# taz.de -- Tagung zum 7. Oktober in Berlin: „Die Gesellschaft darf nicht von Extremisten geführt werden“
       
       > Eine internationale Tagung in Berlin befasst sich damit, wie weit der 7.
       > Oktober von der Shoah entfernt liegt und wohin die israelische
       > Gesellschaft steuert.
       
 (IMG) Bild: Ein zerstörtes Gebäude im Kibbutz Beeri nach dem Terror der Hamas am 7. Oktober 2023
       
       Die Studienbedingungen waren nicht ganz ideal: Als Kiryat Shmona, im Norden
       Israels an der Grenze zum Libanon gelegen, im Raketenhagel der schiitischen
       Hisbollah-Miliz lag, wurde der Ort zeitweise fast komplett evakuiert,
       berichtet die Studentin Mia. Ihre Universität Tel-Hai fand Obdach in
       verschiedenen israelischen Kommunen. Mia selbst war zur Sicherung ihres
       Kibbuz Hagoshrim fünf Kilometer weiter östlich eingeteilt. Dort sei ein
       Kibbuznik bei einem Raketeneinschlag getötet worden, sagt sie, vielleicht
       50 Meter von ihr entfernt.
       
       Die Studentin spricht auf einer internationalen Konferenz – nicht in ihrer
       Heimat Kiryat Shmona, sondern im Westen Berlins, wo die private jüdische
       Touro-Universität ihren Sitz hat. Das Thema der Jahrestagung der
       Tel-Hai-Universität liegt zur einen Hälfte in Israel, zur anderen in
       Deutschland. Es geht um das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023. Und um die
       Shoah.
       
       In Berlin werden [1][jüdische Studenten angefeindet]. Das
       Studierendenparlament der Humboldt-Universitär hat jüngst einen Boykott
       israelischer Forschungseinrichtungen verlangt. An der Touro-Uni tagen
       Israelis und Deutsch ungestört.
       
       ## Warnung vor direkten Nazi-Hamas-Vergleichen
       
       Nach dem 7. Oktober haben Holocaustforscher wiederholt davor gewarnt,
       direkte Vergleiche zwischen der Hamas und den Nazis vorzunehmen. Viel zu
       unterschiedlich seien die Dimensionen der Taten, zu verschieden die Motive
       der Täter. Es geht in Berlin auch nicht um direkte Vergleiche, sondern um
       Wechselwirkungen. So bei den Überlebenden der Shoah, die von dem
       Hamas-Massaker direkt betroffen waren – und sind.
       
       Amir Peleg lebt im Westen der Negev-Wüste, dort, wo die Terrorkommandos der
       Hamas zuschlugen, mehr als 1.200 Menschen ermordeten und über 200
       entführten. Peleg entkam dem Massaker nur knapp, berichtet er, er habe
       viele Freunde verloren. Er hat mit Shoah-Überlebenden gesprochen, die
       direkt von dem Attentat betroffen waren, sei es, weil sie Angehörige
       verloren oder weil ihre Siedlung überfallen worden war. Etwa 200.000
       Überlebende des Nazi-Völkermords leben noch auf der Welt, rund die Hälfte
       davon in Israel.
       
       Diese Menschen, berichtet Peleg, verglichen ganz selbstverständlich ihre
       Angst von damals mit der von heute. Sie fühlten sich erneut einer Situation
       ausgeliefert, über die sie keinerlei Kontrolle besaßen, mussten sich erneut
       vor schwer bewaffneten Menschen verstecken. Sie haben Tote in den Straßen
       gesehen, damals im von den Deutschen gebildeten polnischen Ghetto, jetzt in
       einem [2][Kibbuz]. Die Shoah-Überlebende Bella sagt: Was dort geschah, warf
       mich zurück in den Zweiten Weltkrieg – wie sie Häuser anzündeten,
       Ortschaften, Synagogen. Seit dem 7. Oktober bin ich ein anderer Mensch
       geworden.
       
       Direkte Vergleiche lehnten die Überlebenden mehrheitlich ab. „Wer
       vergleicht, hat nichts verstanden“, sagt einer von ihnen. „Aber der Hass
       ist derselbe“, sagt ein Mann. „Wir müssen einen Weg des Zusammenlebens
       finden“, appellieren sie trotz allem, oder: „Die Gesellschaft darf nicht
       von Extremisten geführt werden.“
       
       ## Erschüttertes Vertrauen
       
       Vor allem aber ist ihr Vertrauen in die Sicherheit des Staates Israel
       erschüttert. „In Israel war Antisemitismus für die Überlebenden nicht
       existent“, sagt Amir Peleg. Sicherheit wurde von den Soldatinnen und
       Soldaten der israelischen Armee repräsentiert. Ihre fast vollständige
       Abwesenheit am 7. Oktober habe das Gefühl der Sicherheit zerstört, sagt
       Pelet. Das Versprechen, dass so etwas nie wieder passieren würde, wurde
       gebrochen. Neue Ängste sind bei den Überlebenden entstanden, gepaart mit
       den alten Traumata aus ihrer Kindheit, die wieder emporgestiegen sind.
       
       Sicherheit: Genau dort setzt die emeritierte Historikerin Hanna Yablonka
       ihre Kritik an der Politik der israelischen Regierung an. Der 7. Oktober
       sei noch nicht zu Ende, sagt sie. „Wir wissen nicht, wann was geschieht.
       Wir wissen nicht, wie wir dann darauf blicken. Aber wir haben bald Wahlen.“
       Der Krieg geht weiter. In weniger als zwei Monaten, am 27. Oktober, wird
       eine neue Knesset gewählt. Premier Benjamin Netanjahu will eine neue
       Amtszeit erringen.
       
       Manche Vergleiche seien durchaus erlaubt, meint Yablonka. Auch die Hamas
       hege genozidale Vorstellungen, so wie die Nationalsozialisten. Die
       Terroristen hätten Friedensfreunde ermordet, beklagt sie, so wie den
       Historiker Alex Danziger aus dem Kibbuz Nir Oz. Der große Unterschied sei,
       ob die Hamas in der Lage sei, ihre Vorstellungen auch umzusetzen.
       
       Hanna Yablonka bleibt nicht bei der Erinnerung an den 7. Oktober stehen,
       sie versucht, das große Ganze zu erklären. Zwei große Ereignisse hätten die
       jüdische Welt im 20. Jahrhundert bestimmt, sagt sie, die Shoah und die
       Staatlichkeit Israels. Damals hätten die Überlebenden sich entschieden:
       Nicht alle waren Mörder, es gab Menschen, die gerettet haben. Deshalb sei
       Rache nicht zum bestimmenden Wert geworden. Auf diese Einsicht, so
       Yablonka, gründete sich der Versuch, mit der Gründung des Staates Israel
       einen Neubeginn zu wagen. Anfangs habe die Shoah in Israel keine große
       Rolle gespielt. Das sei erst später geschehen, beginnend mit dem
       Eichmann-Prozess 1961.
       
       Yablonka, die Grande Dame der israelischen Historikerinnen, appelliert:
       „Konsequenzen aus der Shoah, das ist eine Verpflichtung. Heute müssen sich
       die Israelis fragen: Ziehen wir die richtigen Konsequenzen? Keiner kann dir
       sagen, welche Konsequenzen richtig sind. Du musst es selbst herausfinden.“
       Doch Yablonka gibt eine Antwort: „Die Shoah siegt über den Zionismus“,
       kritisiert sie. Die Shoah sei nicht nur Begründung für Israels Existenz
       geworden, sondern auch Begründung für Militarisierung und Rache.
       
       Einheit, Wiederbelebung, Hoffnung und Sieg seien die Worte, die nach dem 7.
       Oktober hoch im Kurs stünden, aber nicht Niederlage, Verantwortung,
       Empathie und Frieden, beklagt die Historikerin. Israel befände sich vor
       einer neuen Ära: „Die Frage ist nicht, was sie uns angetan haben. Die Frage
       ist, was wir ihnen antun und was wir damit uns allen antun.“
       
       6 Sep 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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