# taz.de -- Kurze-Texte-Festival in Berlin: Eine Woche Beziehungstalk
> Im Berliner Brecht-Haus stellten Autor:innen neue kurze Texte vor.
> Neben Familie und Romantik ging es um verworrene Politik und Beziehungen
> in der Zukunft.
(IMG) Bild: Luca Mael Milsch las über ein verstorbenes Kind
Eine Lesungswoche zum Thema „Beziehungen“, das ist, als würde man eine
Stadt auf der Karte erkunden: Man sucht die wichtigsten Verbindungsstraßen,
legt den Finger auf den zentralen Platz und behält im Blick, wo im
Kreisverkehr gefahren wird. Der Stadtplan setzt sich in diesem Fall aus
Nahaufnahmen zusammen, die zwanzig Autorinnen und Autoren vergangene Woche
im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus vorstellten. Zum
Kurze-Texte-Festival waren sie eingeladen, bislang unveröffentlichte
Erzählungen zu lesen.
Dilek Güngör stellte eine Fortsetzung ihrer in der Berliner Zeitung
erschienen Kolumnen über Ömer und Hatice vor. Unterhaltsam, ohne sich
lustig zu machen, schreibt Güngör aus der Perspektive der älter werdenden
Hatice, die sich über den Alltag in der Wohnung mit ihrem Ehemann Ömer
beschwert: „Es dauert einen Moment, bis er reagiert. Bis sich die Worte
durch sein Ohr geschlängelt haben und in seinem Gehirn angekommen sind. So
lange steht er mit dem Korb da wie eine Statue. Man könnte es für Zögern
halten oder meinen, er denke nach. Doch bei ihm ist es wie bei der
Waschmaschine. Wenn sie anschaltet, dauert es einen Moment, bis das Wasser
einläuft. Dazwischen: nichts.“
Es funktioniert gut, eine Beziehungsgeschichte auf kleinem Raum zu
erzählen. So nutzt auch Wlada Kolosowa ein Zugabteil als Ankerpunkt ihrer
atmosphärischen Erzählung von einer Journalistin und einer Fotografin, die
kurz vor dem Ende der Sowjetunion von Sibirien nach Moskau reisen. Drei
Monate lang sammelten sie Material für einen Reiseführer über sibirische
Strände. Das beengte Zugabteil ist nicht nur der Ort, an dem sie sich
näherkommen, sondern er strukturiert den Text auch literarisch: „Hinter uns
der Tag, hinter uns die Nacht. Die Welt außerhalb unseres Abteils fühlt
sich immer irrealer an. Die Stromkabel entlang der Bahngleise sind die
einzige Nabelschnur zur Realität; die Einzigen, die bei uns bleiben, die
uns verfolgen.“
Noch kleiner ist der Ausschnitt, den [1][Luca Mael Milsch] wählt: Aus einem
Sarg heraus spricht ein verstorbenes Kind über die gewaltvolle Beziehung zu
seinem Vater: „Vielleicht glaube ich ja, eine mir aufgetragene Aufgabe zu
erledigen: den Zustand auszuhalten, Buße zu tun. Denn solange er zu meinem
Grabstein kommt, mich besucht, schrubbt, steht und starrt, solange habe ich
einen Zweck.“
## Mitlesen war möglich
Neben Familien- und Liebesbeziehungen war auch von beruflichen oder
nachbarschaftlichen Beziehungen zu hören. Ohne thematische Sortierung
stellten pro Abend jeweils vier Autor:innen ihre Texte vor. Wer wollte,
konnte in einer gedruckten Kladde mitlesen.
Spannend wurde es dort, wo sich die Nahaufnahme für einen Moment mit dem
Überblick des Stadtplans verband. [2][Christine Koschmieder] erzählte von
der Stresa-Front von 1935, einem kurze Zeit anhaltenden Zusammenschluss
Italiens, Frankreichs und Großbritanniens gegen das nationalsozialistische
Deutschland. Nicht nur, weil Koschmieder in kräftiger
Fernsehdokumentationsstimme las, folgte man ihr gerne hinein in das
Beziehungsgeflecht aus Zylinderträgern wie dem Betreiber des Grand Hotels
in Stresa, einem Backwarenproduzenten oder dem italienischen Diktator
Mussolini. Sondern auch, weil ihre Geschichte etwas Ausuferndes und damit
Schonungsloses hat. Politik hat dort unmittelbar mit wirtschaftlichem
Profit zu tun und das wiederum mit dem Erinnern und einem Bild, das sich in
der Kultur festigt – etwa im Heimatfilm, der das 20. Jahrhundert verklärt.
Koschmieders Text mahnt, nicht zu vergessen, wie verflochten alle möglichen
Beziehungen im Faschismus sind. Wäre ihr Text weniger anklagend, könnte man
ihn mit Blick auf das Lesungsthema heute fast als Schulterzucken begreifen:
Beziehungen sind überall, es ist wie mit der Infrastruktur, man steht
selbst im Stadtplan, den man betrachtet.
Etwas davon drückt sich auch in [3][Leif Randts] Erzählung aus, nicht
zynisch, sondern in der Coolness eines Anfang-zwanzig-Jährigen im Jahr
2042. Randt fragt nach Beziehungen in der Zukunft. Er schreibt von
Freundschaft, von nicht-biologischen Familien und von ganz normalen Leuten,
die von überall auf der Welt in einem Magazin über ihren Alltag berichten.
Es scheint treffend beschrieben, wie die jetzt geborenen Generationen die
Millennial-Neurose, Beziehungen ständig neu zu definieren, überwinden wird.
Vielleicht nicht so gedrängt von Identitätsmarkern, sondern aus Interesse
und Fürsorge und nicht im immer noch fortwährenden Vergleich mit den USA,
sondern in Maintal oder Darmstadt werden sie ihre Beziehungen führen, wobei
die Stadt egal sein wird.
31 Aug 2026
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## AUTOREN
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