# taz.de -- Regisseure über Schwulsein im Alter: „Wie zeigt man einen 76-jährigen Mann beim Sex?“
> Offen schwul im Pflegeheim? Die Regisseure Aitor Arregi und Jose Mari
> Goenaga erzählen in dem Film „Maspalomas“ von Heimkehr und über Queersein
> im Alter.
(IMG) Bild: Vicente (José Ramón Soroiz) in Maspalomas
In Maspalomas auf Gran Canaria hat Vicente (José Ramón Soroiz) mit Mitte
siebzig ein freies Leben gefunden. Zwischen Dünen, Clubs und flüchtigen
Begegnungen lebt er offen schwul, weit entfernt von seiner baskischen
Heimat und der Familie, die er vor Jahrzehnten verlassen hat. Nach einem
Schlaganfall muss er zurück und kommt in ein Pflegeheim.
„Maspalomas“ erzählt von queerem Altern, Begehren und der Kluft zwischen
formaler Gleichberechtigung und gelebter Freiheit. Inszeniert wurde der
Film von Jose Mari Goenaga und Aitor Arregi, Mitgliedern des baskischen
Moriarti-Kollektivs, das mit Filmen wie „Der endlose Graben“ und der Serie
„Cristóbal Balenciaga“ international bekannt wurde.
taz: Aitor Arregi und Jose Mari Goenaga, in Ihrem Film „Maspalomas“ landet
der Protagonist Vicente in einem Pflegeheim. Dort begegnet ihm niemand
offen homophob. Warum reicht die scheinbare Normalität dieses Ortes
trotzdem aus, um ihn zurück in den Schrank zu drängen?
Jose Mari Goenaga: Es gab in meinem Drehbuch Momente, in denen die
Homophobie im Heim deutlicher ausgesprochen wurde. Aber ich wollte davon
erzählen, wie wir Queers unser ganzes Leben mit Situationen umgehen müssen,
die nicht so eindeutig sind. Irgendwann sitzt der Feind in einem selbst.
Die Gesellschaft sagt dann gern, es sei dein Problem. Uns war wichtig, die
[1][Homophobie] nicht zu deutlich auszustellen und trotzdem verständlich zu
machen, warum Vicente sich so verhält.
Aitor Arregi: Das [2][Pflegeheim] ist auch eine Metapher für die
Gesellschaft und die Kräfte, die sich nicht immer zu erkennen geben. Wir
fühlen uns frei, sind es aber in bestimmten Situationen nicht. Etwas kann
rechtlich erlaubt sein, und trotzdem verhindern Familie, Religion oder das
soziale Umfeld, dass man diese Freiheit nutzt.
taz: Die Psychologin des Heims sagt Vicente sinngemäß, er dürfe sich outen,
doch die anderen könnten ein Problem damit haben. Sie gibt sich tolerant
und überträgt das gesamte Risiko auf ihn.
Goenaga: Ich glaube, sie ist in diesem Moment überzeugt, das Richtige zu
tun. Natürlich dürfe er sich offen als schwuler Mann zeigen, vermittelt sie
ihm, aber vielleicht solle er es lieber lassen, weil er verletzt werden
könnte. Nicht ihretwegen, sondern wegen der anderen. Das ist keine
Freiheit. Der Film zeigt ein Heim, in dem jüngere Fachkräfte versuchen,
eine modernere Einrichtung zu schaffen und stärker darauf zu achten, was
jeder Mensch möchte. Am Ende erkennt man aber, dass diese Veränderungen
womöglich nur an der Oberfläche stattfinden.
taz: Spanien war 2005 eines der ersten Länder, das die Ehe für alle
einführte. Zugleich haben Sie „Maspalomas“ als einen Film über die Gefahr
beschrieben, bereits erkämpfte Freiheiten wieder zu verlieren. Ist Vicentes
persönlicher Rückzug auch ein Bild für einen gesellschaftlichen
Rückschritt?
Goenaga: Die Gesetze sind da. Wenn man aber tiefer geht, findet man viele
kleine Probleme. Meine Mutter sagt etwa, ich solle in Madrid vorsichtig
sein, weil mir etwas passieren könne. Wird ein junger Mann getötet und gibt
es Hinweise auf einen homophoben Angriff, wird sofort bezweifelt, dass
Homophobie das Motiv gewesen sein könnte. Es gibt einen offiziellen
Diskurs, der uns angeblich schützt. Schaut man auf die Details, sieht die
Wirklichkeit anders aus.
taz: Vicente ist nicht nur Opfer dieser Verhältnisse. Er hat vor
Jahrzehnten seine Familie verlassen und den Kontakt zu seiner Tochter Nerea
abgebrochen. Wie wichtig war Ihnen ihre Wut?
Arregi: Sie ist für den Film fundamental. Sie trägt eine alte Verletzung in
sich, verharrt aber nicht in einer Opferrolle. Nach 25 Jahren ohne Kontakt
wird sie zu ihrem Vater nicht so freundlich sein wie früher. Sie übernimmt
Verantwortung und kümmert sich um ihn – aber nur bis zu einem gewissen
Punkt. Sie wird keine Nähe erzwingen.
Goenaga: Vicente verhält sich ihr gegenüber beinahe aggressiv, weil er
Angst hat, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Er verwandelt diese Angst
in Aggressivität. Er glaubte, den Weg zur Selbstakzeptanz längst
zurückgelegt zu haben. Tatsächlich muss er ihn noch einmal gehen.
taz: Woher kam diese Figur?
Goenaga: Eine wichtige Referenz war für mich David Leavitts Roman „Die
verlorene Sprache der Kräne“. Danach las ich Berichte von Männern, die
lange mit einer Frau zusammengelebt und Kinder bekommen hatten und sich
erst mit etwa 50 outeten. Es gibt auch einen persönlichen Bezug. Ich habe
zwar weder mit einer Ehefrau gelebt noch ein Kind, aber auch ich habe mich
erst spät geoutet, mit 33. Beim Schreiben fragte ich mich, wie ein Mann,
der so spät aus dem Schrank gekommen ist, am Ende seines Lebens wieder
hineingeraten kann.
taz: In „Maspalomas“ zeigen Sie ältere schwule Männer beim Sex, lustvoll
und selbstverständlich. Was hat Sie daran gereizt?
Arregi: Für mich war das einer der wichtigsten Gründe, den Film zu machen.
Wie zeigt man einen 76-jährigen Mann beim Sex? Und wie setzt man sich mit
der Vorstellung auseinander, ältere Menschen hätten keinen Sex und dürften
keine jüngeren Menschen begehren?
Goenaga: Unsere klare Referenz war [3][Alain Guiraudies Cruisingthriller
„Der Fremde am See“ von 2013]. Diesen Naturalismus wollten wir ebenfalls.
Wir wollten daraus keine große Sache machen, sondern den Sex natürlich,
explizit und als lustvolle Handlung zeigen.
taz: Aitor, Sie haben Ihren Besuch in der schwulen Welt von Maspalomas als
eine Art Masterstudium bezeichnet. Wie haben Sie als heterosexueller
Regisseur vermieden, diese Welt zu exotisieren?
Arregi: Maspalomas ist eine besondere Welt mit seiner riesigen Community
schwuler Touristen. Es ist ziemlich verrückt, aber nicht Las Vegas, sondern
hat einen eigenen Charakter. Man könnte das leicht als Spektakel filmen.
Unser Ansatz war dagegen beinahe ethnografisch oder anthropologisch. Wir
wollten zeigen, wie Menschen dort leben, und zugleich eng bei Vicente
bleiben.
Goenaga: Aitor ist neugierig, urteilt aber nicht vorschnell. Selbst bei
sehr aufgeschlossenen heterosexuellen Menschen spürt man manchmal eine
Anspannung. Bei Aitor nicht. Er ließ sich Dinge zeigen und erklären und war
sehr offen.
taz: Viele queere Menschen sind im Alter auf Freundeskreise oder
Wahlfamilien angewiesen. Wie müssten Pflegeeinrichtungen auf ihre
Lebensrealität reagieren? Hat Ihr Film bereits etwas verändert?
Goenaga: Nach dem Kinostart beschloss die baskische Regierung eine
Initiative, die Beschäftigte in Pflegeheimen auf solche Situationen
vorbereitet. Viele Menschen außerhalb der LGBTQI+-Community wussten
überhaupt nicht, dass ältere queere Menschen dort wieder in den Schrank
geraten können. Sobald dies als Problem sichtbar wird, kann die Politik
neue Protokolle entwickeln und Beschäftigte schulen.
18 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Thomas Abeltshauser
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