# taz.de -- Cyberangriff auf Berliner Verwaltung: Digitale Verantwortungslosigkeit
> Berlin wird nach einem Hackerangriff erpresst. Dabei zeigt sich: nicht
> nur die Datensicherheit ist dürftig, sondern auch die
> Krisenkommunikation.
(IMG) Bild: Durch Unwissenheit und Verantwortungslosigkeit über die eigene IT-Infrastruktur wird der Cyberangriff auf Berlin zum Fiasko
Wie naiv die Berliner Verwaltung mit IT-Sicherheit umgeht, offenbaren
einige der zahllosen Dokumente, die jetzt in die Hände von Hackern geraten
sind. „Passwort.docx“ heißt etwa eine unverschlüsselte Datei mit allen
möglichen Zugangsdaten, darunter das Kennwort „Sonnenschein13“. Und aus
einer anderen Liste geht hervor, dass ein Sachbearbeiter überall das
gleiche, schwache Passwort verwendet hat: „Ahabostsee123“.
Aber es sind nicht allein die erbeuteten Logins, die [1][den Cyberangriff
auf Berlin] zum Fiasko machen. Hinzu kommen eine schlechte
Krisenkommunikation, eine erstaunliche Unwissenheit über die eigene
IT-Infrastruktur – und eine gehörige Portion Verantwortungslosigkeit
gegenüber den Einwohner*innen der Stadt.
Fast zehn Tage lang hat Berlins schwarz-rote Landesregierung kleingeredet,
was sich inzwischen als der größte Cybervorfall in der Geschichte der Stadt
herausstellt: Bereits am 7. August waren Hacker in das Landesnetz
eingedrungen – und wurden erst eine Woche später erwischt. Selbst dann
dauerte es nochmal drei Tage, bis die Öffentlichkeit informiert wurde – und
das viel zu spärlich und erstaunlich gutgläubig.
Denn inzwischen ist klar: Hinter dem Angriff steckt die bekannte
Ransomware-Gruppe „Rhysida“, die [2][jetzt den Berliner Senat erpresst].
Das ist möglich, weil die Hacker anders als zunächst dargestellt sensible
und brisante Daten gestohlen haben.
## Identitätsdiebstahl, Betrug und Erpressung
Noch bis Freitag gibt es nun laut der Gang die „Gelegenheit, auf exklusive,
einzigartige und beeindruckende Daten zu bieten“, wie es in einer
süffisanten Mitteilung im Darknet heißt. „Öffnen Sie Ihren Geldbeutel“.
Mindestens 30 Bitcoin – das sind rund 2 Millionen Euro – verlangen die
Hacker. Und drohen, ansonsten die Daten zu veröffentlichen.
Und die haben es in sich, wenn die Darstellung der Gruppe stimmt. Demnach
gehören dazu 80.000 Ordnungswidrigkeitsverfahren und 46.500 Verträge,
11.000 vertrauliche Dokumente, 12.000 Telefonnummern, 16.000 E-Mails und
150 IBAN-Kontonummern. Mehr als 12.000 Menschen sollen persönlich betroffen
sein – auch das Spitzenpersonal der Verwaltung. Hinzu kommen rund 6.000
Dateien mit Logins – wie eben „Passwort.docx“.
Was für ein Desaster. Denn es ist zwar richtig, dass das Land wie
angekündigt das Lösegeld nicht zahlt. Aber „Rhysida“ wird seine Drohung
danach sehr wahrscheinlich wahr machen und die Daten veröffentlichen –
allein, um in Zukunft noch ernst genommen zu werden – und dann dürfte die
Katastrophe erst so richtig ihren Lauf nehmen.
Dann trifft es die Privatpersonen, die das Pech haben, in irgendeiner Weise
in dem Datensatz aufzutauchen. Alle möglichen Cyberkriminelle und
Trittbrettfahrer können mit den Informationen viel Übles anstellen:
Identitätsdiebstahl, Betrug und Erpressung.
Das unterirdische Krisenmanagement der Berliner Landesregierung verschärft
die Misere weiter. Noch vor einer Woche hieß es, es seien lediglich
öffentliche Geodaten kopiert worden. Berlins Landesbevollmächtigter für
Informationssicherheit sagte sogar selbstsicher: „Vielleicht haben wir den
Einbruch für den Täter einfach zu schnell gesehen – und die richtigen
Maßnahmen getroffen“.
## Ein fahrlässiger Zustand
Welch Irrtum. Ohnehin ist Berlins digitale Infrastruktur extrem schlecht
geschützt – und das ist seit Langem bekannt. Deshalb wäre es auch falsch,
jetzt von einem Weckruf zu sprechen. Bereits vor sieben Jahren hatten
Unbekannte das Kammergericht infiltriert. Berlins höchstes Gericht war
danach monatelang offline. Und erst im vergangenen Jahr gelang es einer
iranischen Hacker-Gruppe, sich Zugriff auf Privatadressen und digitale
Terminkalender von Berlins Justizsenatorin zu verschaffen.
Die Ursache für die Misere ist eine beispiellose Kleinstaaterei in der
digitalen Infrastruktur Berlins. Viele Behörden, Ämter und Stadtbezirke
setzen auf eigene IT-Lösungen. Die Folge: ein Flickenteppich an Software
mit teils gravierenden Sicherheitslücken. Versuche zur Zentralisierung
scheitern bislang am Widerstand der jeweiligen Verwaltungen.
Darüber staunt sogar Berlins Staatssekretär für Digitalisierung Florian
Hauer, der den hochtrabenden Titel „Chief Digital Officer“ trägt. „Wir sind
überrascht, wie groß das IT-System des Landes ist“, [3][musste Hauer, der
das ja eigentlich wissen sollte, vor Kurzem gestehen].
Das ist eine peinliche Unwissenheit und ein fahrlässiger Zustand. Das Land
erhebt viele sensible Daten von seinen Bürger*innen – und baut diesen
Zugriff derzeit weiter aus. Etwa wurden im neuen Polizeigesetz die
Befugnisse der Sicherheitsbehörden [4][massiv ausgeweitet]. Seitdem dürfen
verschiedenste Polizeidaten in einer großen Datenbank zusammengeführt und
mithilfe von künstlicher Intelligenz analysiert werden. Hoffentlich besser
geschützt als mit dem Kennwort „Sonnenschein13“.
31 Aug 2026
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## AUTOREN
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