# taz.de -- Krieg in der Ukraine: „Überleben bis April“ lautet das Motto
       
       > Der Ukraine geht es wirtschaftlich miserabel: Russlands Angriffe
       > schränken Exporte ein, behindern die Energieversorgung. Und bald kommt
       > der Winter.
       
 (IMG) Bild: Abwarten und sehen, was als Nächstes kommt: Die wirtschaftliche Lage in der Ukraine spitzt sich zum Winter hin wieder zu
       
       Drei Zahlen zeigen wohl, wie es um die Wirtschaft der Ukraine steht: 90
       Prozent, 50 Millionen, 14 Gigawatt.
       
       90 Prozent der ukrainischen Agrarexporte werden normalerweise über die
       Schwarzmeerhäfen des Landes [1][in und um Odessa] verschifft. Doch wegen
       der anhaltenden Angriffe auf Hafeninfrastruktur, Getreidesilos und Frachter
       kommen kaum noch Schiffe, die das wichtigste Exportgut der Ukraine verladen
       könnten.
       
       50 Millionen Tonnen Weizen, Mais, Hafer, Roggen und Gerste können wegen der
       russischen Angriffe nicht verschifft werden. [2][Die Einnahmen aus
       Agrarexporten] entsprachen zuvor rund 12 Prozent des ukrainischen
       Bruttoinlandsprodukts (BIP). Bis November könnte das Land so 10,8
       Milliarden Euro verlieren, so das Landwirtschaftsministerium. Insgesamt
       rechnet die Behörde damit, [3][dass die Agrarausfuhren in diesem Erntejahr]
       um 54 Prozent fallen werden. Dann aber, warnt Agrarökonom Alex Lissitsa,
       würden die Bauern die Aussaat vor dem Winter weitgehend einstellen. Dann
       verlöre die Ukraine nächstes Jahr etwa elf Milliarden Euro Einnahmen.
       
       Allein für einen 100.000 Tonnen fassenden Getreidefrachter müssten 5.000
       Lastwägen eingesetzt werden, um das Korn auf dem Landweg zu transportieren.
       [4][Und Russland beschießt auch Brücken], die auf diesem benutzt werden
       müssten. Zudem hat wegen anhaltender Angriffe auf die Eisenbahn der
       Frachtverkehr der Eisenbahn laut Kyiv School of Economics um fast 27,7
       Prozent abgenommen.
       
       ## „Russland hat dieses Produkt zerstört“
       
       Während die Ukraine auf zu viel Getreide sitzt, stehen in Supermärkten in
       leeren Regalen Schilder mit der Aufschrift: „Russland hat dieses Produkt
       zerstört“. Inzwischen greift Russland nämlich gezielt große Lagerhallen und
       Logistikzentren, die auch Supermärkte nutzen, an. Mehr als die Hälfte der
       Lagerflächen in der Hauptstadt Kyjiw sind bereits zerstört.
       
       Immer öfter bleiben in Supermärkten ganze Regalreihen leer. Sogar die
       Shopping-Mall „Sunny Gallery“ in Krywyj Rih, Stahlstadt und Heimat des
       Präsidenten [5][Wolodymyr Selenskyj,] wurde am 21. August von Russland
       angegriffen – und kurz nach dem ersten Einschlag ein zweites Mal. Es gab 16
       Tote und mehr als 140 Verletzte.
       
       ## Die Ukraine hat ein Energieproblem
       
       [6][In der östlichen Großstadt Saporischschja] hat der staatliche
       Energiekonzern Ukrenergo bereits mehr als die Hälfte seiner großen
       750-Kilovolt-Transformatorstationen unter dicken Schichten aus Beton
       unterirdisch vergraben. Auch andernorts dauern diese jeweils Millionen
       Euros kostenden Arbeiten an. Denn Russland greift in diesem Jahr bereits
       seit Juli – statt wie 2025 von September an – gezielt Umspann- und
       Kraftwerke an.
       
       Statt 54,5 Gigawatt Stromerzeugungs-Kapazitäten vor der Vollinvasion 2022
       verfügt die Ukraine aktuell laut Energieminister Denys Schmyhal nur noch
       über 14 Gigawatt – mindestens sechs unter dem Bedarf für einen „mittleren“
       Winter. Im vorigen Winter waren viele Menschen aus Kyjiw geflohen, da nach
       gezieltem russischen Beschuss wochenlang viele Heizungen eingefroren waren.
       Seit Russlands Vollinvasion wurden allein beim privaten Energiekonzern DTEK
       mehr als 230 Angriffe auf die Wärmekraftwerke verübt.
       
       Zuletzt wurde sogar ein Bergwerk des Konzerns im Oblast Dnipropetrowsk
       beschossen. Auch Hochöfen der Stahlwerke in Saporischschja und Krywyj Rih
       wurden getroffen. „In Frontnähe wurde bereits fast die gesamte Wirtschaft
       zerstört“, sagt der Kyjiwer Unternehmensberater Andrij Dligatsch. Die
       Wirtschaft sei „tief in eine Phase negativer Erwartungen versunken“.
       
       Hinzu kommt, dass laut der Chefökonomin der ukrainischen Investmentbank
       Dragon Capital, Olena Bilan, 60 Prozent der Stahl- und die Hälfte der
       Erz-Exporte ebenfalls über die nun nur noch eingeschränkt arbeitenden
       Schwarzmeerhäfen abgewickelt wurden.
       
       ## „Ein Kampf ohne Regeln“
       
       „Überleben bis April“, so laute das Motto der meisten Unternehmer, sagt
       Dmytro Krymskij. Er ist Gründer des Online-Weinhändlers Goodwine, dessen
       Lager völlig zerstört wurde. „Die Russen treiben die Eskalation immer
       weiter voran. Sie setzen alles ein, was ihnen zur Verfügung steht – außer
       Atomwaffen“, meint Bogdan Kostezkyj vom Agrarhandelsunternehmen Barva. „Es
       ist wie ein Kampf ohne Regeln. Leider ist das die neue Normalität.“
       
       Russlands Machthaber Wladimir Putin „will unser Energiesystem zerstören,
       unsere Wirtschaft und unsere Rüstungsproduktion lahmlegen“, sagt
       Energieminister Schmyhal. „Er hofft außerdem, dass unsere Gesellschaft im
       Winter vor Erschöpfung zusammenbricht und die Führung unter Druck setzt,
       [7][die Kapitulation zu unterzeichnen.“ Nicht nur er hat große Sorgen vor
       einem Fluchtwinter.]
       
       27 Aug 2026
       
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