# taz.de -- Sturzflut im Himalaja: Propaganda statt Aufklärung
> Auf nepalesischer Seite können Medienschaffende frei berichten. Das
> chinesisch kontrollierte Tibet hingegen bleibt eine Blackbox.
(IMG) Bild: Menschen beobachten von einem Feld am Ufer des Flusses Trishuli das reißende Wasser
Die Aufnahmen der apokalyptischen Sturzflut im nepalesisch-chinesischen
Grenzgebiet haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Weltweit
liefen die horrenden Videos in den Abendnachrichten, wurden auf den
sozialen Medien geteilt und mit großer Anteilnahme kommentiert. Nur in
China wurden die Szenen nahezu vollständig zensiert. Stattdessen
verbreiteten die Staatsmedien ausschließlich Bilder der „heroischen“
Bergungsarbeiten.
Bei dem [1][Unglück] handelt es sich nicht nur um eine Naturkatastrophe,
sondern auch eine politische Tragödie. Sie hat erneut schonungslos
offengelegt, wie intransparent die Autoritäten der Volksrepublik China
selbst beim Umgang mit einer Sturzflut agieren. Der Kontrast könnte kaum
drastischer ausfallen: Auf der nepalesischen Seite sind längst dutzende
Korrespondenten ins Krisengebiet gereist, von wo aus sie mithilfe von
Ortskräften die Rettungsarbeiten kritisch beobachten.
Zudem werden sie mehrfach täglich von den Behörden auf dem Laufenden
gehalten. Sie können Polizeistationen und Ministerien anrufen, Anwohner
interviewen und ohne Einschränkungen filmen. Doch aus dem chinesisch
kontrollierten Tibet? Da tönt [2][nur die Propaganda der Parteiführung].
Ausländischen Journalisten ist es grundsätzlich untersagt, auf eigene Faust
in das Gebiet zu reisen. Und die lokalen Medien unterliegen strengen
Auflagen durch die Zensur.
„Newsfluencer“ oder kleinere Online-Medien dürfen, wie üblich bei
Naturkatastrophen in China, nicht frei berichten, sondern müssen sich an
die offiziellen Aussendungen der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua
halten. Die Kommentarfunktion auf den sozialen Medien ist bei diesem
„sensiblen“ Thema zudem ausgeschaltet oder streng überwacht – kritische
Rückmeldungen werden sofort gelöscht.
## Widersprüchliche Zahlen
Hinzu kommt eine spezielle Anordnung: Im Eingangssatz der chinesischen
Nachrichten wird stets darauf hingewiesen, dass die Sturzflut auf der
nepalesischen Seite der Grenze ausgebrochen ist – und nicht auf der
chinesischen Seite. Das ist natürlich kein Zufall, sondern basiert auf
einer Direktive der Behörden.
Wenn aber der Informationsfluss derart kontrolliert wird, hat dies
weitreichende Folgen. Die Außenwelt ist ausschließlich darauf angewiesen,
dass die Behörden vertrauenswürdig agieren. Doch haben Chinas
Lokalregierungen bei vergangenen Katastrophen nicht nur immer wieder
Informationen unter Verschluss gehalten; etwa beim [3][Ausbruch der
Coronapandemie in Wuhan]. Auch bei der aktuellen Sturzflut bleiben viele
offene Fragen.
Allein die offiziellen Zahlen sind merkwürdig: Auf nepalesischem Boden sind
bis Stand Sonntagmittag (Ortszeit) 734 Menschen gestorben, weitere knapp
2.500 Personen werden vermisst, darunter 589 ausländische Staatsbürger.
Laut chinesischen Zahlen sind in Tibet bislang nur 16 Tote registriert und
weitere 546 Vermisste. Konkrete Informationen zum Anteil an ausländischen
Staatsbürgern haben die chinesischen Behörden erst am Sonntag
herausgegeben, vier Tage nach dem Unglück.
Und warum der relative Anteil an Toten und Vermissten in China so radikal
geringer ist als in Nepal, dafür gibt es kaum eine plausible Erklärung. Das
bedeutet nicht, dass Chinas Autoritäten in diesem konkreten Fall
Informationen manipulieren. Doch überprüfen lässt sich ihre Arbeit nicht.
30 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nach-Sturzflut-in-Nepal-und-Tibet/!6207910
(DIR) [2] https://www.tagesschau.de/ausland/asien/china-tibet-nepal-flut-100.html
(DIR) [3] /Wie-entstand-das-Coronavirus/!6075390
## AUTOREN
(DIR) Fabian Kretschmer
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