# taz.de -- Die Wahrheit: Beinarbeit im Kopf
> Gehen ist das neue Laufen. In Berlin entwickelt sich eine neue sommerlich
> analoge Spaziergehbewegung gegen die ewige Sunshine Guilt.
(IMG) Bild: Teil einer unaufhaltsam wachsenden Jugendbewegung: Spaziergänger Foto: dpa
Ein warmer Sonntagnachmittag irgendwo in Berlin. Etwa 500 junge Menschen
haben sich versammelt zum krassesten Ereignis des Jahres, das vermutlich
Verrückteste, was sie alle bislang erlebt haben.
„Ich gehe normalerweise bei so einem Wetter nicht vor die Tür“, sagt
Tim-Marie, ohne von seinem Handy aufzusehen. Er hat die Wetter-App
aufgerufen. „27 Grad. Boah, das ist ja wie auf der Sonne. Aber ich habe
gelesen, dass ich unter Sunshine Guilt leide, also Schuldgefühle entwickle,
wenn ich bei schönem Wetter nicht draußen bin, und das wollte ich nicht auf
mir sitzenlassen. Aber 27 Grad ist schon heftig.“
Marvin, von Beruf Influencer, hat sich das Event einfallen lassen. „Also,
ich poste jeden Tag, was ich so mache“, erzählt er. „Gestern habe ich
geschrieben, dass ich morgen einen Spaziergang mache. Normalerweise
interessiert das kaum eine Sau, ich bin in der Regel ein
reichweitenschwacher Influencer, aber diesmal ging die Post ab. Plötzlich
meldeten sich Hunderte von Leuten und wollten mitmachen. Manche fragten,
was Spazierengehen denn sei und ob es dafür eine App gibt.“
Er schaut über die Menge der ihm folgenden Leute. Es hat etwas von Jesus
und seinen Jüngern. „Ich habe dann klare Regeln aufgestellt. Wir machen
echtes Spazierengehen, keine E-Scooter, keine Leihautos und keine
E-Skateboards zur Fortbewegung. Stattdessen richtige Beinarbeit mit diesem
Schwitzen und dem Muskelkater. Ein paar hatten Schiss, aber ich habe ihnen
klargemacht, dass Muskelkater und Schwitzen nichts ist, woran sie krepieren
können.“
## Wirkung aufs Wohlbefinden
Eigentlich hatte Marvin auch ein Handyverbot angeregt mit der Begründung,
dass so ein Spaziergang eine größere Wirkung auf das Wohlbefinden, das
Sozialverhalten und das generelle Erlebnis entfaltet, wenn man mal
„offline“ ist. Aber nicht alle haben sich daran gehalten. Manchen ist der
aufrechte Gang, ohne Blick auf das Handy, einfach zu unheimlich als
ungewohnte Form der Wahrnehmung. Vereinzelt sieht man auch E-Scooter, die
aber zumindest geschoben werden.
Sarah-Paul kommt ins Schwärmen, was die sozialen Möglichkeiten des
Spaziergehens angeht: „Normalerweise bewege ich mich ja nicht. Ich arbeite
zu Hause, lasse mir Lebensmittel und Essen vom Inder bringen und der
Mietwagen hält vor der Tür. Ich wollte Leute kennenlernen und vielleicht
etwas schwitzen. Mit 18 People habe ich schon getalkt, aber ein paar waren
nicht offen und unterhaltsam. Die wollte ich nach links swipen, aber die
waren dann immer noch da. Auf mich hatten die wohl auch keine Lust, aber
ich bin auch nicht verschwunden. Dann standen wir uns eine Weile gegenüber
und haben nichts gesagt. Das war echt irre.“
## Gang ohne Druck
Marvin kann sich vorstellen, diese Spaziergänge groß aufzuziehen: „Ich habe
früher mal bei so Running Clubs mitgemacht. Aber sozial ging da gar nichts.
Dieses Laufen, Luft holen und die Achtsamkeit wegen anderer Leute und die
ganzen roten Ampeln, das war ziemlich fordernd. Beim Spaziergang gibt es ja
weniger Leistungsdruck, und man läuft nicht, das eröffnet neue Dimensionen
sozialer Interaktion. Vielleicht gehen auch andere Leute spazieren, und man
kann sich connecten. Ich kenne Programmierer, die könnten eine App bauen
und eine Seite ins Netz stellen. Vielleicht geht auch was mit Sponsoring
oder Gamification. Wer mehr Schritte auf dem Schrittzähler schafft, der
bekommt Punkte oder einen Gutschein, so was in der Art.“
Die Menge erreicht einen Platz. Unsicherheit macht sich breit. Wie soll es
weitergehen? Marvin ruft zusammen und dankt allen. Laut seines
Schrittzählers hätten sie 10.000 Schritte geschafft, das sei eine
großartige Leistung. Ein paar Teilnehmer fallen in Ohnmacht. Es hätten sich
2.000 Leute angemeldet, fährt Marvin fort, aber nur 500 hätten es heute
geschafft, teilzunehmen. Die anderen konnten nicht wegen Homeoffice,
Terminen oder einfach nur Angst. Aber beim nächsten Mal sind alle dabei. Es
wird eine Bewegung entstehen, die irgendwann die ganze Stadt, später das
ganze Land und bald die ganze Welt erfassen wird.
Marvin hat inzwischen Sonnenbrand bekommen. Er fühlt sich glücklich.
27 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Robert Rescue
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