bach gibt es einen
Weg. Ein kleines Stück des Weges ist von Wasser geflutet worden, es ist
eine Pfütze entstanden. Die Leute nennen sie die Pfütze des Teufels, denn
sie geht nicht weg. Sie gilt als Symbol der Macht der Natur, die mit ihren
Kräften dem Sein und Tun des Menschen entgegentritt und ihm zeigt, wo der
Hammer hängt.
Früher war die Pfütze ein unüberwindbares Hindernis für Wanderer, die
vermeiden wollten, dass ihre teuren Markenwanderschuhe benässt und
womöglich unbrauchbar wurden. So mussten die armen Wandersleut' umkehren
und eine andere Route suchen. Eines Tages stand der fünfzehnjährige Jason
Schneider vor der Pfütze und überlegte, wie er sie, auch im Interesse der
Wanderer, überwinden konnte.
Er klaute bei einem Lebensmittelgeschäft einen Gittereinkaufswagen, baute
eine Sitzbank für zwei Personen ein, klebte ein altes Handy mit
Internetzugang rein, damit die Passagiere zur Beförderungszeit im Netz
surfen konnten, und befestigte einen Capri-Sonne-Halter mit Strohhalm für
die Getränkeversorgung. Fertig war die Fähre Marke Eigenbau. Dann schrieb
er mit einem Edding auf den Gitterwagen „STYX“ drauf und fragte sich, ob
einer seiner künftigen Kundinnen und Kunden wusste, was es damit auf sich
hatte oder ob die alle doof waren.
Außerdem besorgte er sich noch eine Wathose mit Gummistiefeln, um der
furchtbaren Feuchtigkeit der Pfütze etwas entgegenzusetzen. Schließlich
eröffnete er sein Fährgeschäft. Die Wanderer nahmen seine Dienstleistung
freudig an, bezahlten jedoch nur widerwillig die einen Euro teure Gebühr,
die Jason Schneider verlangte.
## Echt harter Job
„Ich mache das doch hier nicht umsonst“, argumentierte er. „Das ist ein
harter Job. Jeden Tag hunderte Male eine Entfernung von 1,20 Meter
zurückzulegen, eine solche Eintönigkeit halte ich ohne Drogen nicht aus.
Das Ketamin, die Energy-Drinks, das gibt es halt nicht für umme. Anfangs
wedelten diese ganzen Leute mit ihren Deutschlandtickets herum, aber ich
habe ihnen gesagt, dass sie laut meinen AGB sich die sonst wo hinstecken
können! Einem habe ich ein Beförderungsverbot erteilt, weil der meinte, so
eine Formulierung dürfe in AGB nicht drinstehen.“
Nach einer Weile erschien ein Mitarbeiter des Finanzamtes, der eine
Gewerbegenehmigung prüfen wollte. Jason Schneider fuhr ihn in die Mitte der
Pfütze und stieß ihn von Bord. Und zum Sommerende wollte er den Betrieb
einschränken, doch die Kunden hatten was dagegen.
„Die Drogen laugten mich aus, die Hitze machte mich fertig und bald standen
Klausuren an“, berichtete der junge Schneider. „Zwei Stunden jeweils
Samstag und Sonntag schienen mir angemessen, aber die Leute standen Montag
bis Freitag an der Pfütze und haben mich vom Gitterwagen-Handy aus
angerufen und mich darüber belehrt, dass das so nichts wird mit dem
wirtschaftlichen Erfolg als Existenzgründer und überhaupt, die Generation
Alpha, das sei ja wohl die Höhe, und ich soll sofort meinen Arsch hierher
bewegen und den Fährdienst in Betrieb nehmen.“
Das Ordnungsamt sah die Aktivitäten skeptisch, denn offenbar geschah hier
etwas, wofür kein Antrag gestellt worden war. Der Kollege Kasulke vom
Finanzamt II war seit einiger Zeit verschollen, und manch einer fragte
sich, ob es da einen Zusammenhang gab, schließlich besaßen Leute, die etwas
ohne Genehmigung machten, eine kriminelle Energie.
Aber anfangs hielt man sich noch bedeckt. Der Fährbetrieb des jungen Mannes
lockte Touristen an, Influencer buchten eine Fahrt, kreischten vor Freude
in ihre Instagram- und TikTok-Channels und das renommierte Fährenmagazin
Von A nach B bescheinigte dem Betrieb ein „erfrischendes Konzept zur
Stärkung einer tradierten maritimen Bewegungsart“.
## Das Blatt hat sich gewendet
Doch inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Wann immer Jason Schneider
seine Fähre öffnet, steht nun ein Mitarbeiter des Amtes am Ufer der Pfütze
und ruft durch ein Megafon: „Ich untersage Ihnen mit sofortiger Wirkung die
Personenbeförderung. Entfernen sie unverzüglich das Gefährt aus dem
Gewässer.“
Offizielle Begründung: Schneider kann keine Ausbildung als Fährschiffer
nachweisen, was hierzulande zur allgemeinen Aufrechterhaltung der Ordnung
notwendig ist. Außerdem fehlen Gewerbenachweis und Bilanz. Nur Jason
Schneider weiß, was aus dem Finanzoberrat Kasulke geworden ist, und weit
und breit findet sich kein ausgefülltes und unterschriebenes Formular.
Das Ordnungsamt schließlich ist sich sicher, letztlich die
Auseinandersetzung zu gewinnen: „Wenn Herr Schneider“, so heißt es in einem
siebenseitigen Schreiben, „nicht die Bürokratie mürbe macht, dann der
Klimawandel. Es wird vermehrt zu ‚Hitzedomen‘ mit 40 und mehr Grad kommen.
Auf Dauer wird die Pfütze des Teufels austrocknen. Die illegale
Fährschiffdienstleistung erledigt sich dann. Der Weg wird trocken und heiß
daliegen, und wandernde Personen werden ihn zur Zurücklegung von
Entfernungen ohne Einsatz von Hilfsmitteln nutzen. Wie es sich gehört.“
8 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Robert Rescue
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