# taz.de -- Wahlkampfkampagne Berliner Linkspartei: Hot Influencer Summer
       
       > Die Berliner Linke macht Wahlkampf mit Influencer*innen und
       > Musiker*innen. Je größer der Hype, desto kleiner wird die politische
       > Botschaft.
       
 (IMG) Bild: Schon anlässlich der Bundestagswahl 2025 warb die Linkspartei mit Influencer*innen und „Kool Marx“
       
       Die Berliner Linkspartei ist auf dem besten Weg, zum LAP-Coffee der
       Landespolitik zu verkommen: die gehypteste Lifestyle-Marke der Stadt. Je
       näher die Abgeordnetenhauswahl am 20. September rückt, desto mehr
       Creator*innen und Musiker*innen wirbt die Partei für ihren Wahlkampf
       an. Politische Inhalte geraten bei aller Inszenierung in den Hintergrund.
       
       Mama Ikkimel, die seit Beginn des Wahlkampfs für die Partei mobilisiert,
       machte offenbar nur den Auftakt. Vor zwei Wochen traten die
       Musiker*innen Jero19 und Lila Sovia bei einem Wahlkampfevent der
       Linkspartei am Mierendorffplatz auf. Vergangenen Samstag legten Berliner
       Techno-DJ Charly Schaller und Revier-Südost-Resident Tham beim RAW-Rave der
       Partei auf dem Gelände in Friedrichshain auf.
       
       Beim [1][Linke FestiWahl] tritt am 9. September auf dem ehemaligen
       Tegel-Gelände neben Gloria Viagra auch Ritter Lean auf. Lean hatte zuletzt
       mit einer [2][vermeintlichen Solidaritätsaktion für Schwarzfahrende für
       Aufmerksamkeit gesorgt], die sich als Lüge und geschmacklose
       PR-Inszenierung entpuppte. Für die Linkspartei offenbar Nebensache.
       Hauptsache Reichweite.
       
       Spitzenkandidatin Elif Eralp inszeniert sich zunehmend auch selbst als
       Content Creatorin: In einem Instagram-Video lässt sie sich von
       Filmemacherin und Influencerin Tsellot Melesse interviewen, die ihren „Elif
       Schatz“ nach ihren „Berlin Hot Takes“ und „Hidden Bangern“ im Wahlprogramm
       fragt. Influencer Dalyan Unland (100.000 Follower) bekommt von Eralp
       Türkischunterricht: „Toplu ulaşım herkes için uygun fiyatlı olmalıdır“,
       also „Der öffentliche Nahverkehr sollte für alle bezahlbar sein“, oder:
       „Mit unseren Mieten wird nicht gezockt“.
       
       ## Sozialismus vs. Influencer-Kultur
       
       Dalyan Unland zeigt in einem Instagram-Video, was die Linke für ein
       Influencer-Wahlkampfevent auffährt: Im Innenhof des Karl-Liebknecht-Hauses
       werden Sekt und Limonaden in Kübeln gekühlt, auf dem üppigen Büfett stapeln
       sich vegetarische und vegane Häppchen sowie Brammibal’s-Donuts für vier bis
       fünf Euro das Stück. Es wird Merch verschenkt mit der Aufschrift: „Hot
       Socialist Summer“.
       
       [3][Spätestens die Kooperation mit dem Creator-Trio] Monika
       (@where.is.moni), Sammy (@saammyycore) und Maria Ludovica wirft die Frage
       auf, wie ernst es die Linkspartei mit dem sozialistischen Anspruch meint.
       Fast eine halbe Million Menschen folgen den drei Mitte-20-Jährigen, die vor
       allem als Travel-Creator*innen bekannt sind. Moni und Maria, die zudem als
       Stripperinnen arbeiten, sprechen in ihrem Podcast „Schamlos“ über Sex und
       Dating: wann sie geil sind, ob sie ein guter Fuckboy wären und wie man beim
       Feierngehen Männer aufreißt, ohne unnötig viel Energie zu verschwenden.
       
       Im Wahlkampfvideo der Linken tanzt das Influencer-Trio mit Elif Eralp zu
       Beyoncés Song „Run the World (Girls)“. Den offensichtlichen Widerspruch
       bringt ein Nutzer unter dem Video auf den Punkt: „Eine Influencergruppe,
       die von Urlaub zu Urlaub fliegt, erzählt der deutschen Mitte, dass man
       LINKS wählen soll.“
       
       Das Geschäftsmodell und die Logik der Influencer-Kultur steht dem
       sozialistischen Gedanken diametral gegenüber: Aufmerksamkeit,
       Persönlichkeit und Reichweite werden zum Kapital, das eigene Leben zur
       Ware. Produktion dient vor allem privater Profitmaximierung, nicht der
       Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse.
       
       Die Influencer*innen, mit denen die Linke derzeit wirbt, verkörpern jene
       „Lifestyle-Linke“, die viele Wähler*innen von der Partei entfremdet:
       urban, gutverdienend, konsumaffin. Wenn Phrasen wie „mit unseren Mieten
       wird nicht gezockt“, von Influencern*innen propagiert werden, deren
       Einkommen einen Lebensstil ermöglicht, der für viele Berliner*innen
       längst unerschwinglich ist, verkommen sie zu leeren Worthülsen.
       
       Bei aller Inszenierung darf die Partei nicht vergessen, dass die Kernfrage
       nicht lautet: Wer ist gerade der coolste Influencer im Feed? Sondern:
       Welche politischen Veränderungen braucht es für eine bessere Zukunft für
       alle? Sonst bleibt vom Sozialismus am Ende nur noch der Merch.
       
       3 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.instagram.com/p/DcvChiMDgpQ/?hl=en&img_index=1
 (DIR) [2] /Ritter-Lean-im-Knast/!6179455
 (DIR) [3] https://www.instagram.com/p/DcVuxt2I_1Z/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilly Schröder
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Ikkimel
 (DIR) Abgeordnetenhauswahl 2026
 (DIR) Die Linke Berlin
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Mietendeckel
 (DIR) Rap
 (DIR) Elif Eralp
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Maßnahmen gegen den Mietenwahnsinn: 70 Initiativen für bundesweiten Mietendeckel
       
       Eine breit unterstützte Petition fordert von der Bundesregierung
       Preisgrenzen für Wohnungen. Trotz Wahlkampf glänzt die Berliner SPD mit
       Abwesenheit.
       
 (DIR) Neues Festival auf dem Tempelhofer Feld: Pasha und Kalkbrenner calling
       
       Das TFELD-Festival versammelt am Samstag erstmals die Berliner Hip-Hop- und
       Techno-Elite auf dem Tempelhofer Feld. Mit dabei: Pashanim und Paul
       Kalkbrenner.
       
 (DIR) 1. Mai in Berlin: Ikkimel, die Rattenfängerin der Linken
       
       Die Berliner Linke mobilisiert am 1. Mai die Massen, auch dank Rapperin
       Ikkimel. Der Vorwurf, Protest würde durch Party ersetzt, greift aber zu
       kurz.
       
 (DIR) Die LAP-Coffee-Kette und ihre Feinde: „Die Leute lieben uns“
       
       Der schnell wachsenden Café-Kette wird Gentrifizierung vorgeworfen. Das
       kann ihr Gründer Ralph Hage nicht nachvollziehen. Er wettert über
       Vandalismus.