# taz.de -- Nahostdiskurs und Berliner Wahlkampf: Wie kaputt die Lage ist
> HipHop steht für den Versuch, andere Lösungen für Konflikte zu finden als
> dumpfe Brutalität. Leute wie der Rapper Dahabflex müssen das noch lernen.
(IMG) Bild: Hat den Schuss nicht gehört: Rapper Dahabflex steht auf PFLP-Terror und die Sowjetunion
„Knowing the time and what must be done“, eine beschwörende Botschaft,
ursprünglich zu hören bei Appellen, die die Black Muslims vor New Yorker
U-Bahnstationen in den späten 1960ern an Passanten richteten.
Ein Appell gegen Machtlosigkeit und Vereinzelung, gegen das Gefühl von
Ohnmacht, er stammt aus der Predigt „The Theology of Time“ von Elijah
Muhammad. Man kann von dessen messianischer und bramarbasierend
vorgetragener Ideologie halten, was man will.
Die Zeit für Wandel war im Dezember 1971 tatsächlich gekommen, damals wurde
der Sozialarbeiter Cornell „Soulbrother Benji“ Benjamin in der New Yorker
South Bronx ermordet, während er einen Waffenstillstand zwischen zwei
verfeindeten Straßengangs auszuhandeln versuchte. In einem
gesellschaftlichen Klima zwischen Armut, strukturellem Rassismus,
Drogenschwemme und Gewalt eskalierte die Lage danach wundersamerweise nicht
weiter.
## HipHop als Verzweiflungstat
Im Gegenteil, Mitglieder verschiedener Gangs verzichteten auf Vergeltung
und ehrten den Ermordeten, indem sie einem Friedensabkommen zustimmten. Sie
hielten Wort. [1][Word!] Folgt man dem [2][US-Historiker Omar Akbar] und
seinem Essay „The Theology of Timing“, entstand HipHop als Verzweiflungstat
in einem besonders hoffnungslosen Moment der Geschichte.
Gangs wie die Black Spades gingen in den frühen 1970ern dazu über, DJs bei
Auftritten zu beschützen und maßen sich bei Tanzwettbewerben mit den
Konkurrenten. Breakdance war auch ein Bruch mit der gewalttätigen
Vergangenheit und leitete den Bewegungsdrang junger Leute auf die
Tanzfläche um.
[3][MCs am Mikrofon battleten sich mit Worten und Graffiti nutzte die
territorialen Ansprüche von Gangs, um damit eigene kreative Marker auf
Wände und U-Bahnen zu malen.] HipHop war der Nukleus einer Renaissance von
Kultur, Nihilismus wurde – zumindest für eine Weile – zurückgedrängt.
Unity, das ist nicht bloß eine leere Worthülse: Wenn die Gemeinsamkeiten
wichtiger sind als die Differenzen, dann hält der Frieden.
Eine romantische Geschichte, sie ist wahr und verdeutlicht damit nur, auf
welcher zivilisatorischen Schwundstufe wir mit dem [4][Frankfurter Rapper
Dahabflex] angelangt sind.
Zum einen, weil er von der Bühne einer Parteiveranstaltung der Linkspartei
in Berlin-Neukölln herunter vergangene Woche [5][zum Mord aufgerufen hat].
Zum anderen, weil er politische Hohlformeln stumpf repetiert, anstatt als
Künstler halbwegs eigenständig mit Worten umzugehen. Müsste ein linker
deutscher Rapper nicht für Frieden in Nahost eintreten, für einen
sofortigen Waffenstillstand, für die Zweistaatenlösung und dafür, dass das
sinnlose Morden endlich aufhört?
Nun ist gerade Wahlkampf zum Abgeordnetenhaus in Berlin und die Linkspartei
hat sich dafür entschieden, in jedem Stadtbezirk maßgeschneiderte Plakate
und Losungen anzubringen. Im bürgerlichen Kreuzberg will sie die Müllberge
beseitigen, was sich immerhin als Missstand und somit Lokalpolitik-Thema
identifizieren lässt.
In Neukölln ruft die Linkspartei die Intifada aus: „Gegen Krieg und
Genozid“ ist fatalerweise insofern ein Thema für die Stadt, weil dadurch
ortsansässige Jüdinnen und Juden noch stärker bedroht sind, auch wenn man
noch so oft beteuert, dass man nichts gegen sie habe.
Wie kaputt die Lage ist, zeigt auch, wie viele unverlangt eingesandte Texte
und Forderungen an mich als Musikredakteur gerichtet wurden. Ob, „Auch wenn
er zum Mord an der israelischen Armee aufruft, ist er noch lange kein
Antisemit“, oder „Entweder du schreibst jetzt über den Rapper, oder deine
Zeitung ist antisemitisch“, zeigt nur, dass die Zeit reif für Wandel ist.
4 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Urspruenge-des-HipHop/!5891840
(DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Labtekwon
(DIR) [3] /Filmklassiker-und-Buch-ueber-Graffiti/!6198976
(DIR) [4] /Berlins-Linke-und-Nahost/!6209189
(DIR) [5] /Nahostkonflikt-und-Linke-in-Berlin/!6208815
## AUTOREN
(DIR) Julian Weber
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