# taz.de -- Korruption in Österreich: Ein halbes verlorenes Jahrzehnt
> Fünf Jahre nach dem österreichischen Antikorruptionsvolksbegehren wurde
> lediglich ein kleiner Bruchteil der Forderungen umgesetzt.
(IMG) Bild: Vor fünf Jahren: Antikorruptionsprotest auf dem Wiener Ballhausplatz
Österreich hat ein Korruptionsproblem – das wurde spätestens rund um die
[1][Ibiza-Affäre] und [2][ihre Nachwehen] drastisch vor Augen geführt. Fünf
Jahre nach dem Rechtsstaatlichkeits- und Antikorruptionsvolksbegehren, das
über 300.000 Menschen unterzeichnet hatten, zogen dessen fachlich
exzellente Initiatoren am Dienstag Bilanz.
Und die ist ernüchternd: Von 72 Forderungen wurden lediglich 5 vollständig
umgesetzt, 34 blieben gänzlich unerfüllt. Im [3][„Corruption Perception
Index]“ von Transparency International verschlechterte sich Österreich seit
2021 von Platz 17 auf Platz 21.
Verfassungsexperte Heinz Mayer erinnerte an den Auslöser der Initiative:
Ein 2021 geplanter Gesetzentwurf hätte Sicherstellungen von Handys in
Behörden faktisch unmöglich gemacht, laut Mayer „das Ende jeder ernsthaften
Korruptionsermittlung im öffentlichen Bereich“.
Der Vorstoß erfolgte nicht zufällig während intensiver
Korruptionsermittlungen gegen die ÖVP. Der [4][unter Druck stehende Kanzler
Sebastian Kurz] attackierte damals die Wirtschafts- und
Korruptionsstaatsanwaltschaft und witterte „rote“ (also
sozialdemokratische) Unterwanderung, ohne einen Beweis vorzulegen.
Chatverläufe zeigten später, dass hochrangige Staatsbedienstete erwogen
hatten, Staatsanwälte mit fingierten Anzeigen mundtot zu machen.
## Eine lange Liste an Kritikpunkten
Kurz ist seit Jahren Geschichte, doch die ÖVP führt weiterhin die Regierung
an. Eine selbstkritische Aufarbeitung blieb bis heute aus. Zentraler
Kritikpunkt der Volksbegehren-Proponenten bleibt die Schaffung einer
weisungsfreien Bundesstaatsanwaltschaft. Ein Ministerratsbeschluss von Juni
2025 sieht die Wahl der Bundesstaatsanwälte durch das Parlament vor. Die
Detailverhandlungen dazu laufen noch, die Initiatoren des Volksbegehrens
sehen jedoch von vornherein einen Konstruktionsfehler, der die Tür für
parteipolitischen Einfluss weiterhin weit offen hält.
Weiter fehlt es ihnen an objektivierten Postenvergaben in öffentlichen
Dienststellen und staatsnahen Institutionen, wie kürzlich symptomatisch der
[5][Fall August Wöginger] zeigte. Der ehemalige ÖVP-Fraktionsvorsitzende
verhalf einem Parteifreund an die Spitze des Finanzamts Braunau und wurde
dafür – nicht rechtskräftig – verurteilt. Überfällig sei zudem weiterhin
die Neuordnung des Weisungswesens: Noch immer kann die Justizministerin
Weisungen erteilen und Verfahren einstellen.
Auch der ORF-Stiftungsrat [6][bleibt parteipolitisch besetzt]. Jüngst
wählte er den Medienmanager Clemens Pig zum neuen Generaldirektor. Die
Kanzlerpartei ÖVP machte im Vorfeld keinen Hehl daraus, dass Pig ihr
Wunschkandidat war. Weitere offene Baustellen: Schutz vor
Einschüchterungsklagen (Slapp) und das klaffende, weiterhin wachsende
Personalloch in der Justiz.
Den dringlichsten Appell richtete das Komitee [7][an die drei
Regierungsparteien]: Sie sollten „die ihnen vorerst geborgte Zeit nutzen“
und politischen Einfluss auf die Staatsanwaltschaft nachhaltig verhindern.
Denn eine Regierung der rechtsextremen FPÖ, die einen Justizminister mit
ungehindertem Weisungsrecht stellt, würde all das zunichtemachen, wofür das
Volksbegehren stand.
25 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ibiza-Affaere-in-Oesterreich/!5760714
(DIR) [2] /Sebastian-Kurz-unter-Korruptionsverdacht/!5807019
(DIR) [3] https://www.transparency.org/en/cpi/2025
(DIR) [4] /Oesterreichs-Kanzler-Kurz-und-die-Justiz/!5659502
(DIR) [5] /Politskandale-in-Oesterreich/!6176444
(DIR) [6] /Wahl-zum-neuen-ORF-Generaldirektor/!5788128
(DIR) [7] /Ein-Jahr-Dreierkoalition-in-Oesterreich/!6157708
## AUTOREN
(DIR) Florian Bayer
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