# taz.de -- Ökonom Fratzscher warnt vor AfD-Sieg: „Viele werden sich keinen Urlaub mehr leisten können“
> In Sachsen-Anhalt droht ein Wahlsieg der AfD. Deren Politik dürften vor
> allem deren Wähler*innen spüren, warnt der Ökonom Marcel Fratzscher.
(IMG) Bild: In strukturschwachen Gegenden in Sachsen-Anhalt wird es mit der AfD noch düsterer
taz: Herr Fratzscher, [1][am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt].
Die AfD ist dort laut Umfragen bei Weitem die stärkste Kraft. Auch in
bundesweiten Befragungen ist sie deutlich vor der Union. Wie ist Ihnen da
zumute?
Fratzscher: Mich besorgt der Erfolg der AfD sehr. Ein Wahlsieg dieser
gesichert rechtsextremen Partei in Sachsen-Anhalt würde nicht nur die
Demokratie empfindlich schwächen. Auch wirtschaftlich wäre der Schaden
extrem hoch.
taz: Sie sprechen bezüglich der wirtschaftlichen Schäden von einem
AfD-Paradoxon. Was bedeutet das?
Fratzscher: Unter einer AfD-Politik würden vor allem jene Regionen
wirtschaftlich leiden, in denen die AfD besonderes stark ist. Das trifft
besonders für Sachsen-Anhalt und [2][Mecklenburg-Vorpommern] zu. Es lässt
sich aber schon länger auch für das gesamte Bundesgebiet beobachten.
taz: Warum ist das so?
Fratzscher: Die AfD ist vor allem in strukturschwachen Regionen stark.
Diese Regionen haben bereits mit einer stark schrumpfenden und alternden
Bevölkerung zu kämpfen. Diese Gegenden haben eine verletzliche
Wirtschaftsstruktur ohne große Konzerne. In dieser Situation jagt die AfD
den Menschen dort Angst ein, dass alles nur noch schlimmer werde, wenn sie
die AfD nicht wählen würden. Doch das Perfide ist, das ausgerechnet die von
der AfD geforderte Abschottung alles nur noch schlimmer machen würde.
taz: Inwiefern ist eine Abschottung schlecht für die deutsche Wirtschaft?
Fratzscher: Die AfD will keine Zuwanderung mehr und massenhaft Menschen
abschieben. Dabei braucht das Land nicht weniger, sondern mehr
Migrant*innen, wenn sich der Arbeitskräftemangel und die Überalterung der
Gesellschaft nicht verschärfen sollen. Gleichzeitig sind deutsche
Unternehmen auf offene Grenzen angewiesen. Fast die Hälfte der
Wirtschaftsleistung hängt am Export, vor allem ins europäische Ausland. Das
wäre bei einem Euro-Aus, wie ihn AfD-Chefin Alice Weidel fordert, massiv
gefährdet. Hinzu kommt die rückwärtsgewandte AfD-Klima- und Energiepolitik
der AfD.
taz: Wie schadet die AfD-Klimapolitik der Wirtschaft?
Fratzscher: Die AfD ist gegen die Antriebs- und Energiewende. Doch wenn
nicht in neue, klimafreundliche Technologien investiert wird, dann gehen
Arbeitsplätze verloren, weil andere Länder Deutschland technologisch
überholen. Bei der Elektromobilität kann man das derzeit gut sehen.
Außerdem sind erneuerbare Energien bereits jetzt günstiger als fossile
Energieträger und Atomkraft. Ein Rollback in der Energiepolitik würde der
energieintensiven Industrie, etwa der Chemieindustrie in Sachsen-Anhalt,
sehr schaden.
taz: Sie haben in einer Studie berechnet, dass eine AfD-Politik in
Sachsen-Anhalt zu Einkommensverlusten in Höhe von durchschnittlich 1.600
Euro pro Person und Jahr führen würde …
Fratzscher: Der Schaden wäre damit in Sachsen-Anhalt ungefähr anderthalbmal
so hoch wie im gesamten Bundesgebiet. Meine Schätzungen ergaben für das
Bundesland einen Verlust bei den verfügbaren Einkommen von im Schnitt rund
6,2 Prozent. In Mansfeld-Südharz, Burgenlandkreis, Salzlandkreis, also den
Landkreisen Sachsen-Anhalts mit den höchsten AfD-Anteilen, liegen die
Einkommensverluste sogar bei 7 bis 8 Prozent. Das werden die Menschen dort
empfindlich spüren. Viele werden sich bei einem AfD-Sieg keinen Urlaub mehr
leisten können.
taz: Warum verfängt dann die Wahlwerbung der AfD?
Fratzscher: Die Partei schürt Angst vor der Zukunft und verklärt die
Vergangenheit. Als ob in den 1990ern mit der Deutschen Mark alles besser
war! Damals herrschte in Sachsen-Anhalt und anderswo in Ostdeutschland
Massenarbeitslosigkeit. Die Menschen sind montags früh in den Westen
gefahren und freitags erst spät nach Hause gekommen, weil im Westen die
Arbeit war.
taz: Auch 36 Jahre nach der Wende sind die Vermögen in den Bundesländern
der ehemaligen DDR noch immer um 50 Prozent niedriger als in den westlichen
Bundesländern. Die Einkommen sind um 30 Prozent niedriger. Spielt die
Ungleichheit nicht auch eine Rolle?
Fratzscher: Die wirtschaftlichen Faktoren spielen eine vergleichsweise
geringe Rolle. Den AfD-Wähler*innen geht es wirtschaftlich oft sehr gut.
Berücksichtigt man staatliche Leistungen wie die Rente, dann sind die
Einkommensunterschiede auch deutlich geringer. Und vor allem gibt es auch
in Ostdeutschland Erfolgsgeschichten. In Städten wie Leipzig, Jena, Dresden
oder Magdeburg wird mehr verdient als in vielen Städten in Westdeutschland.
taz: Was ist dann das Problem?
Fratzscher: Das Problem ist die Perspektivlosigkeit. Wenn junge Menschen
wegziehen, dann geht auch wichtige soziale Infrastruktur verloren. Dann
machen Kneipen und Gaststätten zu, der öffentliche Nahverkehr funktioniert
nicht mehr, Sportvereine haben keine Mannschaften mehr, Schulen werden
zusammengelegt, Krankenhäuser geschlossen. Das ist der Teufelskreis, in dem
strukturschwache Regionen stecken. Und AfD-Wahlerfolge verschärfen ihn nur.
Nicht nur Migrant*innen wollen nicht in Gegenden ziehen, wo sie nicht
willkommen sind. Auch viele gut gebildete Einheimische ziehen weg. Und
Unternehmen siedeln sich nirgendwo an, wo Fachkräfte fehlen.
taz: Wie kann dieser Teufelskreis aufgebrochen werden?
Fratzscher: Es braucht gezielte wirtschaftliche Impulse in
strukturschwachen Regionen. Zum Beispiel war der Versuch richtig, bei
Magdeburg eine Chip-Fabrik anzusiedeln. Das hat zwar nicht geklappt, aber
der Plan war gut. Ein weiteres positives Beispiel ist Cottbus. Dort
entsteht ein neuer Wissenschaftsstandort, um dem Strukturwandel in der
Lausitz zu begegnen. Solche Initiativen sind wichtig, um strukturschwache
Regionen wieder attraktiv für jungen Menschen zu machen. Denn es ist vor
allem eine demografische Trendwende notwendig. Und dafür braucht es
Zuwanderung. Dafür muss sich das Land wieder attraktiver machen.
Insbesondere für Menschen aus den europäischen Nachbarländern.
taz: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat stattdessen die
Grenzkontrollen bis März kommenden Jahres verlängert.
Fratzscher: Es braucht eine neue Willkommenskultur. Ganz Deutschland
profitiert von Zuwanderung. Es geht nicht nur um Fachkräfte. [3][Die
Bundesregierung] muss wieder mehr für Integration und Zuwanderung machen.
Jeder Mensch, der hier arbeitet, ist ein Gewinn für die Gesellschaft.
31 Aug 2026
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