# taz.de -- Die Wahrheit: Heiß und fettig und kostbar
> Biodiesel aus Altfett: Wie in der Spritkrise während des Irankriegs das
> ganz große Ding als Schwarzhändler für ölige Produkte begann.
(IMG) Bild: Bevor es Altfett wird, kommt das Öl in die Pfanne Foto: Erik Irmer
Ich hätte nicht gedacht, dass meine kriminelle Karriere so verlaufen würde.
Vor einer Weile bin ich bei mir in Berlin nachts die Müller- und die
Seestraße im Wedding lang gewandert. Ich habe bei den Döner- und den
Burgerläden gefragt, ob sie ihr Altfett aus der Fritteuse noch brauchten.
Normalerweise schütten die das in irgendwelche Behälter auf dem Hinterhof
und einmal die Woche holen das dann Fahrer aus dem
Speisefettentsorgungsgewerbe ab. Vielleicht aus Mitleid für eine
ungewöhnliche, vielleicht auch bescheuert anmutende Bettelstrategie nahmen
die Gastronomen eine Kelle und schütteten eine Ladung in den roten
Plastikeimer, den ich ihnen mitten in der Nacht entgegenhielt.
Zwischendurch ging ich mal nach Hause, um den Eimer in einen größeren
Behälter zu leeren und machte mich wieder auf den Weg. Wie gut, dass wir
auf der Müllerstraße im Wedding so viele Dönerläden haben.
Mit der Zeit wuchs mein Appetit. Mein roter Eimer wurde größer, und ich
begann auch nach Westen hinüber an den Ku’damm zu fahren oder zur
Warschauer Straße nach Friedrichshain im Osten. Inzwischen hatte ich einen
Mitarbeiter, der einen Transporter lenkte, in dem sich ein sehr großer
Eimer befand. Das zugegeben aufwändige Sammeln von Altfett hatte nichts mit
irgendeinem Fetisch zu tun, sondern diente dem Gelderwerb. Denn aus Altfett
konnte man Biodiesel gewinnen, ein zunehmend wichtiger Kraftstoff, gerade
während der Spritkrise infolge des Irankrieges.
## Fett auf dem Mond
Bislang erzählten die Entsorger den Gastronomen, sie hätten keine
Verwendung für den Scheiß, würden das nur aus Nächstenliebe annehmen und
mit Unterstützung der Nasa zum Mond schießen. Dort solle sich inzwischen
eine riesige Ansammlung von Altfett befinden, was die Raumfahrt dorthin
erschwere, weshalb Elon Musk mit seiner Kolonie und so weiter und so fort
auf den Mars ausweichen wolle.
Biodiesel war inzwischen der Treibstoff der Oberschicht, der nach der
Aufbereitung nicht mehr nach Pommes roch, sondern nach Lavendel. Er glänzte
wie Gold und ließ den Lamborghini schnurren. Deshalb bekam man für eine
Tonne Altfett auch um die 900 Euro, und wer davon wusste, sah Altfett
plötzlich mit anderen Augen. Da lohnte ein Betteln mit einem Eimer oder der
Einbruch in die Sammelstelle auf dem Hinterhof.
Inzwischen habe ich ein Dutzend Mitarbeiter, die mir bei der Besorgung
helfen, denn die Sitten sind rauer geworden. Die Gastronomen haben Wind von
den guten Verdienstmöglichkeiten bekommen und rücken das Fett nicht mehr so
leicht heraus. Gut möglich, dass die Antwort auf die Bestellung „Einmal
alles Altfett, aber zacki, zacki“ darin besteht, dass die Kellner unter
ihren Schürzen Maschinenpistolen zücken und das Feuer eröffnen. Die
Speisefettentsorger haben aufgerüstet. Die Transporter sind jetzt in
Kolonnen unterwegs und dazwischen fahren Pick-ups mit Taliban verstärkt,
die sich zu ihrem Terror was dazuverdienen wollen.
Meine Leute rekrutieren sich vorrangig aus der tschetschenischen
Söldnerszene von der Osloer Straße hier im Wedding. Die unterjochten Läden
sind aufgeteilt, aber manchmal gibt es Reibereien an den Grenzen, die mit
Mann und Munition geklärt werden müssen. Wenn ein Chicken-Döner-Laden neu
aufmacht, gebe ich ein Angebot zum Recycling ab und mein Kundenberater
Töfte, der seit dem zweiten Lebensjahr lebenslänglich im Knast saß wegen
Verbrechen wider die Menschlichkeit, legt sich ins Zeug, um den Auftrag zu
ergattern.
## Altfett im Haar
Selten passiert es mal, dass ein Berliner Gastronom irgendwas
mitentscheiden möchte. Die rücken schnell von der Idee wieder ab, wenn wir
sie im Altfett waterboarden. Das ist keine schöne Erfahrung, und außerdem
klebt das Zeug wochenlang in den Haaren.
Wichtig ist allerdings, dass wir die Gastronomen motivieren, auch weiterhin
Altfett zu produzieren. Dafür müssen sie nur regelmäßig Aktionswochen mit
„Pommes für die Hälfte“ anbieten, damit die Fritteuse ordentlich blubbert.
Worauf ich allergisch reagiere, ist der Einsatz von Airfryern. Wer die
benutze, kriege Probleme, lasse ich die Gastronomen wissen. Der Einsatz von
Airfryern verursacht Krebs wegen der heißen Luft, und – ja – die
Scheißdinger sind schlecht für das Business.
Zurzeit plane ich den ganz großen Coup. Der wird logistisch eine
Herausforderung. Mindestens einmal im Jahr wird die Kanalisation von London
von einem riesigen Fettberg verstopft. Diese Londoner Ungetüme sind ein
Vermögen wert. Der letzte war unter anderem mehr als 100 Meter lang und es
dauerte Wochen, ihn loszuwerden. Eine Nacht-und-Nebel-Aktion soll es bei
mir werden – mit 100 Mann, die im Akkord das Fett abtragen, an die
Oberfläche befördern und mit Lastern abtransportieren.
Die Stadtverwaltung von London wird mir dankbar sein. Vielleicht gehe ich
später mal auf der Einkaufsmeile Oxford Street schlendern. Dann habe ich
aus Gewohnheit meinen kleinen, roten Eimer dabei.
31 Mar 2026
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(DIR) Robert Rescue
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