# taz.de -- Island vor dem EU-Referendum: Eine Insel, zwei Meinungen
> Die Isländer*innen entscheiden, ob ihre Regierung
> EU-Beitrittsgspräche führen soll. Die einen haben Angst um ihre
> Fischerei. Die anderen sind überzeugt, dass ihr Land in die Union gehört.
(IMG) Bild: Die isländische Premierministerin Kristrún Frostadóttir bei einer Informationsveranstaltung zum bevorstehenden Referendum
Die Morgensonne scheint freundlich auf den Alten Hafen, als der Kapitän zu
seinem Schiff kommt. Ólafur Kristjánsson wird gleich wieder rausfahren aus
Reykjavík, mit einer Menge weit gereister Touristen an Bord. Es ist sein
Job, ihnen einen Traum zu erfüllen – sie sind gekommen, um Wale zu sehen.
Wovon die Isländer selbst träumen, wenn sie an ihr Land denken, das fährt
als akut ungelöstes Problem im Hintergrund mit – von den Passagieren
unbemerkt.
Soll Island die Beitrittsgespräche mit der EU wiederaufnehmen? Das ist die
Frage der Stunde, und die Regierung bittet das Volk zur Abstimmung. Seit
März ist das bekannt, am Samstag geht es an die Wahlurnen. Und wie die
Entscheidung der Isländer*innen ausfällt, das ist unmöglich
vorherzusagen. Umfragen zeigen es immer wieder: Die Angelegenheit steht
50/50, mal liegt die eine Seite einen Hauch vorn, mal die andere. Acht
Prozent sind noch unentschlossen. Ein EU-Referendum? Auch in der
isländischen Light-Version, wo es erst mal nur um die Aufnahme von
Beitrittsgesprächen geht: kein Spaziergang.
Für Kapitän Ólafur ist die Sache klar: „Ich werde mit Ja stimmen“, erzählt
er der taz vor seiner ersten Tour des Tages. Was daran so schwer sein soll,
versteht er nicht. „Es geht doch nur darum, zu gucken, was die EU überhaupt
anbietet“, betont er. „Man kann doch später immer noch Nein sagen!“
## Mal schauen
Es ist das Motto der großen Ja-Kampagne: Sag Ja – es ist ja unverbindlich,
zum „mal Schauen“. Ihn überzeugt das. Die Nein-Seite täte so, als würde ein
Ja bei diesem Referendum direkt den Beitritt zur EU besiegeln. „Sie sagen
Nein, bevor sie überhaupt wissen, wovon sie reden – ich finde das dumm.“
Man merkt dem 64-Jährigen seinen Ärger an, als er über Strategien der
Nein-Seite spricht, auch wenn er dabei sehr viel lacht: „Die appellieren an
die einfachsten Instinkte der Menschen, ohne eigentlich darüber zu reden,
worum es geht“, meint er, „weißt du, so was wie: Ich liebe Island. Also
stimme ich mit Nein.“
Aus der politischen Opposition wird der Regierung vorgeworfen, das
Referendum völlig ohne Not angesetzt zu haben und damit die Gesellschaft zu
spalten. Wen man auch fragt dazu – man bekommt unterschiedliche Antworten.
Manche erleben in ihrem Umfeld keine Konflikte, wissen aber von Menschen,
die sich über die EU zerstritten haben. Ólafurs Strategie zur
Konfliktvermeidung, auch bei der Arbeit, besteht darin, das Unveränderliche
zu akzeptieren. Er denke sich einfach seinen Teil, wenn er merkt: Hier ist
mit Argumenten nichts zu machen.
Um das offiziell größte Problemthema – den Stolz der Nation, den
Fischereisektor – macht er sich derweil gar keine Sorgen, was sollte die EU
da zu regeln haben? Die berühmte isländische 200-Meilen-Zone habe doch mit
den Hoheitsgewässern anderer Länder nichts zu tun. Etwa anderes sei es vor
dem europäischen Kontinent, wenn [1][die Fische zwischen Frankreich und
England hin- und herschwimmen], meint er.
Dann muss der Kapitän los, aufs Schiff, ab zu den Walen vor der
isländischen Küste.
## Ein Thema: der Tourismus
Auf dem Weg durch die kleine, äußerst feine isländische Hauptstadt
verschwindet das EU-Thema schnell wieder im Hintergrund – nirgendwo ein
Meer an Flaggen, Plakaten oder großflächigen Botschaften, das vom ruhigen
Alltagsbild ablenken könnte. Eltern bringen ihre Kinder zur Schule,
Straßenreiniger reinigen die eh schon sauberen Straßen, Geschäfte bekommen
neue Waren geliefert. Und, natürlich: Touristen streifen durch die Stadt.
Suchen den Bus, der sie zum Ausflug in die sagenhafte Landschaft abholen
soll, oder flanieren vorbei an noch geschlossenen Souvenirshops,
Kunstgalerien und Läden für isländisches Wolliges. Auffallend viele
Buchläden, auffallend viele Cafés. Fast jedes Schaufenster ist auch auf
Englisch beschriftet. Leerstand ist in dieser Fußgängerzone kein
nennenswertes Thema, die EU anscheinend auch nicht.
Der stark gewachsene Tourismus ist hingegen ein großes Thema. Jòn Kaldal
fühlt sich wohl mit den vielen Besuchern. Es stört ihn überhaupt nicht,
dass er beim Treffen im Burgerladen Le Kock mit der Bedienung nur Englisch
sprechen kann. Ohne das internationale Personal könne Islands Tourismus
nicht funktionieren – und der Tourismus habe Reykjavík aufblühen lassen.
Nur die Natur müsste vom Staat noch besser geschützt werden, sagt der
Sprecher der Umweltschutzorganisation Iceland Wildlife Fund.
In der EU-Frage gehört er zu der Gruppe der klarsten Befürworter: Er ist
grundsätzlich überzeugt davon, dass Island in die Union gehört. „Natürlich
ist die EU nicht perfekt, aber das ist wie mit der Demokratie: Zeig mir was
Besseres“, sagt er.
## Stark an Europa geworden
Island sei sowieso schon so stark an Europa gebunden – kulturell, sowie
durch die Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum. Kaldal ist vom
Unionsgedanken überzeugt. Island und Norwegen hätten schon davon
profitiert, dass die EU sie mitdenke, etwa während der Pandemie, als es um
fehlendes Schutzmaterial und Impfstoff ginge. Er meint, darauf solle man
sich aber nicht ewig einfach verlassen. Lieber richtig mitmachen.
Es geht den Befürwortern auch um die Hoffnung auf eine stabilere Währung,
bessere Zinspolitik, weniger Inflation – von der EU werde viel erwartet und
dabei manches durcheinander gebracht, meint Politikwissenschaftlerin Eva H.
Önnudóttir von der Universität Island. „Es ist einfach ein sehr komplexes
Thema“, sagt sie. Gern wüsste sie mehr über die EU-Gedanken der
Bevölkerung, allein: Die isländische Forschung hinke hinterher, es gab
nicht so großen Bedarf. So bleibt ihr – wie allen – eine Menge immerhin
plausibler Erklärungsversuche.
Wie auch immer die Antwort am Samstag ausfällt: Önnudóttir will ruhig
bleiben – sie erwarte überhaupt keine gravierenden Veränderungen, sagt sie.
„Wird es ein Nein, gibt es gar keine Veränderungen, wird es ein Ja, gibt es
halt Verhandlungen, ansonsten bleibt erst mal alles unverändert.“
Und selbst durch einen, ja noch in weiter Ferne liegenden und vielleicht am
Samstag direkt im Keim erstickten, EU-Beitritt würde sich nicht so viel
verändern, meint sie – schließlich sei Island ja bereits an die Abkommen
des Europäischen Wirtschaftsraums gebunden, betont sie. „Für uns gelten
schon 75 Prozent der EU-Regulierungen. Das ist etwas ganz anderes als für
Beitritts-interessierte Länder ohne EWR-Abkommen.“
## Fischerei bedeutet Identität
Treibende Kraft für das isländische EU-Projekt war und ist die Liberale
Reformpartei, nach der Wahl im Dezember 2024 einer von zwei
Koalitionspartnern der Sozialdemokraten. Außenministerin Þorgerður Katrín
Gunnarsdóttir gibt sich bei aller Sehnsucht nach der EU unnachgiebig: Wenn
Brüssel nicht berücksichtige, was Island für eine Großmacht in Sachen
Fischerei ist, werde es schwierig mit den Verhandlungen, das sagte sie vor
einigen Wochen in einem Interview. Und, ganz wichtig: Die Fischerei gehöre
zur Identität der Isländer. Lasst bitte die Finger davon, das ist die
Aussage.
Der Fisch ist ein großes Thema für sich – denn auch ohne die EU
funktioniert der stolze Wirtschaftssektor nicht mehr zur Zufriedenheit
aller Isländer. Zu viel Geld konzentriert sich längst auf zu wenige reiche
Isländer, lautet die Kritik. Eine zentrale Säule der Wirtschaft bleibt der
Bereich so oder so.
EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos reagierte, wie man wohl reagiert, wenn
man am Bewerber interessiert ist – grundsätzlich zuversichtlich sprach sie
davon, dass man bestimmt „kreative Lösungen“ finden könnte.
Von all dem will Haraldur Ólafsson gar nichts wissen – für ihn ist die
Sache ebenso klar wie für den Whalewatching-Kapitän, nur anders. In die EU
eintreten? Das bedeute, die Staatsmacht abzugeben, von Island nach Brüssel,
sagt er. Den Vergleich zu einem Kolonialherren zieht er auch, bei einem
Gespräch im Haus der Menschenrechte, ein paar Kilometer von der Uni
entfernt. In der Cafeteria, wo gerade schon Kekse und Chips auf den Tischen
verteilt werden, wird er gleich vor einer Gruppe junger Menschen mit
Behinderungen über das Referendum sprechen.
Seit 2017 ist Haraldur Vorsitzender der Anti-EU-Organisation Heimssýn. „Das
war viele Jahre ein sehr angenehmer Auftrag“, sagt er. „Es gab gelegentlich
Zusammenkünfte, Treffen mit Gleichgesinnten, zum Beispiel aus Norwegen oder
Schweden, und das war’s.“ Bis die jetzige Regierung plötzlich mit dem
Referendum angekommen sei.
Der Professor für atmosphärische Physik ist vielen Isländern noch aus
seiner Zeit als Fernsehmeteorologe bekannt. Aktuell macht er mit sehr
deutlichen Anti-EU-Statements Stimmung vor dem Referendum. Nichts, das wird
im Gespräch deutlich, könnte ihn vermutlich zum Umdenken bringen.
Der Heimssýn-Vorsitzende fürchtet, sollte die Ja-Seite am Samstag gewinnen,
dass die Zeit der Spaltung und Unruhe andauern würde. Es soll vorbei sein
mit dem EU-Gespenst, möglichst jetzt sofort, am Wochenende.
## „Die Nation entscheidet“
Das wiederum will Ministerpräsidentin Kristrún Frostadóttir verhindern. Am
frühen Mittwochabend lädt sie zu einer Veranstaltung ins Kulturzentrum
Austurbæjarbíó. „Die Nation entscheidet“, steht als Motto auf großen
Monitoren, der Saal ist voll, knapp 500 Leute, schätzt der Veranstalter. Ob
die Ministerpräsidentin damit noch Unentschlossene umstimmt?
Die 55-jährige Gudny etwa ist eigentlich nur gekommen, um ihre „wunderbare
Premierministerin“ zu erleben, wie sie sagt. Die Buchhalterin kommt
eigentlich aus dem Norden Islands – dass die Regierungschefin mit dieser
Veranstaltungsreihe in den Wochen vor dem Referendum alle Ecken des Landes
besucht hat, gefiel ihr mal wieder besonders: dass die Regierungschefin
sich auch dort zeigt, wo die Nein-Seite deutlich mehr Anschluss hat als in
der Hauptstadt. Denn auch Bauern fürchten negative Folgen für sich, sollte
Island vom EWR- zum EU-Mitglied aufsteigen. Andererseits könnten ländliche
Regionen auch langfristig von Förderungen profitieren.
Dass sie mit Ja stimmen will, wusste Gudny vorher schon. Auch sie will vor
allem eins: Erst mal erfahren, was die Regierung in Brüssel für einen Deal
aushandeln würde. Sie ist wohl nicht die Einzige, die einfach Lust hatte
auf einen Abend mit der Ministerpräsidentin im Kulturzentrum. Für Kristrún
Frostadóttir, die 38-jährige Sozialdemokratin, ist das hier jedenfalls
offenkundig ein Heimspiel. Den Vorwurf, das Referendum habe Island
gespalten, hat sie von Anfang an nicht hingenommen. Ihre Antwort galt immer
der demokratischen Stärke der isländischen Gesellschaft, in der man uneinig
sein könnte, ohne sich zu überwerfen. Am Wochenende kommt eine
Herausforderung auf diese Gesellschaft zu – eine Seite wird damit umgehen
müssen, das Referendum verloren zu haben. Wieder eine Gelegenheit, Stärke
zu beweisen.
28 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anne Diekhoff
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