# taz.de -- Wehrpflichtreform in Österreich: Mehr Wehrdienst, weniger Reform
       
       > In Österreich wird der Grundwehrdienst um drei Monate mit Wehrübungen
       > verlängert. Der Kompromiss bleibt hinter den Empfehlungen der
       > Expertenkommission zurück.
       
 (IMG) Bild: In Österreich wird der Grundwehrdienst um drei Monate für Wehrübungen verlängert
       
       Österreichs Wehrpflicht wird reformiert. Nach monatelangen Debatten hat
       sich die Dreierkoalition auf eine Verlängerung des Wehrdiensts geeinigt.
       Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP), Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) und
       Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (Neos) präsentierten den Kompromiss
       am Montag in einer Salzburger Kaserne. Als Grund für die Reform nannten sie
       neue geopolitische Notwendigkeiten.
       
       Flankiert wurden sie von einem Vertreter der von der Regierung beauftragten
       Wehrdienstkommission, der seine gemischten Gefühle kaum verbarg: Der
       Kommissionsvorsitzende, Generalleutnant Erwin Hameseder, nannte den
       Kompromiss zwar „einen wesentlichen Fortschritt“, räumte aber ein, dass er
       nicht begeistert sei.
       
       ## Zunächst keine Änderungen beim Zivildienst
       
       Zu den bisherigen sechs Monaten beim Bundesheer kommen künftig drei Monate
       für Wehrübungen hinzu. Ein Teil folgt direkt danach, der Rest verteilt sich
       über zehn Jahre. Beschlossen wurde auch eine Erhöhung des monatlichen Solds
       von etwa 600 auf 1.000 Euro sowie zusätzliche Urlaubstage. Insgesamt
       rechnet die Regierung mit Kosten in Höhe eines „niedrigen dreistelligen
       Millionenbetrags“ pro Jahr.
       
       Nicht angetastet wird vorerst [1][der Zivildienst]. Er soll weiterhin neun
       Monate dauern, kann künftig jedoch freiwillig um zwei Monate verlängert
       werden. Erst wenn die Zahl der Grundwehrdiener unter einen festgelegten
       Schwellenwert sinkt, soll diese Verlängerung verpflichtend werden. Die
       beiden Zusatzmonate sollen laut Kanzler Stocker „im Sinne von
       Zivilschutzübungen“ gestaltet werden. Details bleibt die Regierung aber
       noch schuldig.
       
       ## Gegen den europäischen Trend
       
       Österreich bewegt sich mit der Reform gegen den europäischen Trend. Nur
       noch rund ein Drittel der EU-Staaten hält an einer echten Wehrpflicht fest,
       etwa die baltischen und skandinavischen Länder, Griechenland und Zypern.
       Bei einer Volksbefragung 2013 sprachen sich 59,7 Prozent der Österreicher
       für die Beibehaltung gegenüber einem Berufsheer aus. Kritiker sahen darin
       jedoch [2][eine Entscheidung der Alten über die Jungen].
       
       Die Reform bleibt deutlich hinter der Empfehlung der eingesetzten
       Expertenkommission zurück, die acht Monate Grundwehrdienst und zwei Monate
       Milizübungen („8 + 2“) vorgesehen hätte. Die ÖVP wollte sich anschließen,
       scheiterte aber an ihren Koalitionspartnern. Auch bei der Verlängerung des
       Zivildiensts auf zwölf Monate musste die ÖVP zurückstecken.
       
       ## Opposition fordert Nachbesserungen
       
       Für eine Umsetzung braucht die Regierung eine Zweidrittelmehrheit im
       Nationalrat. Die beiden Oppositionsparteien zeigen sich offen für
       Gespräche, fordern aber Nachbesserungen. „Eine gute Reform muss mehr sein
       als das Verschieben von Monatszahlen“, sagt Grünen-Wehrsprecher David
       Stögmüller. Nötig seien bessere Ausbildungsinhalte, zusätzliche
       Qualifikationen und eine faire finanzielle Anerkennung auch für
       Zivildiener.
       
       Einen „faulen Kompromiss“ sieht die rechtsradikale FPÖ. „Es ist fatal, wenn
       Politiker glauben, gescheiter zu sein als die Experten, und versuchen, sich
       aus Expertenmodellen nur Rosinen herauszupicken“, heißt es von
       FPÖ-Wehrsprecher Volker Reifenberger. Von einem „Anschlag auf unsere
       Sicherheit“ spricht gar [3][FPÖ-Bundesparteichef Herbert Kickl].
       
       ## Neues Wehrpflichtmodell ab Anfang 2027 in Kraft
       
       Ein differenzierteres Urteil fällt der österreichische Militärexperte
       Franz-Stefan Gady in den sozialen Medien. Er hätte sich ein „8 + 2“-Modell
       gewünscht und erachtet Teile der Reform als „nicht vollständig durchdacht“.
       Er sei dennoch überzeugt, dass künftige Soldaten „besser ausgebildet in den
       Einsatz gehen“ würden. Gelten soll das neue Modell bereits ab Anfang 2027,
       sofern der Beschluss im Parlament rechtzeitig zustande kommt.
       
       Schon 2022 beschloss Österreich, seine Verteidigungsausgaben bis 2032
       deutlich auf zwei Prozent des BIPs zu erhöhen. Eine Neubewertung vertrage
       längst auch die österreichische Neutralität. Ist sie wirklich die beste
       Lösung für die eigene Sicherheit? Wie würde sie in bestimmten Szenarien
       ausgelegt werden, etwa im Fall eines Angriffs auf einen befreundeten Staat?
       Diese unbequemen Fragen werden weiterhin gar nicht erst gestellt.
       
       28 Jul 2026
       
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