# taz.de -- Roman von Ingo Schulze: Die Hoffnung und ihre Verlustgeschichte
       
       > Ein Sommer in der DDR und ein skurriles Lesungswochenende in einem
       > mecklenburgischen Gasthof: Ingo Schulze sucht in seinem Roman nach den
       > Lehren der Geschichte.
       
 (IMG) Bild: Sommerferien auf dem Land in der DDR, 1979
       
       Es ist der Sommer 1979, und Thomas will schreiben. Er will die Dinge
       begreifen, seine erste Liebe und die politischen Verhältnisse, die er
       radikal verändern möchte. Schreibend bis zur Weltrevolution?, fragt sich
       der 16-Jährige. Mit solchen Begriffen ist in der DDR Vorsicht geboten. Doch
       es geht um nicht weniger, als die bisherige Geschichtsschreibung zu
       überprüfen, ob richtig ist, wie beobachtet und erzählt wird.
       
       Diese Frage stellen sich die Figur Thomas wie sein Autor Ingo Schulze. Dem
       gelingt es in seinem neuen Roman „Das Wasser im August“, Vergangenheit und
       Gegenwart ineinander zu weben und dennoch beiden Erzählwelten einen eigenen
       Ton zu verleihen, in dem sich je Wissen um die Hoffnung ausdrückt.
       
       Da ist zum einen die Geschichte von den Sommerferien 1979, die Thomas bei
       einem Malerpaar in einem mecklenburgischen Dorf verbringt. Dort lernt er
       Sonja kennen, eine deutlich ältere Zahnärztin, mit der sich eine
       Liebesgeschichte andeutet.
       
       Mit dem Malerpaar soll er beobachten lernen, was ihm auch nach und nach
       gelingt: „Die Sonne war unter die schwarzblaue Wolkendecke gesunken, das
       Licht kam nun fast waagrecht herüber. Wenig später strahlte es nur noch die
       Unterseite der Wolken an und verwandelte sie in ein orangefarbenes Gewölbe,
       das von schwarzen unregelmäßigen Fugen durchzogen wurde, als wäre etwas
       Zerbrochenes wieder zusammengefügt worden.“
       
       ## Historische Korrektheit
       
       Das Wolkenspiel, die Genossenschaften bei der Ernte, Buttermilch und
       Rosinenbrötchen vor dem Konsum, man taucht beim Lesen ein in den Spätsommer
       im Nordosten, wie er gewesen sein muss. Schulze, 1962 in Dresden geboren,
       legt Wert auf die Korrektheit historischer Details. 2023 hatte er eine
       Liste mit historischen Falschdarstellungen in [1][Charlotte Gneuß’
       Debütroman „Gittersee“] erstellt [2][und der Weitergabe an die Jury des
       Deutschen Buchpreises zugestimmt.] „Das Wasser im August“ steht auf der
       Longlist [3][für den diesjährigen Deutschen Buchpreis.]
       
       Das Buch als DDR-Roman zu bezeichnen, würde ihn auf die vergangene
       Erzählwelt reduzieren. Interessanter erscheint jedoch die gegenwärtige.
       Schulze zieht dort ein skurriles Kammerspiel auf: Als Geburtstagsgeschenk
       für einen alten Bekannten, der ihn einst an die Stasi verraten hatte, hält
       der nun erwachsene Schriftsteller eine private Lesung aus der Novelle über
       Thomas und den Sommer 1979. Immer wieder wird die Erzählwelt der
       Vergangenheit gerahmt von den Ereignissen jenes Lesungswochenendes im
       mecklenburgischen Landgasthof.
       
       Die Handlung kommt etwas schleppend in Gang, nimmt jedoch Fahrt auf, als
       der Ich-Erzähler unter den Gästen seine nun erwachsene Jugendliebe
       wiedertrifft. So richtig kommt es nicht zum Gespräch mit Sonja, die in
       Wirklichkeit Angelika heißt, denn für den Ich-Erzähler wie für die Lesenden
       passiert hier viel auf einmal: Erst wird die Lesung verlängert, in einer
       Diskussion läuft sie aus dem Ruder und wird kurzerhand am nächsten Morgen
       fortgesetzt.
       
       Und auch der Ausklang am Abend ist unerwartet: Zwei neue Bekannte, die der
       Ich-Erzähler nach einer Autopanne auf der Anreise eingeladen hatte, sind zu
       betrunken für die Heimfahrt und übernachten zusammen mit Angelika im Zimmer
       des Ich-Erzählers.
       
       ## Weibliches Urteil gefürchtet
       
       Der ist hier ganz der Beobachter, nervös scannt er Publikum wie eigenen
       Text. „Ich konnte nicht mal sagen, ob mein Text gut war, weil ich womöglich
       etwas anderes sah, als ich beschrieben hatte und für andere zu evozieren
       vermochte.“
       
       So nachvollziehbar die Verunsicherung angesichts des Wiedertreffens mit
       einer Figurvorlage auch ist, so auffällig ist es, dass es bei Schulze stets
       Frauenfiguren sind, deren Urteil der Ich-Erzähler fürchtet: Angelika, die
       Malerin Emmy, die seine ersten Schreibversuche kritisiert, seine Ehefrau
       Carola, die ihm Käuflichkeit vorwirft, weil er trotz des Verrats für seinen
       Bekannten liest. Sie treten kontrastierend zum zaudernden Protagonisten
       auf, geben entscheidende Impulse für die Handlung, erhalten dabei aber
       selbst wenig Kontur. Das passt zur Selbstbezogenheit des alternden
       Erzählers, der nach der Bedeutung seiner Geschichte sucht, auch danach, was
       politisch aus ihr zu lesen ist.
       
       Ein solcher Impuls ist es auch, der den Lesenden etwas darüber verrät, was
       es mit der doppelten Erzählweise auf sich hat. Am Abend nach der Lesung
       unterhält man sich über die drohenden US-Angriffe auf Iran, über Gaza und
       Putin. Es ist dann Angelika, die die Brücke zur Vergangenheit und zu der
       vorgelesenen Novelle schlägt: „Es ist etwas vorüber, das wir vorher nicht
       gespürt haben, weil es selbstverständlich war, und jetzt, da es vorüber
       ist, merken wir den Verlust.“ Von diesem Verlust handele die Novelle des
       Ich-Erzählers. Was verloren gegangen ist, sei „eine unglaubliche Hoffnung,
       dass wir etwas verändern können.“
       
       „Das Wasser im August“ liest sich wie eine Aufarbeitung dieser
       Verlustgeschichte. Gab es diesen politischen Handlungsdrang? Wozu hat er
       geführt? Und was ist heute zu tun, was ist aus der eigenen Geschichte zu
       lernen? Ingo Schulze gelingt es, diese Fragen in beiden Erzählwelten zu
       verhandeln, ohne dass die jeweils unterschiedlich alten Erzählfiguren
       einander belehren. Eine Antwort bleibt er jedoch schuldig.
       
       29 Aug 2026
       
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