# taz.de -- Nach Cyberangriff auf Berlins Verwaltung: Stundenzettel im Darknet
> Das Ultimatum an den Berliner Senat ist abgelaufen. Nach ihrem
> erfolglosen Erpressungsversuch macht die Hackergruppe Rhysida die
> gekaperten Daten öffentlich zugänglich.
(IMG) Bild: Nun nicht mehr vertraulich: allerlei Dokumente und Vermerke aus Berlins Amtsstuben
dpa | Das Ultimatum der kriminellen Hackergruppe Rhysida [1][nach ihrem
Cyberangriff auf die Berliner Verwaltung und ihrer Lösegeldforderung an den
Senat] ist abgelaufen. Nach dem Verstreichen der Frist am Freitagnachmittag
wurde auf der Webseite der Erpresser im Darknet die „Auktion“ beendet.
„Alle Dateien wurden im öffentlich zugänglichen Bereich hochgeladen – viel
Spaß beim Stöbern, Datenjäger!“, hieß es dort.
„Nach dem, was ich jetzt hier sehen kann, haben sie den kompletten
Datensatz für alle zur Einsicht live gestellt“, sagte der Sprecher des
Chaos Computer Clubs, Joachim Selzer, gegenüber dpa. „Das ist für die
Berliner Verwaltung schon unangenehm. Das sind natürlich sehr viele interne
Daten, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Ich sehe hier zum
Beispiel Personalangelegenheiten, auch Arbeitszeugnisse. Mit solchen Daten
können Kriminelle immer irgendetwas anfangen.“
In den Daten fänden sich unter anderem Bauangelegenheiten, Notfallpläne,
Dokumente zu Bewerbungsverfahren, Stundenzettel,
Wiedereingliederungsmaßnahmen von Mitarbeitern oder Betriebsratsunterlagen,
sagte Selzer. Aber auch „jede Menge behördlicher Kleinkram“. Dies seien
häufig „lauter Kleinigkeiten, die für Identitätsdiebstahl interessant sein
könnten“.
Die Erpresser hatten auf ihrer Leak-Site einen Countdown geschaltet, der am
Freitag gegen 15.35 Uhr ablief. Gefordert wurde ein Lösegeld von 30 Bitcoin
– umgerechnet rund 2 Millionen Euro. Der Berliner Senat hatte vorab
bekräftigt, auf derartige Erpressungen nicht einzugehen und kein Lösegeld
zu zahlen. Damit drohte die Veröffentlichung der Daten aus dem
Hackerangriff auf die Berliner Verwaltung.
## Zu den erbeuteten Daten gehören auch Anträge mit Unterschriften
„Das sind schon Daten, die, die entsprechende kriminelle Energie
vorausgesetzt, interessant sein können“, sagte IT-Administrator Joachim
Selzer. „Je mehr ich über eine Person weiß, desto genauer kann ich mich als
diese Person ausgeben, desto genauer kann ich auch einschätzen, was ich von
dieser Person wissen muss, zum Beispiel, um in ihrem Auftrag etwas
bestellen zu können.“
Unter den Daten, die einsehbar sind, ist zum Beispiel der Antrag auf ein
neues Handy – samt der Unterschrift des Verwaltungsmitarbeiters. „Das
heißt, ich habe schon mal Unterschriftenproben, das ist für manche
Kriminelle ja ganz praktisch“, sagte Selz. Der Experte geht davon aus, dass
die Daten aber eher mittelfristig für kriminelle Zwecke missbraucht werden.
„Es ist schon ein großer Datenbestand, den muss erst mal jemand
durchsehen.“
## Lob von Experten für Verweigerung einer Lösegeldzahlung
Die Weigerung des Senats, auf Erpressungsversuche der kriminellen Hacker
einzugehen, stieß in der Fachwelt auf Zustimmung. Der renommierte
IT-Sicherheitsexperte Christof Fischer verwies darauf, dass der Staat per
Gesetz keine Zahlungen bei Erpressungen vornehmen dürfe.
Die Situation bei Vorfällen wie in Berlin sei aber sehr schwierig: „Die
Daten sind in den Händen von Kriminellen, und eine Veröffentlichung hat in
vielen Fällen sehr schädliche Auswirkungen. Bislang ist mir kein Fall
bekannt geworden, bei dem gezahlt wurde und trotzdem eine Veröffentlichung
erfolgte.“
Allerdings sei anzunehmen, dass die Täter, die meist in osteuropäischen
Ländern lebten, diese Daten den dortigen Behörden zugänglich machten, um
sich Schutz vor Ermittlungen gegen sie selbst zu erkaufen, sagte Fischer
der dpa.
Der Vorsitzende der Linke-Fraktion im Landesparlament, Tobias Schulze,
kommentierte den Vorgang so: Die Erpresser hätten den gewünschten Preis
nicht erhalten und die Daten im Darknet veröffentlicht. „Das ist die
denkbar ungünstige Konstellation, da jetzt jedermann mit einigen wenigen
technischen Kenntnissen auf diese Daten zugreifen kann.“
Allerdings habe nun der Senat die Möglichkeit, abzugleichen, ob die
bisherigen Vermutungen über die abgeflossenen Daten zutreffen oder nicht.
„Dies sollte er schnellstmöglich tun und alle von der Veröffentlichung
betroffenen Personen und Unternehmen benachrichtigen und die bestmögliche
Hilfe anbieten.“
Die Senatskanzlei teilte am Abend mit, dass die Daten derzeit von
IT-Experten geprüft würden. Betroffenen sollten kontaktiert werden. „Sofern
im Rahmen der Analyse einzelne betroffene Personen identifiziert werden,
werden diese risikobasiert und entsprechend der gesetzlichen Vorgaben von
den zuständigen Senatsverwaltungen informiert“, hieß es in dem Schreiben
der Senatskanzlei.
## Grüne fordern Unterstützung für Betroffene
[2][Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf], erklärte, es sei richtig, dass
Berlin sich nicht habe erpressen lassen. Er forderte, der Senat müsse die
Betroffenen konkret unterstützen – auch mit einem einfachen Verfahren, mit
dem sie prüfen können, ob ihre Daten betroffen sind. Nötig sei außerdem
eine gemeinsame Informationskampagne von Senat, Datenschutzbehörde,
Verbraucherzentrale und Sicherheitsbehörden.
Die Gewerkschaft der Polizei in Berlin zeigte sich mit Blick auf die
Vorgänge konsterniert. „Er hat Berlins Politik einmal mehr deutlich vor
Augen geführt, dass hier über Jahre gepennt wurde“, sagte GdP-Landesvize,
Thorsten Schleheider. „Es kann nicht sein, dass hier tagelang hochsensible
Daten geraubt wurden und die einzige Reaktion scheinbar darin besteht, die
Beschäftigten anzuweisen, ihre Passwörter zu ändern.“ Das zeuge schon von
einer gewissen Hilflosigkeit, betonte Schleheider. Es brauche ein
umfassendes inhaltliches Konzept.
## Brisante Details in den Ankündigungen
Die von den Angreifern bereits zuvor veröffentlichten Auflistungen und
Screenshots deuten auf einen gravierenden Abfluss hochsensibler Daten hin.
Danach behauptete die Gruppierung, rund 1,44 Millionen Dateien erbeutet zu
haben. Darunter sollen sich neben mehr als 5.000 Personalakten,
Bußgeldvorgängen und Gehaltsabrechnungen auch vertrauliche Unterlagen aus
Bundesratsausschüssen sowie Schwachstellenanalysen zur Berliner
Trinkwasserversorgung befinden.
Zudem brüsteten sich die Erpresser damit, [3][Zugangsdaten und Passwörter
im Klartext erlangt zu haben] – unter anderem für Datenbanken der
Verwaltung und Zahlungsdienstleister.
Die Berliner Verwaltung hatte den am 14. August bekanntgewordenen
Cyberangriff bestätigt. Ermittler des Landeskriminalamts (LKA) sowie das
Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sind in die
Analyse und Bewältigung des Vorfalls eingebunden. Sollte das Datenpaket
vollständig publik werden, drohen den betroffenen Behörden und Tausenden
Bürgern sowie Beschäftigten erhebliche Datenschutz- und Sicherheitsrisiken.
5 Sep 2026
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