# taz.de -- Breite Bündnisse gegen die AfD?: „Es braucht einen sozialen Antifaschismus“
       
       > Grüne und SPD haben ihren Neoliberalismus nicht aufgearbeitet. Das steht
       > einer echten Kritik der herrschenden Politik im Weg, sagt Mario Candeias.
       
 (IMG) Bild: Die Anti-AfD-Demos wird es weiterhin geben – mit oder ohne Hund
       
       taz: Herr Candeias, nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt wird erneut
       zu breiten Bündnisdemos unter Beteiligung aller demokratischen Parteien
       aufgerufen. Sie sehen darin ein Problem. Warum? 
       
       Mario Candeias: Diese breiten Protestbündnisse haben oft die starke
       Beschränkung, dass sie die Ursachen der Faschisierung aus dem Blick
       verlieren. Da geht es dann gemeinsam mit Grünen und SPD gegen die AfD, aber
       nicht gegen die herrschende Politik. Das verkennt, woher der Rassismus und
       der Klassismus von AfD-Wähler:innen kommt: Auch aus dem Gefühl, das
       verteidigen zu müssen, was man noch hat – weshalb Menschengruppen
       angegriffen werden, die vermeintlich nichts leisten. Wer da nur den Status
       quo verteidigt, macht sich unglaubwürdig. Ein hilfloser Antifaschismus.
       
       taz: Ist das nicht ein sehr hartes Urteil? Auch Grüne und SPD wollen
       schließlich eine Gesellschaft, die solidarischer ist – ganz im Gegensatz
       zur AfD. 
       
       Candeias: Es gibt viele gute Leute in diesen Parteien, mit den man
       zusammenarbeiten kann. Das Problem ist aber, dass diese Parteien ihren
       Neoliberalismus bisher nicht aufgearbeitet haben. Dabei sind der
       gegenwärtige Sozialabbau und die Kürzungspolitik, schärfer als zu Zeiten
       der Harz-Reformen, das Versagen beim Klimaschutz und die
       Milliardeninvestionen in die Rüstung oft der Grund, dass die Leute von „der
       Politik“ gar nichts mehr erwarten. Die AfD ist natürlich selbst
       hyperneoliberal, hat es aber geschafft, diese Ängste mit einer
       völkisch-rassistischen Erzählung zu besetzen.
       
       taz: Sie fordern einen „sozialen Antifaschismus“, also die Verbindung von
       Antifaschismus mit anderen sozialen Kämpfen, wobei auch die Linkspartei
       eine Rolle spielen soll. Wie soll das konkret aussehen? 
       
       Candeias: Ganz vielfältig: Von der [1][Rechtshilfeinitiativen wie „Recht
       solidarisch“ für zivilgesellschaftliche Initiativen unter Druck,] der
       Unterstützung von Lehrer:innen, denen ein Verstoß gegen das
       Neutralitätsgebot vorgeworfen wird. „Patenschaften“ für Inis in kleinen
       Orten. Wir brauchen zivilen Ungehorsam gegen die AfD, auch im Sinne von
       Widersetzen, gemeinsame Streiks in Schulen, Unis, Verwaltungen, oder
       Betriebsversammlungen, auf denen die Arbeit unterbrochen und diskutiert
       wird, um ökonomischen Druck zu erzeugen. Auch ein Streik aller Menschen mit
       Migrationshintergrund wäre ein starkes Zeichen. Ein Vorbild können die
       vielfältigen Kämpfe gegen die US-Abschiebebehörde ICE in Minneapolis sein,
       die auf der Basis von Community-Organisation entstanden sind.
       
       taz: Vieles davon passiert bereits. 
       
       Candeias: Ja, das stimmt. Aber was die vielen guten Initiativen vor Ort
       immer wieder erzählen, ist, dass sie es kaum schaffen, über den Alltag
       hinauskommen. Dafür ist einfach zu viel los. Da braucht es ein verbindendes
       Element, das einen wirklichen Gegenpol im Diskurs und in der Wahrnehmung
       der Menschen setzt. Ein deutliches Zeichen, dass es eine antifaschistische
       Bewegung gibt, die nicht nur gegen die AfD agiert, sondern ein wirklich
       anderes Gesellschaftsprojekt verfolgt, den Alltag der Leute verbessern
       will.
       
       taz: Und diese Rolle soll die Linkspartei spielen? 
       
       Candeias: Im Bündnis zusammen mit den zivilgesellschaftlichen Initiativen,
       ohne dieses zu bestimmen, ja. Eine Partei kann die Linien zwischen
       Einzelkämpfen verbinden – gegen steigende Mieten, für den Erhalt von
       Krankenhäusern, für die Verteidigung der sozialen Infrastruktur oder gegen
       Massenlager für Geflüchtete. Sie kann eine Organisationsbasis schaffen, um
       auch in benachteiligte Viertel zu gehen, um über die üblichen Verdächtigen
       hinauszukommen. Nur alle Initiativen stärker zu koordinieren, wäre zu
       wenig. Wir müssen mehr werden, damit Druck aufgebaut werden kann. Da kann
       eine Partei behilflich sein, ohne einen exklusiven Führungsanspruch.
       
       taz: Glauben Sie wirklich, dass die Linkspartei in Sachsen-Anhalt diese
       Rolle ausführen könnte? 
       
       Candeias: Die Katastrophe, dass [2][das BSW wohl im Landtag] sitzt und
       jetzt womöglich eine AfD-Regierung ermöglicht, eröffnet dafür ein Fenster –
       weil die Linke wahrscheinlich keine CDU-Regierung stützen muss, um die AfD
       zu verhindern. Die Linkspartei ist in den letzten Jahren massiv
       angewachsen, da sind viele Menschen dabei, die eher oppositionell eine
       organisierende Partei aufbauen wollen. Klar sind diese Leute vor allem in
       großen Städten aktiv. Aber auch die Arbeit von dort hat das Potenzial,
       darüber hinaus zu strahlen und die Zahl exemplarisch dort mitzuhelfen, wo
       in kleineren Orten die kritische Masse fehlt.
       
       taz: Würde es die Anti-AfD-Bewegung nicht empfindlich schwächen, wenn der
       Bewegung all diejenigen fehlen, die gegen die AfD sind, aber nichts mit der
       Linken oder Umverteilung anfangen können? 
       
       Candeias: Wieso? Die Anti-AfD-Demos wird es ja weiterhin geben. Und was SPD
       und Grüne angeht: Auch diese Parteien müssen sich entscheiden, wo sie in
       der aktuellen gesellschaftlichen Situation stehen. Sie können [3][beim
       sozialen Antifaschismus] eine Rolle spielen. Wenn wir die Verteilungsfrage
       dagegen ignorieren, bestätigen wir nur das Gefühl, dass sich gar nichts
       verändern wird. Antifaschismus ohne Antineoliberalismus – das hilft nur der
       AfD.
       
       19 Sep 2026
       
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