# taz.de -- Kyjiw unter Dauerfeuer: Dutzende Tote bei Explosion von Munitionslager in Kyjiw
> Den vierten Tag infolge schickt Russland Drohnen gegen die ukrainische
> Hauptstadt – mit verheerenden Folgen. Doch das ist nicht das einzige
> Problem.
(IMG) Bild: Zerstörung nach einem russischen Angriff auf ein Lagerhaus mit anschließender Explosion im Dorf Myla in der Region Kyjiw, Ukraine
Der Natalka Park ist eine Oase in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw. Am
Westufer des Dnipro am Rand des Hochhausviertels Obolon gelegen, bietet er
viel Platz und Grün, Basketball- und Fußballplätze, ein Labyrinth aus
Sträuchern und die Ruine eines mysteriösen Tunnels aus der Stalin-Ära. An
heißen Tagen wird Wasser zur Abkühlung zerstäubt.
Am Samstag ist im Natalka Park ein zweijähriges Mädchen bei der Explosion
einer russischen Angriffsdrohne getötet worden. Es war eine von mehreren
Einschlägen in dem Stadtteil im Norden der ukrainischen Hauptstadt. Auch
ein Wohnhaus wurde getroffen. [1][Schon seit Donnerstag geht es
buchstäblich Schlag auf Schlag]. Der Samstag war der dritte Tag in Folge,
an dem Russland Kyjiw mit scheinbar endlosem Drohnenterror überzieht.
Freitag und Samstag gab es mehr als zwei Dutzend Mal Luftalarm. Bis
Sonntagnachmittag kamen sechs weitere dazu.
Es fühle sich merkwürdig an, unser diesen Umständen auf die Straße zu
gehen, erzählt Anwohnerin Olena. Aber sie könne sich ja nicht ewig im Haus
verstecken. Seit vier Tagen höre sie immer wieder die Flugabwehr schießen
und Explosionen, zum Glück nicht in ihrer Nähe. Immer wieder fliegen vor
allem die neuen düsengetriebenen Drohnen an. Sie sind zwar teurer, aber
schneller als ihre Vorgänger mit Propellerantrieb, die wegen ihres
charakteristischen Klangs auch Moped genannt werden. Das macht es für die
Flugabwehr schwerer, sie abzuschießen. Außerdem gibt es für die Zivilisten
weniger Zeit, sich an einen sichereren Ort zu bringen.
## Feuerbälle und fliegende glühende Fragmente
Die Luftverteidigung scheint dabei noch das Schlimmste zu verhindern. Die
ukrainische Luftwaffe meldete, in der Nacht zu Sonntag 125 von 130
Angriffsdrohnen abgefangen zu haben. Am Samstag tagsüber seien es 199 von
224 gewesen. Und in der Nacht von Freitag zu Samstag 233 von 267. In einer
Woche soll Russland rund 2.000 solche Drohnen auf die Ukraine abgefeuert
haben. Es wurden demzufolge auch mehrere ballistische Raketen von Russland
abgefeuert. Wie viele abgefangen worden sind, teilt die Luftwaffe seit ein
paar Wochen nicht mehr in ihrem täglichen Bulletin mit. Es mangelt der
Ukraine vor allem an Flugkörpern für das Abwehrsystem Patriot, das in der
Lage, wäre ballistische Raketen abzufangen.
Die meisten Toten gab es in der Nacht zu Samstag in einem Vorort von Kyjiw.
In Maly, an der Schnellstraße nach Lwiw gelegen, ist ukrainischen
Medienberichten zufolge eine russische Drohne in ein Gewerbegebäude
eingeschlagen. In der Folge kam es zu einem Brand, der eine Kette von sehr
heftigen Sekundärexplosionen auslöste. Zahlreiche Videos davon machten in
sozialen Medien die Runde, aufgenommen aus Fahrzeugen auf der
vorbeiführenden Schnellstraße. Darin sieht man sowohl einen großen
Feuerball aufsteigen als auch glühende Fragmente umherfliegen. Die Bilder
deuten darauf hin, dass ein Munitionsdepot explodiert ist, in dem
möglicherweise auch Brandmunition gelagert war.
Die Sekundärexplosionen sollen in dem kleinen Ort rund 80 Wohnhäuser
zerstört oder schwer beschädigt haben. Viele davon waren erst wieder
repariert worden, nachdem der Ort zu Beginn von Russlands Invasion 2022
direkt die Frontlinie bildete. In Brand geriet durch die Explosionen auch
ein Seniorenheim, in dem 34 Bewohner umgekommen seien.
## Selenskyj kündigt Untersuchung an
In einer Videobotschaft meldete sich der ukrainische Präsident Wolodymyr
Selenskyj zu Wort. „Die Munition hätte nicht dort sein dürfen.“ 20 weitere
Menschen seien verletzt worden und vier weitere würden noch vermisst. Er
kündigte eine Untersuchung an. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen
auf. Tatsächlich ist es untersagt, Munition in der Nähe von Wohngebieten zu
lagern. Die Tragödie erinnert an einem anderen Vorfall Anfang Juli im
Kyjwer Vorort Wyschnewe. Auch dort gab es nach einem Drohnentreffer einen
Großbrand, der ein ganzes Wohngebiet verwüstete und acht Menschen das Leben
kostete.
Unterdessen greift Russland systematisch [2][zivile Infrastruktur] in der
Ukraine an. Seit mehreren Wochen nimmt es bei seinen Luftangriffen vermehrt
Lagerhallen und Verteilzentren von Supermarktketten ins Visier.
Branchenvertreter haben bereits angekündigt, dass nicht jedes Produkt an
jedem Ort verfügbar sein werde. Man müsse die Logistik umstellen.
Auch die Ukraine hat in der Nacht zu Sonntag wieder Angriffe auf russische
Territorium geflogen. Bei einem davon soll eine Raffinerie getroffen worden
sein. Außerdem habe man die Luftwaffenbasis in Yeisk in Südrussland
getroffen. Von dort steigen immer wieder Flugzeuge auf, die die Ukraine
angreifen.
[3][Russland droht nun mit einer neuen Angriffswelle gegen Energieanlagen
in der Ukraine]. Die Armee bereite „massive Angriffe gegen Einrichtungen
des Energiesektors der Ukraine“ vor, teilte das Verteidigungsministerium in
Moskau mit. Russland will damit nach eigenen Angaben Vergeltung üben für
die ukrainischen Attacken auf russische Öl- und Energieanlagen. Tatsächlich
hat Russland ukrainische Energieanlagen schon seit den ersten Tagen seiner
Invasion angegriffen und in großem Maßstab auch zerstört.
30 Aug 2026
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