# taz.de -- Schweizer Uhrenorte: Diese Städte ticken anders
> Biel und La Chaux-de-Fonds wurden geprägt von der Schweizer
> Uhrenindustrie. Damit ist es heute vorbei. Wie können die Städte sich neu
> erfinden?
(IMG) Bild: Stadt im Schachbrettmuster: Karl Marx beschrieb La Chaux-de-Fonds als „eine einzige Uhrenmanufaktur“
Dass La Chaux-de-Fonds 37.000 Einwohner:innen hat, mag man so recht
nicht glauben, wenn man auf dem Boulevard des Eplatures steht. Die Stadt
muss doch mindestens doppelt so groß sein! Scheinbar endlos zieht sich die
Magistrale durch den Talkessel im Schweizer Juragebirge, nur wenige
Kilometer von der französischen Grenze entfernt.
Der Boulevard ist letztendlich Konsequenz eines großen Brands im Jahr 1794.
Als die Stadt dann Mitte des 19. Jahrhunderts in einem Schachbrettmuster
mit kerzengeraden Straßenzügen neu aufgebaut wurde, war die Uhrenindustrie
längst der bestimmende Wirtschaftsfaktor im Jura geworden. Das neue La
Chaux-de-Fonds war so perfekt auf die Industrie abgestimmt, dass sie es
sogar [1][in „Das Kapital“] schaffte, wo Karl Marx sie als „eine einzige
Uhrenmanufaktur“ bezeichnete. Die Einwohner:innenzahl stieg innerhalb
weniger Jahre von 12.000 auf 24.000. Die Werkstätten, die in den Häusern
untergebracht waren, hatten dank des großen Abstands der einzelnen Gebäude
zueinander reichlich Sonnenlicht.
Nein, La Chaux-de-Fonds ist kein Ort, der ins Postkartenbild [2][der
Schweiz] passt, und genauso wenig ist es das 40 Bahnminuten östlich
gelegene Biel. Beides sind Städte, die auf Arbeit gründen: Gemeinsam mit
dem kleineren Le Locle bildeten sie lange Zeit das Herz der Schweizer
Uhrenindustrie. Vom wirtschaftlichen Glanz der alten Tage ist heute wenig
geblieben. Die Arbeitslosenquote ist für Schweizer Verhältnisse hoch, die
Städte müssen sich neu erfinden.
In Biel prägen Bauten aus den 1920er und 1930er Jahren das Stadtbild, vor
allem im Zentrum. Da mutet das imposante Volkshaus von Eduard Lanz mit
seiner Klinkerfassade beinahe hanseatisch an. Da kommt die schneeweiße
Doppelturnhalle der Neumarktschule ohne jede Ornamentik, Erinnerungen an
das Dessauer Bauhaus werden wach. Da lungert das Jurahaus rundlich, keck
und himmelblau an einer Straßenecke. Da ist die Grand Garage du Jura – ein
Mehrparteienwohnhaus mit Werkstatt und ausladenden überdachten
Autostellplätzen im Parterre – eines der ältesten Zeugnisse der
Automobilarchitektur in Europa.
„Mit über 300 Gebäuden besitzt Biel heute eines der weltweit
geschlossensten Ensembles dieser Zeit, vergleichbar damit ist eigentlich
nur noch Tel Aviv“, sagt Matthias Grütter. Er ist eine Art
Ein-Mann-Unternehmen in Sachen Bieler Moderne, macht Stadtführungen,
veröffentlicht Postkarten und Kalender, kennt jedes Treppenhaus. Vier
Faktoren seien damals zusammen gekommen, erklärt er: Die Versetzung des
Bahnhofs sorgte dafür, dass es mitten in der Stadt Bauland gab.
Gleichzeitig wuchs Biel in dieser Zeit stark. „Dazu kam der politische
Wechsel, 1921 wurde Biel sozialdemokratisch. Auf all das traf die neue
Bauform der Moderne.“
In La Chaux-de-Fonds hatte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts ein zweiter
architektonischer Aufschwung begonnen, der ebenfalls in die Moderne führt.
Es etablierte sich eine eigene Prägung des Jugendstils: Der sogenannte
Style sapin („Tannenstil“) integrierte alpine Naturmotive in die Dekore.
Dieses kreative Milieu prägte auch den [3][in der Stadt geborenen Le
Corbusier]. Er lernte an der örtlichen Kunstgewerbeschule zunächst
Gravierer und Ziseleur, bevor er sich der Architektur zuwandte. Mit frühen
Werken wie der noch im Jugendstil begründeten Villa Fallet (1905) und der
bereits deutlich reduzierteren Maison Blanche (1912) wandelte er sich hier
vom Kunsthandwerker zum Pionier der internationalen Moderne.
## Staunen in der weißen Villa
Natürlich besuchen Interessierte diese Häuser. Staunen ob der offenen
Raumkonzepte in der weißen Villa, versuchen irgendwie einen Zusammenhang zu
den Wohnmaschinen zu finden, mit denen „Corbu“ später berühmt wurde. Und
auch Biel steht mit seinen Baudenkmälern durchaus auf der Liste der
Architekturfans. Dennoch ist der Tourismus, traditionell einer der
wichtigsten Wirtschaftszweige der Schweiz, in den beiden Städten noch nicht
angekommen. Matthias Grütter zuckt mit den Schultern. „Industriestädte
werden unterschätzt, das ist doch überall so. Da wollen die Leute nicht
unbedingt ihre freien Tage verbringen. Dabei sind Städte wie Biel
niederschwellig. Es geht hier nicht darum, zu repräsentieren oder um teure
Kleidung. Du kannst dich geben, wie du bist.“
Die Schweizer Uhrenindustrie, ohne die La Chaux-de-Fonds und Biel keine
bedeutenden Städte wären, florierte in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts – um anschließend überrollt zu werden, denn in den 1960er
Jahren kam die Quarzuhr auf. Sie kostete in der Herstellung nur einen
Bruchteil der mechanisch angetriebenen Modelle, lief genauer und wurde
vornehmlich in Fernost produziert. Für die Uhrenstädte war dies eine Zäsur,
die bis heute nachwirkt. Denn zwar hat man sich von der sogenannten
Quarzkrise auf dem Papier erholt, vor allem durch die Schweizer Quarzuhr
Swatch und eine kompromisslose Ausrichtung auf das absolute Luxussegment.
Doch das verdiente Geld wird zu großen Teilen an anderer Stelle versteuert.
Zugleich wirken Biel und La Chaux-de-Fonds durch ihren vergleichsweise
günstigen Wohnraum als soziale Auffangbecken für einkommensschwache und von
Erwerbslosigkeit bedrohte Haushalte. Während im Schweizer Gesamtschnitt die
Sozialhilfequote bei rund 2,9 Prozent liegt, sind in Biel 9,1 Prozent und
in La Chaux-de-Fonds 8,5 Prozent der Bevölkerung auf behördliche
Unterstützung angewiesen. Die Durchschnittseinkommen liegen deutlich unter
dem Schweizer Mittel.
Doch gerade, weil die beiden Städte vergleichsweise arm sind, entstehen
Freiräume, die auf sehr unterschiedliche Art und Weise genutzt werden. So
darf sich La Chaux-de-Fonds im nächsten Jahr „Schweizer Kulturhauptstadt“
nennen. Der neu geschaffene Titel, der zukünftig im Abstand von drei Jahren
vergeben wird, soll vor allem die mittelgroßen Schweizer Städte stärken.
„Wir haben beim europäischen Kulturhauptstadtprogramm gesehen, dass Städte,
die bereits als kulturelle Zentren anerkannt sind, von dieser Art von
Programm nicht profitieren“, erklärt Projektleiter Olivier Schinz. In
seiner Heimatstadt seien die Voraussetzungen hingegen ideal. Bekannt sei La
Chaux-de-Fonds wegen seiner Rolle in der Uhrenindustrie durchaus.
Gleichzeitig wachse die kulturelle Szene beständig, eben auch aufgrund der
günstigen Mieten.
## Die Schlachthöfe der Stadt
Im Zentrum werden dabei die Anciens Abattoirs stehen, die ehemaligen
Schlachthöfe der Stadt, die unter anderem zwölf Akteur:innen aus der
Region als Fläche dienen sollen. Die Bandbreite reicht dabei von der
Fédération Africaine des Montagnes Neuchâteloises, die die Bedeutung der
afrikanischen Diaspora in der Region aufzeigen soll, bis zu den
Anarcho-Musiker:innen des Watchmaking Metropolis Orchestra.
„Bilbao-Effekt“ nennt man die erfolgreiche Wiederbelebung durch
Kulturprojekte, die spanische Stadt erfuhr nach der Eröffnung des
Guggenheim-Museums 1997 einen rasanten Wandel. Neu gebaut wird in La
Chaux-de-Fonds nicht, trotzdem soll das Jahr nachwirken. Die
Macher:innen gehen davon aus, dass sich das städtische Leben durch die
zahlreichen Veranstaltungen in Richtung der Schlachthöfe verschieben wird.
Und sie hoffen, dass die Abattoirs auch nach dem Festival als Kulturstätte
erhalten bleiben.
In Biel findet sich ein anderes Leuchtturmprojekt: Das Terrain Gurzelen ist
ein Hybrid aus autonomem Kulturzentrum, öffentlichem Park, Sportstätte und
soziokulturellem Experimentierfeld auf insgesamt 24.000 Quadratmetern eines
ehemaligen Fußballstadions. An die 50 Initiativen haben hier ein Zuhause
gefunden, nachdem der FC Biel 2015 seinen Spielbetrieb in eine neu erbaute
Arena verlegte. Was ursprünglich als eine Zwischennutzung für drei Jahre
gedacht war, geht bald in sein elftes Jahr.
Als „pragmatisch gemachte realistische Utopie“ bezeichnet Vorstandsmitglied
Matthias Rutishauser das Terrain. „Am Anfang hatte die Stadt schon Angst.
Die dachten, wir kommen hier mit Bauwagen an und leiten daraus dann
womöglich irgendein Folgerecht ab. Aber wir hatten in der Politik Leute,
die an das Projekt geglaubt haben. Und das ist genau, worum es bei so etwas
geht.“
Heute hat sich das Terrain Gurzelen etabliert. Schlendert man mit
Rutishauser über das Gelände, vorbei an der Kinderbaustelle oder dem
inklusiven Gärtnerprojekt „Langsamer“, merkt man rasch: Der ist stolz, weil
er um die Singularität des Ortes weiß, der mittlerweile zahlreiche
Besucher:innen anzieht. „Andere Zwischennutzungsprojekte sind
interessiert, Stadtplaner:innen, Architekt:innen, wir geben locker dreißig,
vierzig Führungen pro Jahr“, erzählt er.
Rutishauser selbst ist auch einer der Motoren hinter „Tennis Champagne“,
dem einzigen Rasentennisplatz in der Schweiz, der gegen eine niedrige
Gebühr für alle zugänglich ist. „Wir haben hier ein Luxusgut
demokratisiert“, sagt er. Dazu passt, dass ein paar Meter entfernt ein
Bolzplatz liegt, auf dem die Kids aus dem Stadtviertel kicken. „Am Anfang
fanden uns manche Leute im Viertel schon freaky. Aber die Akzeptanz ist
über die letzten Jahre gewachsen. Auch die Leute, die bei Swatch arbeiten,
kommen auf einen Apéro vorbei oder die Bauarbeiter für ihr Mittagessen.
Dennoch bleiben wir ein alternativer Ort.“
Bloß wie lange noch? Längst gibt es einen Masterplan zur Bebauung des
Terrains. Aber alle Beteiligten sind guter Dinge, dass noch einmal zehn
Jahre drin sind: In der Stadt hat gerade die Erschließung des ehemaligen
Spitals Beaumont Priorität.
Der Schweizer Tages-Anzeiger, der 2020 Biel noch zur „am meisten
missverstandenen Stadt des Landes“ krönte, titelte drei Jahre später:
„Auffallend viele Zürcherinnen und Zürcher ziehen nach Biel“. Ein bisschen
was scheint also in der Luft zu liegen. Gentrifizierung ist in den beiden
Städten dennoch kein allzu großes Thema. Dafür ist der Wohnungsmarkt noch
zu entspannt. La Chaux-de-Fonds schützt zudem seine Lage: Auf 1.000
Höhenmetern zu leben, das muss man schon wollen.
Transparenzhinweis: Die Recherchereise wurde unterstützt von Jura &
Drei-Seen-Land.
20 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jochen Overbeck
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