# taz.de -- Festival-Ausladung von Alphaville: Doch noch Glücksgefühle über Meinungsfreiheit
       
       > Das „Glücksgefühle Festival“ lud die Band Alphaville erst ein und dann
       > aus, weil sie auf politische Äußerungen nicht verzichten wollte. Nach
       > Kritik darf sie nun doch auftreten.
       
 (IMG) Bild: Sänger Marian Gold von der Band Alphaville spricht von einem „Maulkorberlass“
       
       Bloß nicht die Stimmung verderben und immer fröhlich sein, ist das Motto
       des Glücksgefühle-Festivals in Hockenheim. Und wer nicht ins frohsinnige
       Weltbild passt, wird ausgeladen – so wie die Band Alphaville. An der Musik
       kann es nicht gelegen haben. Und wer Max Giesinger auf sein Festivalgelände
       lässt, ist von ästhetischen Bedenken generell frei.
       
       Die Begründung des Veranstalters Markus Krampe war politisch und fiel
       sowohl eindeutig als auch verklemmt aus: Man wolle den Besuchern eine
       unbeschwerte Zeit ermöglichen. Bei den vergangenen Auftritten von
       Alphaville hätten Aussagen des Sängers Marian Gold zu „Unmut“ geführt und
       „die ausgelassene Stimmung getrübt“.
       
       Welche genau das gewesen sein sollen, erfährt man aus dem Statement nicht.
       Da es um Sätze geht, die auf einer Bühne getätigt worden sind, könnte ein
       Auftritt im Hamburger Volksparkstadion gemeint sein. Da erklärte Gold, es
       könne nicht sein, dass mit der AfD „die Nazis uns unser Land wegnehmen“.
       Außerdem hing beim Alphaville-Song „Carry Your Flag“ eine Regenbogenflagge
       im Hintergrund.
       
       In Interviews spricht sich die Band immer wieder für Demokratie aus,
       bezeichnet sich als linksliberal und untersagte zudem der AfD, „Forever
       Young“ auf Wahlkampfveranstaltungen zu spielen.
       
       ## Maulkorberlass des Festivals
       
       Alphaville nennt die Auftrittsabsage des Festivals ganz richtig einen
       [1][„Maulkorberlass“]: „Dass eine derartige Einschränkung der Meinungs-,
       Rede- und Kunstfreiheit nun auf einem der größten Popfestivals Deutschlands
       angekommen zu sein scheint, empfinden wir als absolut untragbar und
       erschütternd.“
       
       An dem ganzen peinlichen Vorgang kann man so einiges ablesen. Zum einen ist
       die Idee, man könne Politik und Musik trennen, schon einmal Quatsch. Eine
       Band, die sich für Demokratie und gegen eine rechtsextreme Partei
       ausspricht, unter dem Vorwand auszuladen, man wolle keinen „Unmut“ und
       keine „Spaltung“ im Publikum, ist selbst ein politischer Akt.
       
       Und wenn es um die völlige Abwesenheit von allem ginge, was den
       besinnungslosen Frohsinn stören könnte, dürften Alphaville ihren Song
       „Forever Young“ nicht spielen. In dem geht es nämlich um den Kalten Krieg
       und Atomtod („Heaven can wait, we’re only watching the skies / Hoping for
       the best but expecting the worst / Are you gonna drop the bomb or not? /
       Let us die young or let us live forever“).
       
       Nebenbei bemerkt, ein bei aller Zeitgebundenheit ewig gültiger Popsong.
       Einer der schönsten, die in Deutschland je fabriziert wurden und den selbst
       Die Toten Hosen und Die Goldenen Zitronen („Für immer Punk“) bis jetzt
       nicht kaputtspielen konnten.
       
       ## Aggressiver Frohsinn statt Demokratieverteidigung
       
       Überhaupt, Politik und Musik: Die Klänge, die der „Volks-Rock-'n'-Roller“
       Andreas Gabalier – der im Gegensatz zu Alphaville beim
       Glücksgefühle-Festival auftritt – von sich gibt, sind vieles, aber bestimmt
       nicht unpolitisch. Volkstümelei, Heimatkitsch und aggressiver Frohsinn sind
       der ästhetische Vorschein der wieder hergestellten Volksgemeinschaft.
       Alphaville wirkt im Vergleich wie eine Band, die an zivilisatorische
       Mindeststandards erinnert.
       
       „Das Glücksgefühle-Festival ist und bleibt ein Ort, an welchem ausdrücklich
       jeder seine Sorgen des Alltags vergessen kann“, schreiben die Veranstalter.
       Da gehöre es auch dazu, „das Thema, das die Menschen in Deutschland aktuell
       am meisten spaltet, Politik, außen vor zu lassen“. Man wolle eine Zeit
       jenseits „jeglicher möglicher Konflikte“.
       
       Das heißt in der Konsequenz, dass die Veranstalter davon ausgehen, dass
       Teile des Festivalpublikums am Wochenende der [2][Landtagswahl in
       Sachsen-Anhalt] unwirsch werden, wenn sich eine Band für Demokratie und
       gegen rechts ausspricht. Vielleicht noch eine Regenbogenfahne auf die Bühne
       hängt. Und dass sich jemand vom völkischen Gehampel von Andreas Gabalier
       gestört oder gar belastet fühlt, bei einer Massenveranstaltung in
       Deutschland 2026 eher nicht zu befürchten ist.
       
       Zumindest äußern sich die ersten Künstler*innen und kritisieren das
       Vorgehen des Festivals. Und es stehen noch einige weitere Künstler*innen,
       die in den vergangenen Monaten in Songzeilen, Interviews oder eben bei
       Bühnenansagen etwas gesungen oder gesagt haben, das dem zwanghaften
       [3][unpolitischen Festivalmotto „Good Vibes Only“] widerspricht, auf dem
       Line-up.
       
       Da kann man nur hoffen, dass sich viele weitere solidarisch erklären und
       sich zu schade dafür sind, von einem Veranstalter, der eine Band wegen
       eines Anti-AfD-Statements auslädt, eine Gage überwiesen zu bekommen.
       Letzterer wiederum ist dann doch zurückgerudert: „Wie wir gehandelt haben,
       war in der Tat ein Fehler.“ Die Band ist wieder eingeladen.
       
       3 Sep 2026
       
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