# taz.de -- Frauenrechte rot-weiß-rot: Kämpfen lernen
> Der Wiener Verein „Nachbarinnen“ fördert isolierte Migrantinnen. Er
> zeigt, wie Österreich funktioniert und wie Frauen ihre Rechte durchsetzen
> können.
(IMG) Bild: Christine Scholten (2. v. l.) hat 2013 „Nachbarinnen“ gegründet, bildet migrantische Frauen aus und stellt sie ein
Es ist gar nicht so einfach, mit Aziza einen Termin für ein Gespräch zu
finden, das kann schon mal einen Monat dauern. Denn die gebürtige Afghanin
hat viel zu tun – sie arbeitet Vollzeit, besucht nebenher Kurse und
Konzerte, hat zwei Kinder daheim und einen Ehemann, der auch eine
Anstellung hat.
Die Familie lebt seit sechs Jahren in Wien, 5. Bezirk Margareten, eine
Wohnung mit 90 Quadratmetern, 1.100 Euro Miete. Nach langer Zeit der fast
vollständigen Isolation sagt die 40-Jährige nun: „Ich fühle mich jetzt wie
eine Erwachsene.“
In den Räumen des [1][Wiener Vereins „Nachbarinnen]“ sitzt Aziza am
Besprechungstisch, schaut interessiert, erzählt lebhaft, springt manchmal
von einer Zeit in eine andere und wieder zurück. Sie spricht über sich, die
Flucht, Gewalt, die Kinder, den Ehemann, über Österreich. Sie trägt ein
dunkelgrünes Kopftuch, neben ihr Elham Agoosh, die übersetzt und erklärt.
Agoosh arbeitet als Sozialassistentin bei „Nachbarinnen“ und meint: „Ich
kenne das alles ganz genau, was sie sagt, ich hatte zuerst auch viel Angst
hier, kam nicht raus, war isoliert.“ 2008 war sie mit ihrer Familie aus dem
Iran nach Wien gekommen. Die beiden Frauen unterhalten sich auf Farsi, das
in Teilen Afghanistans und im Iran gesprochen wird.
## Positiv-Motivation für Frauen
„Nachbarinnen“ erscheint als ein sehr spannendes Integrationsprojekt.
Frauen mit Migrationshintergrund und entsprechenden Sprachfähigkeiten
nehmen andere geflüchtete Frauen an die Hand und zeigen ihnen – ja, wie
Wien und Österreich funktionieren. Es geht dabei eigentlich um alles:
Alltagspraktisches, Frauenrechte, typische Familienkonflikte, um Geld oder
die Frage: Wie bewerbe ich mich für eine Stelle?
„Wir machen Positiv-Motivation, stärken die Frauen“, sagt Christine
Scholten. 2013 hatte die Kardiologin „Nachbarinnen“ gegründet. Da hatte sie
in ihrer Praxis immer wieder mit migrantischen Patientinnen zu tun, die ihr
unglücklich erschienen. Die ihr Potenzial nicht nutzen konnten, aber an die
sie nicht herankam. Heute erinnert sich die 63-Jährige: „Ich hatte genug
verdient.“ Sie hörte als Ärztin auf und widmete sich dem Verein.
Dieser ist zu einer Art mittelständischem Unternehmen gewachsen. Scholten
schuf den Ausbildungsberuf der Sozialassistentin, bildet migrantische
Frauen darin aus und stellt sie ein. Elf Assistentinnen sind derzeit
beschäftigt mit Tarifbindung, es gibt eine Leiterin Soziales, eine Leiterin
Finanzen sowie eine Auszubildende als Bürokauffrau.
Ein Programm für eine Frau und deren Familie sieht etwa so aus: Sie treffen
sich etwa zwei Stunden in der Woche mit der Sozialassistentin. Das kann
drei Monate dauern oder auch ein Jahr. „Beendet ist es dann“, sagt
Christine Scholten, „wenn man den Eindruck hat, dass die Frau
Selbstständigkeit erreicht hat.“ Scholten wünscht sich „Frauen, die
selbstbewusst und aufrecht durch diese Stadt gehen“. Aufgenommen werden nur
Frauen und Familien mit gesichertem Aufenthaltsstatus.
## „Ich habe ihm verziehen“
Aziza aus [2][Afghanistan] hat eigentlich einen anderen Namen. Sie erzählt
sehr offen über sich und ihren Werdegang. Dass sie bei ihrer Geburt mit dem
Cousin verlobt wurde, dass sie mit dem Nachbarsjungen durchgebrannt ist,
ihrem heutigen Mann. Dass er sie mehrfach geschlagen hat, in Griechenland
erlitt sie dadurch eine schwere Kopfverletzung. „Aber er hat sich
entschuldigt, und ich habe ihm verziehen.“ Wie ohnmächtig sie in Wien war
und sich etwa nicht um die Entwicklung der Kinder kümmern konnte.
Nur zwei Jahre lang war Aziza in der Schule, sie gilt als Analphabetin,
auch ihr Deutsch ist noch schlecht. Sozialassistentin Elham Agoosh spricht
mit ihr, macht Familienkonferenzen. Es geht um Vereinbarungen. Die Frau
schreibt jeden Tag fünf deutsche Wörter auf. Der Mann geht mit dem Sohn auf
den Fußballplatz. Das Gespräch mit Lehrerinnen und Lehrern wird gesucht.
Sie wollte ein eigenes Konto, der Mann war dagegen, sie hat sich
durchgesetzt. Agoosh meint: „Sie soll sich mit ihrem Mann auf Augenhöhe
auseinandersetzen, sie soll kämpfen.“
[3][Die Männer sind manchmal, das klingt immer wieder durch, Teil des
Problems und nicht der Lösung.] „Manche Frauen bekommen nur ein kleines
Taschengeld vom Mann“, erzählt Christine Scholten, „manchmal ist es auch
richtig gefährlich zu Hause.“
Bei Gewalt drücken die „Nachbarinnen“ kein Auge zu. „Den Frauen wird
vermittelt, dass sie bei Gewalt sofort die Polizei rufen. Erscheint ein
Zusammenleben nicht möglich, dann wird die Frau mit den Kindern ins
Frauenhaus gebracht.“
## Zu 70 Prozent von der öffentlichen Hand finanziert
Scholten ist aber wichtig: „Wir sind nicht spaltend. Vieles hängt davon ab,
wie veränderungsbereit die Männer sind.“ Einige seien in traditionellen
Strukturen verhaftet, haben patriarchale Rollenbilder im Kopf. „Sie sind
aber nicht besonders aggressiv oder bösartig.“ Im positiven Fall begreifen
die Männer: „Wenn sie umdenken, haben sie eine fröhlichere Frau im Haus.“
Aziza erzählt, dass der mittlere Sohn eine Freundin hat, diese aber wegen
des Vaters nur heimlich trifft. Im Herbst beginnt er eine Ausbildung als
Mechaniker. Die Tochter ist gerade nicht mehr da, es gab Probleme mit dem
Vater, nun lebt sie irgendwo in Süddeutschland. Aziza sagt zu sich und auch
zu ihrem Mann: „Unsere Tochter soll mit Liebe leben.“ Sozialassistentin
Elham schätzt es so ein: „Sie wollte unabhängig werden, alle Probleme sind
kleiner geworden.“
Der Verein „Nachbarinnen“ hat ein Jahresbudget von 1,4 Millionen Euro. 350
bis 400 Frauen kommen jährlich in das Programm, seit Gründung wurden 4.600
Familien betreut. Laut eigener Berechnung entlastet eine Teilnahme an dem
Projekt die Sozialkassen um 3.000 Euro, weil der Weg in Arbeit erleichtert
wird. Zu 70 Prozent wird „Nachbarinnen“ von der öffentlichen Hand
finanziert – Arbeitsamt, Stadt Wien, Sozialministerium. Der Rest ergibt
sich aus kleinen oder auch größeren Spenden, die vor allem Christine
Scholten akquiriert.
Aziza hatte einen Minijob als Küchenhilfe in einem Restaurant in Melk, 75
Kilometer von Wien entfernt. Mit dem Zug braucht sie dafür eine Stunde. Nun
arbeitet sie dort in Vollzeit. „Ich bin jetzt gut bekannt mit den
Arbeitskolleginnen, dem Chef und der Chefin.“ Zeit nimmt sie sich aber auch
für Konzerte: „Musik ist gut für meine Seele.“
2 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://nachbarinnen.at/
(DIR) [2] /Taliban-Gewalt-und-Widerstand/!6185389
(DIR) [3] /Zwei-Sachbuecher-zum-Maennlichkeitsdiskurs/!6174619
## AUTOREN
(DIR) Patrick Guyton
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