# taz.de -- Islands Nein zur EU: Brüssel verschlägt es die Sprache
> Die EU reagiert enttäuscht auf Islands Referendum. Brüssel hatte auf eine
> neue Beitritts-Dynamik gehofft. Stattdessen kommen Erinnerungen an den
> Brexit auf.
(IMG) Bild: Die EU ist enttäuscht: Island hat mit Nein gestimmt. Kundgebung in Reykjavik
Betretenes Schweigen in der Europäischen Kommission, lautes Bedauern im
Europaparlament: Der Ausgang der [1][Volksabstimmung in Island] hat die EU
kalt erwischt. Brüssel hatte auf eine neue Beitritts-Dynamik gehofft. „2026
könnte zum Rekordjahr für die EU-Erweiterung werden“, frohlockte
Erweiterungs-Kommissarin Marta Kos letzte Woche. Neben Island stehen auch
Montenegro, Serbien, die Ukraine und Moldau auf ihrer Prioritätenliste.
Nun müssen die EU-Politiker erkennen, dass es mit der Begeisterung für
ihren Club doch nicht so weit her ist. Manch einer fühlt sich sogar an den
Brexit erinnert. Auch beim britischen Referendum 2016 hatten die Europäer
bis zuletzt auf ein „Ja“ gehofft. Ähnlich wie in Island war die Stimmung
erst auf den letzten Metern gekippt.
Das [2][Endergebnis aus Reykjavik] kam für Brüssel so überraschend, dass es
vielen die Sprache verschlug. Der EU-Kommission war zunächst gar kein
Statement zu entlocken. Man wolle die Pressekonferenz der isländischen
Regierung abwarten, erklärte ein Kommissionssprecher. Erst danach wollte
sich die Brüsseler Behörde äußern.
Das Europaparlament war schneller, konnte sich die Ablehnung einer Mehrheit
der Isländer aber auch nicht erklären. Nun bemüht man sich um
Schadenbegrenzung. „Die Menschen in Island haben sich mit einer knappen
Mehrheit gegen die Wiederaufnahme der Beitrittsverhandlungen entschieden“,
bedauerte der CDU-Politiker David McAllister. Diese Entscheidung sei
selbstverständlich zu respektieren.
## „Tür bleibt offen“
Das Ergebnis ändere aber nichts an den Beziehungen zur EU. „Island bleibt
ein verlässlicher Partner“, so McAllister, der schon beim Brexit die
Scherben aufkehren half. Ganz ähnlich äußerte sich der Chef der deutschen
SPD-Gruppe, René Repasi. „Europas Tür für Island bleibt offen“, sagte er.
„Auch bei schwierigen Fragen wie der Fischereipolitik wären sicher Lösungen
möglich.“
Dennoch ist die Enttäuschung nicht zu überhören. Repasi und viele andere
EU-Politiker hatten gehofft, dass die Drohungen von US-Präsident Donald
Trump gegen Grönland auch in Island zu einem Umdenken führen würden. Die EU
wollte sich als sicherer Hafen gegen eine unberechenbare USA präsentieren.
Doch diese Botschaft ist nicht durchgedrungen, die Trump-Karte hat nicht
gestochen.
Offenbar hat der Widerstand, den die EU im Ringen um Grönland geleistet
hat, die Isländer nicht überzeugt. Dass Brüssel im Zoll- und Handelsstreit
mit Trump eingeknickt ist, war vermutlich auch keine Werbung für die EU.
Allerdings sendet das Nein aus Reykjavik längst nicht so starke
Schockwellen nach Brüssel wie der Brexit vor zehn Jahren. Die Isländer sind
nicht aus der EU ausgetreten, sondern haben nur erneut Beitrittsgespräche
verweigert.
Dennoch bleiben sie Europa eng verbunden. Island gehört zum Europäischen
Wirtschaftsraum (EWR) und genießt die Vorteile des Binnenmarkts. Daran
wollen nicht einmal die härtesten EU-Gegner auf der Vulkaninsel rütteln.
Sogar der Beitrittsantrag von 2009 bleibt gültig. Nach der Wahlschlappe
könnte Island ihn nun aber zurückziehen. Wenn es dazu kommt, dann wäre es
eine weitere Schlappe für die EU und ihre ehrgeizige Erweiterungs-Agenda.
30 Aug 2026
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