# taz.de -- Politische Führung: Deutschland ist keine GmbH
       
       > Ein Kanzler kann nicht einfach anweisen, politische Führung funktioniert
       > komplexer als in Unternehmen. Und genau das ist das Problem von Friedrich
       > Merz.
       
 (IMG) Bild: Friedrich, zeigs uns wie's geht. Also zumindest wie du denkst, das es geht
       
       Es wird am Ende zusammengezählt, nicht zwischendurch.“ In seinem
       ARD-Sommerinterview brachte Friedrich Merz sein Verständnis von Führung auf
       den Punkt. Wer einem Land Veränderungen zumute, sei zunächst eben nicht
       populär. Entscheidend sei, ob die richtigen Entscheidungen getroffen
       würden.
       
       Das klingt nach Führungsstärke – zum Teil ist es das auch. Wer
       Verantwortung übernimmt, darf nicht jeder Stimmung hinterherlaufen.
       Regierungen, die ihre Politik nach jeder Umfrage neu ausrichten, kochen
       alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunter. Das Problem beginnt
       dort, wo Widerstand selbst zum Beleg dafür wird, dass man das Richtige tue.
       Wer Kritik nur als unvermeidlichen Preis richtiger Politik interpretiert,
       macht sich irgendwann immun gegen die Möglichkeit, selbst Teil des Problems
       zu sein.
       
       Friedrich Merz wollte Deutschland wieder Führung geben. Nun sitzt er auf
       dem Chefsessel. [1][Vielleicht ist genau das sein Problem]. Leider nicht
       nur seins. Jahrelang vermittelte Merz den Eindruck, die Schwierigkeiten
       dieses Landes seien vor allem Managementprobleme. Die Ampel erschien bei
       ihm weniger als Regierung denn als schlecht geführte Organisation. Damit
       Deutschland wieder funktioniere, brauche es klare Entscheidungen,
       wirtschaftliche Vernunft und jemanden, der sagt, wo es langgeht. Kurzum:
       Friedrich Merz.
       
       Zu dieser Erzählung passte sein Ausflug ins „echte Leben“: Großkanzlei,
       Aufsichtsräte, Blackrock. Endlich einer, der nicht nur Politik, sondern
       auch Wirtschaft kann. Einer, der weiß, wie man einen Laden führt. Dabei
       lebte dieses Bild vor allem von Suggestion: Merz war Anwalt, Partner einer
       Kanzlei, Aufsichtsrat und Aufsichtsratsvorsitzender. Operativ geführt hat
       er ein großes Unternehmen nie. Vielleicht hat er ausgerechnet jene
       Perspektive besonders lange eingeübt, die ihm jetzt Schwierigkeiten
       bereitet: von außen ziemlich genau zu wissen, was die da drinnen falsch
       machen. Nun ist er drinnen und muss den Laden selbst führen.
       
       Merz’ Vorstellung von Führung scheint dabei jedoch selbst für Unternehmen
       erstaunlich hierarchisch: oben wird entschieden, unten umgesetzt. Doch
       Organisationen funktionieren selten so einfach: Führungskräfte sind auf
       Expertise, Zustimmung und Kooperation angewiesen; sie müssen Informationen
       gewinnen, Interessen aushandeln, Entscheidungen vermitteln und Widerstände
       bearbeiten. Der Unterschied zur Politik liegt darin, dass im Zweifel
       formale Weisungsrechte und Eskalationswege existieren. Ein Bundeskanzler
       hat diese Möglichkeiten nur begrenzt. Er muss zwischen Akteuren vermitteln,
       die ihm nicht unterstellt sind – und im demokratischen Geschäft auch jene
       mitnehmen, die ihn nicht gewählt haben. Kritische Resonanz ist deshalb kein
       Störgeräusch, sondern eines ihrer wichtigsten Korrektive.
       
       Merz' Leitsterne hingegen sind Richtung, Entscheidung, Standfestigkeit.
       Wenn er darlegt, man wisse, „was richtig und gut ist für das Land“, und
       lasse sich davon nicht beirren, lautet die Botschaft: Wir haben
       entschieden, also halten wir Kurs.
       
       Ein klassisches Führungsdilemma: Wie offen bin ich für Kritik, wie sehr
       grenze ich mich ihr gegenüber ab? Wer jeder Rückmeldung folgt, wird zum
       Spielball. Wer sich hingegen zu konsequent abschottet, hält Starrsinn
       irgendwann für Standfestigkeit.
       
       Gute Führung löst dieses Dilemma nicht auf. Sie entscheidet immer wieder
       neu, welche Akzentuierung die Situation verlangt, behält deren
       Nebenwirkungen im Blick und erklärt in einer Art und Weise, die integriert.
       
       In einem Unternehmen mag sich eine Führungskraft darauf berufen, dass sich
       die Strategie erst später auszahlen werde. Ein Bundeskanzler kann sich das
       nur begrenzt leisten. Politische Führung muss schon auf dem Weg Mehrheiten,
       Vertrauen und Kooperation herstellen – denn ein Kanzler kann weder über
       Koalitionspartner noch über Fraktion, Länder oder gar Bürgerinnen und
       Bürger verfügen. Er kann nicht einfach anweisen. Seine eigentliche
       Führungsleistung besteht darin, zwischen Akteuren Handlungsfähigkeit
       herzustellen, die Unterschiedliches wollen.
       
       Schlechte Umfragewerte beweisen noch keine schlechte Politik. Ab einem
       gewissen Niveau können sie aber ein Hinweis auf schlechtes politisches
       Handwerk sein. Was sie jedenfalls nicht sind: ein Tapferkeitsorden. Als
       Oppositionsführer war Merz mit dieser Differenzierung weniger großzügig.
       Bei deutlich besseren Zustimmungswerten erklärte er Olaf Scholz bereits zum
       Kanzler ohne ausreichenden Rückhalt. Heute erscheinen ihm miserable Werte
       vor allem als Preis dafür, endlich das Richtige zu tun.
       
       Das Problem daran: Führung bemisst sich nicht nur an der eigenen Absicht,
       sondern auch an ihrer Wirkung. Wer beides nicht auseinanderhalten kann,
       beraubt sich der Möglichkeit zur Korrektur.
       
       In Sachsen-Anhalt bringt sich Merz nun auf den letzten Metern in den
       Wahlkampf ein. Dass man ihn nicht auf die große Bühne stellt, sondern in
       kleinere Veranstaltungen integriert, lässt sich auch so lesen: Der Besuch
       aus Berlin verspricht keinen Rückenwind, ausladen will man den eigenen
       Kanzler aber auch nicht. Ausgerechnet der Mann, der wieder Führung geben
       wollte, beschert den Parteifreunden vor Ort zusätzliche Erklärungsarbeit.
       
       ## Merz ähnelt Stromberg
       
       Von Bernd Stromberg stammt der Satz: „[2][Lass das mal den Papa machen].“
       Der Witz dieser Figur bestand bekanntlich darin, dass zwischen Selbstbild
       und Wirkung der Abstand ähnlich groß war wie von Vorstandsetage zur
       Tiefgarage.
       
       Vielleicht liegt darin die eigentliche Ironie dieser Kanzlerschaft. Merz
       ist angetreten mit dem Versprechen, dass Politik wieder einfacher werde,
       wenn Entscheidungen klarer getroffen und konsequenter vertreten würden.
       
       Inzwischen zeigt sich: Richtung ersetzt keine Resonanz. Standfestigkeit
       ersetzt keine Selbstkorrektur. Und zu wissen, wo man selbst hin will, ist
       nur die eine Hälfte von Führung. Die andere besteht darin, rechtzeitig zu
       merken, ob einem noch jemand folgt.
       
       5 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.instagram.com/reel/Dbf5kJcsL9U/
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Lass_das_mal_den_Papa_machen.
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Philipp Wöll
       
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