# taz.de -- Jobwunder dank Migration: Spanien feiert zweiundzwanzig Millionen!
       
       > Millionen neue Arbeitsplätze sind in den vergangenen Jahren entstanden.
       > Auch dank pragmatischer Migrationspolitik. Wie nachhaltig ist der Erfolg?
       
 (IMG) Bild: Zuwanderung beflügelt den Arbeitsmarkt: Schlange vor einer Behörde in Almería
       
       Mit der Nummer 22 auf einem Nationaltrikot präsentierte sich Spaniens
       Ministerpräsident Pedro Sánchez kürzlich in den sozialen Netzwerken. Stolz,
       denn erstmals waren mehr als 22 Millionen Beschäftigte und Selbstständige
       in der Sozialversicherung gemeldet und das, obwohl 19 Millionen lange als
       die Obergrenze dessen galt, was der spanische Arbeitsmarkt hergibt.
       
       Während Länder wie Deutschland und Italien hart kämpfen, um nicht in die
       Rezession abzurutschen, wächst die spanische Wirtschaft wie kaum eine
       andere in der EU. 2025 um 2,8 Prozent. „Spanien, das Jobwunder“, heißt es
       in der nationalen und internationalen Wirtschaftspresse, „Spanien, der
       Wachstumsmotor“.
       
       Elma Saiz, Sozialministerin der Linkskoalition rund um den Sozialisten
       Sánchez, sagt zufrieden: „Wir blicken auf zwei Jahre zurück, in denen die
       Zahl der Sozialversicherten um jeweils 500.000 stieg“.
       
       Im vergangenen Jahr entstanden vier von zehn neuen europäischen
       Arbeitsplätzen in Spanien. Die Arbeitslosigkeit liegt dort erstmals seit 17
       Jahren unter zehn Prozent. Knapp die Hälfte der Beschäftigten sind
       mittlerweile Frauen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist mit rund 24 Prozent im
       EU-Vergleich noch immer sehr hoch. Aber aktuell so niedrig wie noch nie,
       seit darüber Buch geführt wird.
       
       ## Hunderttausende Einwanderungen vor Legalisierung
       
       Mittlerweile sind 16 Prozent – 3,58 Millionen – der Sozialversicherten
       Eingewanderte. Das sind 258.000 mehr als vor einem Jahr. Hinzu kommen fünf
       Prozent Arbeitskräfte mit doppelter Nationalität, oft Eingewanderte aus
       Lateinamerika oder Nachkommen von Eingewanderten.
       
       Spanien hat unter dem seit 2018 regierenden Sánchez großzügig ausländische
       Arbeitskräfte aufgenommen. 1,2 Millionen wanderten alleine in den letzten
       fünf Jahren ein. Viele kamen mit einem touristischen Visum und blieben. Sie
       fanden Arbeit auch ohne Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung – meist in der
       Gastronomie, der [1][Landwirtschaft], auf dem Bau und bei häuslicher Hilfe.
       Eine großangelegte Überführung in den regulären Aufenthalt soll ihnen jetzt
       mehr Sicherheit geben.
       
       500.000 bis 800.000 Eingewanderte werden je nach Schätzung dadurch in den
       nächsten Monaten eine einjährige und verlängerbare Aufenthaltsgenehmigung
       mit Arbeitserlaubnis erhalten. Luis Zatapuz vom Wirtschaftskabinett der
       größten Gewerkschaft des Landes, CCOO, prophezeit: „Die Zahl der
       Sozialversicherten wird durch die Regularisierung in den nächsten Monaten
       sprunghaft ansteigen“.
       
       Dieses Jobwunder hätte – wäre es nach der rechten Opposition gegangen – gar
       nicht stattfinden dürfen. Die konservative Partido Popular (PP) und die
       rechtsextreme VOX stimmten gegen alles, was den Arbeitsmarkt verbesserte:
       eine Reform, um Zeitverträge einzuschränken, oder den mittlerweile in
       mehreren Stufen um 66 Prozent angehobenen Mindestlohn. Solche Maßnahmen
       würden der Wirtschaft schaden, Arbeitsplätze zerstören, hieß es immer
       wieder. Außerdem wettert die Rechte gegen die „unkontrollierte Zuwanderung“
       und deren Regularisierung. All das würde Spanien schaden.
       
       ## Wachstum widerlegt rechte Stimmungsmache
       
       Das Gegenteil ist der Fall. Das zur Großbank BBVA gehörige
       Forschungsinstitut analysiert: „Das Ergebnis ist Wachstum mit mehr aktiver
       Bevölkerung, mehr Beschäftigung, ein größeres Lohnvolumen und als Folge
       mehr Konsum und mehr interne Nachfrage“. Rund [2][die Hälfte des Wachstums
       geht auf die Einwanderung] und damit die gestiegene Zahl der Arbeitskräfte
       zurück.
       
       Daneben beflügeln neue Aktivitäten in der Bauwirtschaft die spanische
       Wirtschaft. Außerdem exportiert Spanien immer mehr nicht-touristische
       Dienstleistungen etwa in der Logistik- und der IT-Branche. Die BBVA spricht
       von einem Anteil von 8,5 Prozent dieser Dienstleistungen an der spanischen
       Wirtschaft, vor der Pandemie waren es zwei Prozent weniger.
       
       Das Land auf der Iberischen Halbinsel vermeldet seit Jahren einen
       Außenhandelsüberschuss. Die Energie ist – vor allem wegen des hohen Anteils
       der Erneuerbaren – billiger als etwa in Deutschland. Und die Löhne sind
       niedriger. Dies ist ein klarer Standortvorteil und lockt Investoren an.
       
       Doch bestünden auch Herausforderungen: „Die Steigerung der Produktivität
       pro Beschäftigtem“ sei eine, schreibt die BBVA. Diese liege unter dem
       EU-Durchschnitt. Seit 2019 sei das Brutto-Inlandsprodukt (BIP) um 11,3
       Prozent gestiegen. Das BIP pro Kopf allerdings nur um 5,6 Prozent. Üblich
       für einen Arbeitsmarkt mit vielen unqualifizierten Jobs im Hotel- und
       Gaststättengewerbe.
       
       Trotz einer Arbeitslosigkeit von zehn Prozent fällt es vielen spanischen
       Unternehmen zudem schwer, Mitarbeitende zu finden. Dies belegt eine Umfrage
       der Spanischen Nationalbank. 44,3 Prozent der Unternehmen, vor allem kleine
       und mittlere, geben an, keine entsprechend qualifizierten Arbeitskräfte zu
       finden. Das ist ein Drittel mehr als noch vor sechs Jahren. Schuld daran
       wiederum ist das Bildungssystem, das sich nicht an den Bedürfnissen des
       Arbeitsmarktes orientiert. Viel zu viele spanische Jugendliche gehen auf
       die Universität, anstatt Angebote zur Berufsbildung wahrzunehmen.
       
       ## „Niedrige Durchschnittslöhne und prekäre Arbeitsverhältnisse“
       
       Arbeitsministerin Yolanda Díaz vom linksalternativen Wahlbündnis Sumar, dem
       Koalitionspartner der Sánchez-Regierung, beteuert dennoch: „Unseren
       Schätzungen nach werden wir die Zahl der 22 Millionen das ganze Jahr 2026
       über halten können“. Díaz ist eine derer, die den Grundstein für das
       Wachstum legten. Während der Covid-Pandemie sorgte sie mit einem staatlich
       geförderten Kurzarbeitsprogramm dafür, dass die Unternehmen – anders als
       bei der Eurokrise 2008 – ihre Beschäftigten behielten.
       
       Nach dem Lockdown erleichterte dies den Neustart, vor allem im Hotel- und
       Gaststättengewerbe, das in anderen, mit Spanien konkurrierenden Ländern –
       wie etwa Italien – händeringend nach Arbeitskräften sucht. Funcas, die
       Stiftung der spanischen Sparkassen, analysiert: „Es ist mittlerweile
       allgemein anerkannt, dass die Reaktion des Arbeitsmarktes auf die durch die
       Pandemie ausgelöste Krise besser war als bei früheren Rezessionen.
       [3][Diesmal ist die Beschäftigung weniger stark zurückgegangen] als die
       Wirtschaftsleistung“.
       
       Das neue spanische Jobwunder hat aber auch eine Schattenseite. Die
       Gewerkschaft CCOO beklagt „niedrige Durchschnittslöhne und prekäre
       Arbeitsverhältnisse in vielen Branchen“. Tatsächlich reicht das Einkommen
       bei vielen nicht, trotz steigendem Mindestlohn. Schuld daran sind vor allem
       die Wohnungspreise in den Ballungsgebieten und den Tourismushochburgen.
       Besonders davon betroffen dürften die Eingewanderten sein, die meist
       unqualifizierte Tätigkeiten zu Mindestlohn ausüben.
       
       CCOO verlangt deshalb eine Lohnsteigerung von sieben bis acht Prozent für
       die kommenden Jahre. Dies sei nur eine der „strukturellen
       Herausforderungen“, die gelöst werden müssten, damit die Entwicklung nicht
       ins Stocken gerate.
       
       22 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Spanien-verbietet-Riesenfarmen/!5907897
 (DIR) [2] https://www.bbvaresearch.com/wp-content/uploads/2026/02/Rafael_Domenech_Del_boom_del_empleo_al_salto_necesario_en_productividad_Actualidad_Economica_ElMundo_WB.pdf
 (DIR) [3] https://www.funcas.es/articulos/retos-del-mercado-laboral-espanol/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Reiner Wandler
       
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