# taz.de -- Housing-First-Angebote in NRW: Im Kampf gegen die Wohnungsnot
> Nordrhein-Westfalen will Wohnraum ohne Vorbedingungen schaffen. Das sei
> gut, aber komme reichlich spät, sagt eine Obdachlosenhilfe in Düsseldorf.
(IMG) Bild: Schlafplatz unter freiem Himmel in Düsseldorf
Nordrhein-Westfalen verstärkt den Kampf gegen Wohnungs- und Obdachlosigkeit
und will sogenannte [1][Housing-First-Angebote] gezielter fördern. Dabei
hat das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) in
Düsseldorf ein Umsetzungskonzept geschaffen, um interessierte Kommunen und
Träger bei der Einführung von lokalen Housing-First-Angeboten zu
unterstützen. Es soll ein weiterer, neuer Baustein der landesweiten
Initiative „Endlich ein Zuhause“ sein und fokussiert auf eine spezielle
Gruppe von Wohnungslosen: „Den Schwächsten der Schwachen unter den
wohnungslosen Menschen“, wie Sozialminister Karl Josef Laumann (CDU) sie
nennt.
Am Dienstag ist die Implementierungsphase offiziell angestoßen worden und
das Konzept im Ministerium vor diversen Vertreterinnen und Vertretern der
Kommunen, von Verbänden und Institutionen im Bereich Housing First sowie
der Wohnungsnotfallhilfen in NRW vorgestellt worden. Laut Laumann ist nun
für „zukünftige Träger in ganz NRW eine direkte Praxishilfe zur
zielgerechten Konzeption und Umsetzung von Housing-First-Angeboten vor Ort“
geschaffen worden.
Housing-First-Angebote verfolgen den Ansatz, ohne jedwede Vorbedingungen
Wohnraum in enger Zusammenarbeit mit Vermietern für obdach- und
wohnungslose Menschen in komplexen Problemlagen zur Verfügung zu stellen.
## Die Lücke bleibt
Zwar hat NRW zahlreiche Projekte zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit
aufgelegt. Das Land soll nach Angaben Laumanns mehr Geld in den sozialen
Wohnungsbau investiert haben als alle anderen Bundesländer. Dennoch fielen
immer noch mehr als 5.000 Menschen durch das Raster und müssten ohne ein
Dach über dem Kopf auf der Straße leben. Oft seien es Menschen, die neben
ihrer Obdach- und Wohnungslosigkeit zugleich mit weiteren Problemen wie
einer Suchterkrankung zu kämpfen haben. Sie hätten praktisch keine Chance
auf dem ohnehin sehr angespannten Wohnungsmarkt und die bestehenden
Hilfsstrukturen erreichten sie zu oft nicht.
Genau für diese Menschen ist Housing First das richtige Angebot, um wieder
Stabilität im Leben zu bekommen – durch eine feste Wohnung mit Mietvertrag
und bei Bedarf wohnbegleitender und sozialpädagogischer Unterstützung,
finanziert von der öffentlichen Hand oder Trägern. „Housing First bietet
Menschen ohne Umwege einen stabilen Wohnraum und damit die Chance auf ein
neues Leben“, erklärt etwa Marco Schmitz von der Sozialstiftung NRW.
Erfahrungen und Studien zeigten, dass Housing First die gesundheitliche und
soziale Stabilisierung deutlich verbessere und Betroffenen neue
Perspektiven eröffne, so Schmitz.
Die Sozialstiftung NRW ist mit ihren Fördermöglichkeiten „ein wichtiger
Baustein für die Schaffung entsprechender Angebote gegen
Wohnungslosigkeit“, lobt Laumann die Stiftung, die in seinem Haus
angesiedelt ist. Konkret stellt die Sozialstiftung NRW nach eigenen Angaben
für Anschubfinanzierungen im Bereich Housing First bis zu fünf Millionen
Euro bereit. Nur einen Bruchteil müssten die Kommunen oder Träger anfangs
selbst stemmen. Allerdings ist es ein großes Problem, was nach der
Anschubfinanzierung kommt und wie eine dauerhafte Regelfinanzierung
aussehen könnte. Dieses Problem steht weiterhin im Raum und Verbände werben
für eine weitere Beteiligung des Landes bei der notwendigen, langfristigen
Finanzierung von Housing First.
## Förderung bis zu 90 Prozent
Ein konkretes Beispiel zur Verdeutlichung von Housing First, was es
mittlerweile bundesweit gibt: Seit Frühjahr 2025 vermittelte der
Caritasverband für die Dekanate Dinslaken und Wesel in NRW 20 wohnungslosen
Menschen eine eigene Wohnung. Dieses Housing-First-Projekt wird mit mehr
als 300.000 Euro Anschubfinanzierung für Personal- und Sachausgaben über
einen Zeitraum von bis zu drei Jahren von der Stiftung unterstützt.
Gefördert werden im Rahmen eines Housing-First-Konzepts auch der Erwerb und
Umbau von Immobilien, Umbaumaßnahmen sowie der Neubau von Gebäuden. Die
Höhe der Förderung beträgt bis zu 90 Prozent. Antragsberechtigt sind
Mitglieder eines Spitzenverbandes der Freien Wohlfahrtspflege in
Nordrhein-Westfalen.
Der Pionier von Housing First in NRW ist sicherlich die Obdachlosenhilfe
„Fifty-Fifty“ aus Düsseldorf. Sie begrüßt den Schritt der Landesregierung,
nun verstärkt auf Housing First zu setzen. „Allerdings kommt diese
Initiative reichlich spät“, so Gründer Hubert Ostendorf auf redaktionelle
Anfrage. Der Bund habe bereits 2024 im nationalen Aktionsplan gegen
Wohnungslosigkeit das Ziel formuliert, Wohnungs- und Obdachlosigkeit in
Deutschland bis 2030 zu überwinden. „Aus Sicht von ‚Fifty-Fifty‘ darf
deshalb durchaus die Frage gestellt werden: Wie soll dieses Ziel noch
erreicht werden?“, fragt Ostendorf.
Denn Housing First funktioniert nur, wenn es auch Wohnungen gibt. Und genau
daran fehlt es in NRW in dramatischem Ausmaß. Nach Berechnungen des
Pestel-Instituts fehlten in NRW Ende 2024 rund 376.000 Wohnungen – mehr als
in jedem anderen Bundesland. Besonders groß ist der Mangel bei bezahlbarem
Wohnraum. Zugleich verliert NRW sogar weiterhin Sozialwohnungen durch
auslaufende Bindungen. „Allein 2025 entstanden rund 6.800 neue
Sozialwohnungen, während mehr als 26.000 Wohnungen aus der Sozialbindung
fielen – unter dem Strich also ein Verlust von rund 18.500
Sozialwohnungen“, rechnet Ostendorf vor. Minister Laumann weiß um diesen
Tatbestand und rechnet auch nicht damit, dass das Ziel, Obdachlosigkeit bis
2030 zu beseitigen, erreichen werden könne.
2 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://mags.nrw/landesregierung-veroeffentlicht-umsetzungskonzept-fuer-ausbau-von-housing-first-angeboten
## AUTOREN
(DIR) David Bieber
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