# taz.de -- Politische Bildung und Landtagswahlen: Im Gespräch gewinnen
> Mit einem Wahl-O-Mat in den Straßenkampf? Das geht! Das Game
> „Kanzlerclash“ zeigt, wie schlagkräftig Argumente sein können – oder eben
> nicht.
(IMG) Bild: Hier Rechte von der Demokratie überzeugen
Ich stehe auf dem Markplatz in Halle. Imposant ragen vor mir die Türme der
Marienkirche empor. Die Abendsonne hat sie in ein warmes, versöhnliches
Licht getaucht. Es ist Wahlkampf – ich bin hier, um Menschen zu überzeugen.
Und um mich zu prügeln.
Was nach einem weiteren Beitrag zur Debatte über die Wehrhaftigkeit der
Demokratie klingen könnte, ist aber tatsächlich ganz harmlos – und soll
sogar Spaß machen.
Das kostenlose [1][Browsergame „Kanzlerclash“] mischt [2][Wahl-O-Mat] und
einfache Videospielmechaniken, um Wahlprogramme leichter zugänglich zu
machen. Das Hobbyprojekt ging erstmals zur Bundestagswahl 2025 online und
wurde jetzt für die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt,
Mecklenburg-Vorpommern und Berlin überarbeitet.
Alles beginnt wie bei einem klassischen Rollenspiel: Im Editor bastele ich
mir einen Charakter in Pixeloptik zusammen und kann außerdem eine Fraktion
wählen. Dann müssen drei Skillpunkte verteilt werden. Nicht auf Stärke,
Ausdauer oder Geschicklichkeit, sondern auf 16 verschiedene „Themen“ wie
Arbeit, Klima oder Integration.
## Mein erster Sieg
So gerüstet begebe ich mich in den Wahlkampf – genauer gesagt in einzelne
Regionen oder Stadtteile der drei Bundesländer. Mit Blick auf die
32-Bit-Version von Schloss Wernigerode erprügele ich im Harz meinen ersten
Sieg gegen „FearedWitch610“. Der Kampf läuft dabei automatisch ab. Unter
Begleitung von primitiven Animationen und Sounds wie aus der Arcade, prüft
das Spiel im Hintergrund quartettartig, welche Figur in welchem Teilgebiet
den höheren Skill hat. Meine zwei Punkte in Digitalisierung stechen jeweils
einen Punkt in Wirtschaft, Steuern und Verkehr, meine Fraktion steigt in
den Umfragen, ich in der Bestenliste.
Doch „Kanzlerclash“ belässt es nicht bei dieser konfrontativen
Politikinterpretation: Während der politische Gegner im Straßenkampf
gestellt wird, müssen die einfachen Leute im Gespräch gewonnen werden.
Um wieder neue Kraft für Kämpfe zu sammeln und weitere Skillpunkte
freizuspielen, begegne ich verschiedenen Bürger:innen – Profile, die
anhand statistischer Daten und mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt
wurden, um unterschiedliche Bevölkerungs- und Wähler:innengruppen
nachzubilden: das Rentnerehepaar Helga und Dieter, den Bundeswehrsoldaten
Stefan, eine Landärztin, die alleinerziehende Nadine. Die Methodik hinter
den insgesamt 16 sogenannten Personas lässt sich über die Website
nachverfolgen.
In Chats tausche ich mich mit meinen potenziellen Wähler:innen über ihre
Anliegen aus. Dabei saugt sich die KI einzelne Aussagen nebst Quellenangabe
aus den Wahlprogrammen und fragt mich: dafür oder dagegen?
Je nach Antwort ist auch mein Gegenüber zufrieden und begründet seine
eigene Entscheidung. Bei Meinungsverschiedenheiten bleibt es erfrischend
unrealistisch: „Da sind wir auseinander. Aber genau dafür reden wir ja“,
sagt mir Polizist Marco, nachdem ich mich gegen die staatliche Nutzung der
KI-Überwachungssoftware Palantir in Sachsen-Anhalt ausgesprochen habe.
Im virtuellen Berlin kommen wir uns aber wieder näher. Zwar kann die AfD
bei den KI-Rentnern Helga und Dieter mit ihrer Forderung nach
ideologiefreiem [3][Streusalzeinsatz auf Gehwegen] (S. 84 des
Landtagswahlprogramms) punkten, Robocop Marco ist die Forderung nach
„Remigration“ für mehr Sicherheit (S.12) aber schlicht zu plump: „Ich
verfolge Straftaten – egal, wer sie begeht. Sicherheit allein an
‚Remigration‘ zu hängen, ist mir zu pauschal und hilft mir im Einsatz
nicht.“ Reden bringt halt doch mehr als Prügeln.
5 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://kanzlerclash.de/
(DIR) [2] https://www.wahl-o-mat.de/sachsenanhalt2026/app/main_app.html
(DIR) [3] /Eis-und-Schnee-in-Berlin/!6148154
## AUTOREN
(DIR) Lennart Hasche
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