# taz.de -- Klostreit in Wien: Null Cent fürs Pissoir, fünfzig Cent für die Kabine
       
       > Eine junge Frau will die Ungleichbehandlung in öffentlichen WCs nicht
       > akzeptieren und verklagt die Stadt Wien. Wird sie Erfolg haben?
       
 (IMG) Bild: Wer muss zahlen fürs stille Örtchen? In Wien müssen nur Frauen zahlen, am Bahnhof Hamburg-Altona niemand
       
       Er ging einfach durch, sie musste zahlen. Melanie Gradik und ihr Begleiter
       standen im [1][Wiener] Stadtpark vor derselben Toilette – und das stille
       Örtchen kam sie teurer zu stehen als ihn. 50 Cent kostet der Gang in die
       Kabine, während das Pinkeln am Pissoir, naturgemäß nur für Männer nutzbar,
       gratis ist. Gleichberechtigung endet anscheinend an der Klotür.
       
       Während sich viele stumm ärgern, wollte es die 27-jährige Gradik nicht
       dabei belassen. Sie klagt nun gegen die Stadt Wien, und zwar nach deren
       eigenem Antidiskriminierungsgesetz. „Natürlich ist es eine Kleinigkeit,
       aber es ist ein Beispiel für die [2][Ungleichbehandlung von Frauen im
       Alltag]“, sagte die Wienerin gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.
       
       168 öffentliche Toilettenanlagen gibt es in Wien, von denen 29 Standorte
       kostenpflichtig sind. Die Stadt begründet die Kosten mit dem anwesenden
       externen Personal, das die Toiletten laufend reinigt und wartet.
       
       Neu ist das Problem auch für die Wiener Stadtpolitik nicht, wie das
       aktuelle Koalitionsabkommen von Sozialdemokraten und liberalen Neos von
       2025 zeigt: „Wir prüfen, die Nutzung aller öffentlichen Toiletten für alle
       Menschen kostenlos zur Verfügung zu stellen, ohne Unterschiede zwischen
       Pissoir und Einzelkabinen“, heißt es darin. Geprüft wird seither eifrig,
       verändert hat sich aber nichts.
       
       ## Salzburg macht’s vor
       
       Auf eine Anfrage der oppositionellen Grünen hin nannte der zuständige
       Umweltstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) drei Gründe für die
       Ungleichbehandlung: Zum einen sei die Reinigung von WC-Kabinen aufwendiger
       und teurer. Zweitens würden die Pissoirs, die „gleichermaßen von allen
       Bürgerinnen und Bürgern genutzt werden können“, den Nutzungsdruck auf
       Kabinen senken. Und drittens würden sie dazu beitragen, „Verunreinigungen
       durch Wildpinkeln“ zu vermeiden. Männer, so die stille Logik, müsse man
       eben belohnen, damit sie nicht überall hinpinkeln.
       
       „Soll man jetzt Frauen raten, auch überall wild hinzupinkeln, damit sie
       kostenlose und vor allem mehr WC-Anlagen bekommen?“, fragte die grüne
       Gemeinderätin Julia Malle daraufhin entrüstet. Die Ungleichbehandlung
       gehöre beendet, „und zwar nicht, indem künftig alle zahlen, sondern indem
       niemand zahlt“. Zum Reinigungsaufwand merkte sie an, dass Männer auch nicht
       immer ins Schwarze treffen. Kritik kam auch von der Volksanwaltschaft. Die
       Regelung der Stadt sei „schlicht ungerecht“.
       
       Die Einnahmen an der WC-Tür decken im Übrigen nicht annähernd die Kosten.
       Eingenommen werden nämlich rund 300.000 Euro pro Jahr, die Ausgaben für
       Reinigung und Wartung der 168 Toilettenanlagen betragen hingegen 5,3
       Millionen Euro. Diese Zahlen nannte die Stadt Wien auf taz-Anfrage. Umso
       unverständlicher scheint es, an dieser Regelung festzuhalten.
       
       Wie eine Lösung aussehen kann, zeigt indes [3][Salzburg]. Auch dort war die
       Nutzung der Pissoirs kostenlos, während für die Kabinen 50 Cent verlangt
       wurden. Künftig wird die Nutzung der WCs in der Innenstadt für beide
       Geschlechter einen Euro kosten, in den anderen Stadtteilen kostenlos sein.
       Grund für diese Unterscheidung ist, dass Touristinnen und Touristen auch
       ihren Beitrag leisten sollen, so Vizebürgermeister Kay-Michael Dankl
       gegenüber dem Onlinemedium „Salzburg24“. Immerhin gibt es eine
       geschlechtereinheitliche Lösung.
       
       In Wien ist man noch nicht so weit. Die Stadt, die sich gern als so
       lebenswert und modern rühmt, prüft weiter, anstatt ihr eigenes
       Regierungsprogramm umzusetzen – weswegen Melanie Gradik nun vor Gericht
       zieht. Sie wünscht sich schlicht, „dass alle gerecht und gleichermaßen aufs
       Klo gehen können“. Ob das am Ende für alle etwas kostet oder für alle
       gratis ist, spielt für sie keine Rolle. Ihre Anwältin Petra Laback, die sie
       pro bono vertritt, schätzt die Erfolgsaussichten als „sehr hoch“ ein. Das
       Urteil werde sicherlich Präzedenzwirkung für ganz Österreich haben.
       
       5 Sep 2026
       
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