# taz.de -- Vorstoß der Österreichischen Volkspartei: Der Islam als Ablenkungsmanöver
> Verwaltung, Bildung oder Gesundheit – die Regierung Österreichs steht in
> der Kritik. Jetzt versucht sich die ÖVP mit einem neuen Feindbild: dem
> Islam.
(IMG) Bild: Claudia Bauer hat gut lachen beim Leben schwer machen für Muslim*innen
Kurz vor Schulbeginn hat Österreichs Volkspartei (ÖVP) ein neues
Hauptthema: den Islam. Den Anfang macht das [1][im Vorjahr beschlossene
Kopftuchverbot] für Mädchen unter 14, das mit dem neuen Schuljahr in Kraft
tritt. Das Gesetz ist hochumstritten, denn es umfasst ausschließlich
muslimische Schülerinnen. Andere Religionen und deren Kleidungsvorschriften
bleiben davon unberührt.
„Wir haben uns das auch bei anderen religiösen Symbolen angesehen, beim
Kreuz, bei der Kippa, beim Turban der Sikhs. Das alles hat nicht so einen
immensen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern wie das Kopftuch bei
Mädchen“, behauptete Integrationsministerin Claudia Bauer (ÖVP) im ORF.
Einen Beleg dafür blieb sie schuldig, ebenso für den Satz, ein Mädchen
werde „unsichtbar, sobald es beginnt ein Kopftuch zu tragen“.
Bei einem Verstoß eskaliert das Verfahren stufenweise – vom Gespräch mit
Schulleitung und Eltern über die Schulbehörde bis zur Kinder- und
Jugendhilfe und Geldstrafen von 150 bis 800 Euro. Die Lehrergewerkschaft
warnt vor einer „enormen Zusatzbelastung“, die laut einem Vertreter auf
Radio Ö1 sogar das Vertrauensverhältnis zwischen Lehrkräften und
Schülerinnen „ankratzen, wenn nicht brechen“ könnte.
## Verfassungsjuristen sind skeptisch
Ein ähnliches Verbot wurde bereits 2019 von der ÖVP-FPÖ-Koalition unter
Sebastian Kurz eingeführt, aber vom Verfassungsgerichtshof gekippt, weil es
den Gleichheitsgrundsatz und die Religionsfreiheit verletzte. Mit einem
ähnlichen Ergebnis rechnen Experten auch jetzt. Die Islamische
Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) kündigte bereits an, mit
Betroffenen den Verfassungsgerichtshof anzurufen, sobald das Gesetz
exekutiert wird.
Zudem will die ÖVP jetzt auch den „politischen Islam“ verbieten, wobei
schon dieser Begriff wissenschaftlich umstritten ist. Als Beispiel für
Gesetzeslücken nennt die Regierung sogenannte Kalifatsdemonstrationen, bei
denen die Errichtung eines Gottesstaates gefordert werden könne.
Verfassungsjuristen wie Heinz Mayer und Peter Bußjäger sehen das anders.
Die bestehende Rechtslage reiche aus, um religiösen Extremismus zu
bekämpfen. Wenn überhaupt, müsse sich ein solches Gesetz gegen alle
Religionen richten, nicht nur gegen eine.
Beeindrucken lässt sich die Regierung davon nicht, sie will in Kürze einen
Gesetzestext vorlegen. „Ich will nicht, dass unsere Kinder und Enkelkinder
in einem islamischen Staat aufwachsen“, schrieb Bundeskanzler Christian
Stocker (ÖVP) in sozialen Medien. Grund zu dieser Annahme besteht freilich
ohnehin nicht: Beim letzten Mikrozensus 2021 waren bloß 8,3 Prozent der
österreichischen Bevölkerung muslimisch.
## Too little, too late
Der Grund für die Kampagne dürfte ein anderer sein: Die Kanzlerpartei ÖVP
droht zur Kleinpartei zu schrumpfen. Sie liegt im APA-Wahltrend nur mehr
bei 19,7 Prozent, 6 Prozentpunkte unter ihrem Ergebnis bei der
Nationalratswahl vor zwei Jahren. Die rechtsextreme FPÖ käme derzeit mit
gut 37 Prozent klar auf Platz eins und könnte der ÖVP zudem nächstes Jahr
zwei weitere Landeshauptleute abnehmen, jene in Oberösterreich und Tirol.
Die Strategie der Volkspartei, die FPÖ zu imitieren, [2][war freilich noch
kaum je von Erfolg gekrönt].
Bei den Großbaustellen der Republik – von der Verwaltungsreform über
Bildung und Gesundheit –, hat die Koalition aus ÖVP, Sozialdemokraten und
liberalen Neos bisher nicht geliefert. Auch sozialpolitisch fehlen Erfolge,
Maßnahmen wie die „Spritpreisbremse“ und die Mehrwertsteuersenkung auf
Lebensmittel entpuppten sich als Rohrkrepierer. Bei den Themen
[3][Wehrdienst] und Rentenreform lieferte sie nur Minimalkompromisse.
Kein Wunder, dass die FPÖ fast von selbst dazugewinnt. Der Diskurs
verschiebt sich jetzt weiter nach rechts und spielt den Rechtsextremen in
die Hände. Schon jetzt kritisiert die FPÖ die neuen Islampläne der ÖVP als
„too little, too late“.
3 Sep 2026
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(DIR) Florian Bayer
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