# taz.de -- Berliner Festival „Pop-Kultur“: Die Kids sind doch alright
       
       > Trotz finanzieller Einbußen punktete das Berliner Festival „Pop-Kultur“
       > mit einem eigenwilligen Programm. Nah und fern wurden mit Auftragswerken
       > und speziellen Konzerten verknüpft.
       
 (IMG) Bild: Voller Körpereinsatz bei Paul Adamaheine, Sänger der schwedischen Band Boko Yout
       
       Erstmals kocht die Luft am Freitagabend so richtig, als Jassin auf der
       Bühne des Berliner Kesselhauses tritt. Nach vier Tagen, an denen das
       Festival „Pop-Kultur“ durch die Stadt getourt ist, ist es wieder in seinem
       Basislager angekommen, dem Gelände der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg.
       
       Eröffnet wird Jassins Set mit einem Radiomitschnitt. Darin wünscht sich ein
       kleiner Junge aus Lutherstadt Wittenberg, dass Jassins Song „Arsenalplatz“
       gespielt wird – schließlich komme der Künstler wie auch der Anrufer aus der
       Stadt in Sachsen-Anhalt – und sei einfach cool. Diese Einschätzung teilt
       offenbar auch das junge Publikum. Es begleitet Jassins Mix aus melodischem
       HipHop und introspektivem Songwriting ausgesprochen textsicher.
       
       In seinen Songs erzählt der 21-Jährige vom Aufwachsen in der ostdeutschen
       Provinz als Kind eines ägyptischen Vaters. Rassismus und Rechtsruck sind
       durchaus Thema, etwa wenn plötzlich eine Reichskriegsflagge im benachbarten
       Schrebergarten gehisst wird. Aber es ist eben auch der ganz normale
       Erwachsen-werden-Stoff. Als er vom Publikum wissen will, wer denn „auch aus
       Ostdeutschland“ komme, ist der Jubel riesig.
       
       Die anstehende Landtagswahl ist beim Konzert jedoch kein Thema. Ob der
       postmigrantische Ossi – bis heute lebt Jassin in Wittenberg – damit
       zusammenhängende Realitäten einfach zu kompliziert findet? Er verwandelt
       den drohenden Wahlerfolg der Rechten jedenfalls nicht in bühnentaugliche
       Slogans. Vielleicht erscheint es Jassin einfach nicht opportun, sich
       dezidiert parteipolitisch zu positionieren?
       
       ## Wutrede über Sachsen-Anhalt
       
       Sein Auftritt wirkt diesbezüglich fast wie ein Echo auf das Konzert des
       Elektronik-Duos Calcou, das am Dienstag, als das Festival in den Berliner
       Wedding ausschwärmte, im kleinen Club Panke spielte. Sängerin Thea Alien,
       ebenfalls aus Sachsen-Anhalt, schickt ihren neuen Songs „Everything Okay“
       eine Wutrede voraus: Sie rantet über ostdeutsche Identität, westdeutsche
       Gleichgültigkeit und „darüber, dass ich mich ständig erklären muss“.
       
       Selbstverortungen sind klassisches Pop-Terrain – und damit auf dem in
       Sachen Vielfalt besonders engagierten Festival in potenzierter Form
       präsent. Doch, wie sich bei den Konzerten zeigt, auf eine vergnügte Weise,
       die vielerorts zu beobachtenden Identitätsverhärtungen etwas Verspieltes,
       Fluides entgegensetzt. Die Kids (of all ages), die sich auf den etwa 100
       Konzerten rumtreiben, sind halt doch alright.
       
       Und es lassen sich unterschiedlichste Befindlichkeiten und Tonlagen
       einfangen – etwa von der faszinierenden Livepräsenz der aus New York
       stammenden, in Berlin lebenden queeren Conscious-Rapperin Sorvina, die
       neben einem geschmeidigen Soul-Jazz-Amalgam einen Chor mit auf die Bühne
       bringt. Den flirrenden Gospel-Vibe erdet sie mit einer Prise Humor. Am Ende
       will sie gar nicht mehr aufhören – ebenso wie das glücklich gespielte
       Publikum.
       
       Ebenso bemerkenswert der Auftritt der queerfeministischen Pöbel-Punkband
       Deutsche Laichen, die den Club aus allen Nähten platzen lässt. Auf krachige
       Passagen folgen melodiöse Singalongs, die die entfesselten Fan-Ultras in
       Ekstase versetzen. Überhaupt klingt Punk gerade mal wieder wie die Musik
       zur Zeit: Ob nun in Form entfesselter Energie des Sängers Paul Adamaheine,
       der literweise Schweiß vergießt – seine schwedische Band Boko Yout bringt
       eine treibende Synthese aus bratzigen Grungerock und Afro-Rhythmen auf die
       Bühne. [1][Oder bei der Kölner Band Grenzkontrolle mit ihrer basslastigen,
       rohen Fusion aus Postpunk und Sprechgesang].
       
       ## Ungeahnte Perspektiven
       
       Das Besondere am Festival „Pop-Kultur“ sind ohnehin die Perspektiven, die
       sonst eher selten eine große Bühne bekommen: etwa das Auftragswerk der
       Musikerin Alejandra Cárdenas (alias Ale Hop). Zusammen mit dem Ensemble La
       Full Moon blickt Ale Hop auf die gesellschaftlichen Spannungen, die ihre
       Kindheit in Peru prägten – und sucht Antworten auf die Frage, inwiefern der
       eigene Körper als Zuhause ausreicht.
       
       Aus dem Album „A Body Like a Home“, das zwischen dräuend-verzerrten
       Klanggewittern, Wortkaskaden und zarten Melodien oszilliert, gestalten die
       Künstler:innen eine spannungsreiche Performance, zu der das Kopfkino
       anspringt – plötzlich macht auch die Bestuhlung Sinn. Sitzen und Lauschen.
       
       Auch die Reihe „Sonic Crossing“, entstanden in Kooperation mit dem
       Goethe-Institut, blickt dieses Jahr auf eine auf der Poplandkarte eher
       unterrepräsentierte Region: Kasachstan und Usbekistan in Zentralasien. Am
       Dienstag stellen sich drei Musiker:innen, die gerade beim
       Stipendienaufenthalt in Berlin weilten, in der Migas Listening Bar vor. Und
       spielen Musik, die sie geprägt hat – von regionalem Liedgut bis zu
       verästelter Elektronik. Ein ziemlich faszinierender Einblick. Am folgenden
       Abend präsentieren sie dann eigene Musik im benachbarten Sinema Transtopia.
       
       Es sind nicht zuletzt derartige Formate bei dem vom Bund und Land Berlin
       geförderten Festival, die es zu etwas wirklich Besonderem machen.
       Schmerzhafte Kürzungen musste auch das Festival „Pop-Kultur“ hinnehmen und
       so staunt man ein bisschen, dass diese zwölfte Ausgabe über eine volle
       Woche läuft. Schon im letzten Jahr war das Programm deutlich entzerrt
       worden – mit dem Nebeneffekt, dass die oft erhellenden Talks größere
       Aufmerksamkeit bekommen. Das noch umfänglichere Programm 2026 ist nicht
       zuletzt dem Umstand geschuldet, dass man noch stärker auf die
       internationale Musikszene setzt, die in Berlin lebt – und man zudem enger
       mit Kulturinstitutionen und der Musikwirtschaft kooperiert.
       
       ## Wunderbarer Konzertsaal
       
       Dadurch kam es erstmals zur Zusammenarbeit des Indielabels Morr Music mit
       dem Pierre-Boulez-Saal, einem Doppelkonzert im wunderbaren Konzertsaal, dem
       Aushängeschild der Barenboim-Said-Akademie. Zuerst bringt [2][die
       georgische Künstlerin Anushka Chkheidze], die ihre Wurzeln in Chormusik
       hat, und der postrockaffine Berliner Komponist Robert Lippok (Ex-To Rococo
       Rot) Melodie und Dissonanz in höchst produktive Reibung zueinander.
       
       Im Anschluss interpretiert [3][die isländische Band múm] mit selbst
       entworfenen elektroakustischen Gerätschaften, unterstützt von einem
       Streichquartett, einige elegische Kompositionen neu. Bisweilen mäandert das
       nahe am Kitsch, doch der wird immer durch die eigenwillig ausscherende
       Melodienführung eingefangen. Ein schwelgerischer Ausklang eines gelungenen
       Festivals.
       
       31 Aug 2026
       
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