# taz.de -- Jugendzentrum in Berlin: Gebt der Potse ein Zuhause!
       
       > Der Jugendclub Potse ist eines der ältesten selbstverwalteten
       > Jugendzentren Berlins. Doch findet er nur schwer einen Ort, an dem er
       > bleiben kann.
       
 (IMG) Bild: Die Potse-Kisten können wieder ausgepackt werden – vorerst
       
       Kann ein Mann, der täglich dem Tod gegenübersteht, über die Zukunft der
       Berliner Jugend entscheiden? Wenn es nach Frank Luhmann, CDU-Abgeordneter
       in Tempelhof und Bestatter, geht, ja. „Gartenstadt statt Punkrock. Kein
       Haus der Jugend am Werner-Voß-Damm“, steht auf seinen Wahlplakaten. Diese
       Worte richten sich nicht nur gegen junge Menschen im Allgemeinen. Sie
       attackieren vor allem das autonome Jugendzentrum Potse, das seit Jahren um
       seine Existenz bangen muss.
       
       Die Geschichte der Potse, eines der ältesten Jugendzentren Berlins, ist
       eigentlich geprägt von punkiger und widerständiger Jugendkultur. Doch seit
       Jahren steht vor allem ein kräftezehrendes Hin und Her auf der Suche nach
       langfristigen Räumen im Vordergrund. Denn auch [1][im Haus der Jugend,
       einem geplanten Neubau für 2030], so scheint es, ist die Potse nicht von
       allen gern gesehen. Dabei wäre das ein Ort, der statt Übergangsstandort ein
       echtes Zuhause werden könnte.
       
       ## Chaos in Kisten verpackt
       
       Die ehemalige Zollgarage am Flughafen Tempelhof ist so ein Übergangsort,
       derzeit ist die Potse dort untergebracht. Viel los ist nicht an diesem
       Freitagnachmittag. Eigentlich müsste das Chaos, das sich in der rund 480
       Quadratmeter großen Garage verteilt, innerhalb von sechs Tagen, in Kisten
       verpackt, verschwinden, weil auch dieser Mietvertrag dann ausläuft: die
       Pumps mit Schlangenmuster aus dem Free-Shop, die gestreifte Tasse mit
       Kugelschreibern, die die Gedanken des antifaschistischen Nachwuchses in
       unzähligen Plena festgehalten haben, aber auch die ausgebeulte Couch, auf
       der zwei Jugendliche fläzen.
       
       Trotzdem dominiert resigniertes Nichtstun unter den Anwesenden. Vielleicht,
       weil das alles nicht neu ist für sie. Schon lange ist der antifaschistische
       Jugendclub mehr mit Existenzkampf als Klassenkampf beschäftigt.
       
       Es ist eine Chronologie der Verdrängung: Am 31. Dezember 2018 forderten
       Vertreter*innen des Bezirks Tempelhof-Schöneberg die selbstverwalteten
       Jugendzentren Potse und Drugstore auf, die Schlüssel für ihre
       Räumlichkeiten in der Potsdamer Straße 180 abzugeben. Es waren die
       Schlüssel zu einem Ort, an dem über 40 Jahre lang die Berliner Jugendkultur
       florierte.
       
       Punkkonzerte, Bandproben, Workshops, eine Küche für alle – die Angebote,
       die dort zwischen den bemalten bis beschmierten Wänden stattfanden, gaben
       jungen Menschen Raum für sich. Aber auch Raum für erste Partyerfahrungen
       ohne Drogen, die auf den Straßen der Bezirke, auf denen Jugendliche vor
       allem nachts nicht gern gesehen sind, unbeobachtet eskalieren könnten.
       
       Dass sich Menschen wie der CDU-Politiker Luhmann vom „Lärm“ der Jugend, wie
       er es auf seiner Website beschreibt, belästigt fühlen, ist kein neues
       Phänomen. Bei Jugendlichen reicht oft schon ihre bloße Existenz aus, damit
       Ältere sie kritisieren. Doch wenn sie keinen Zufluchtsort haben, dann
       suchen sie ihn selbst. Zum Beispiel in der Potse. Ein Ort, der ihr sicheres
       Wohnzimmer ist. An dem sie sich über Queersein, politische Meinungen und
       die Sorgen ihres Alltags austauschen können.
       
       Nach der Kündigung waren die Räume an der Potsdamer Straße [2][fast drei
       Jahre lang von Jugendlichen besetzt]. Am 17. September 2021 unterschrieben
       die Ehrenamtlichen der Potse schließlich den Mietvertrag für die
       Zollgarage.
       
       An der Wand lehnt ein Protestplakat, das von diesem Existenzkampf übrig
       geblieben ist. „Potse bleibt … weil sie der erste Ort meiner Jugend war, an
       dem ich ehrliche Freiheit erfahren durfte. Hier können wir LEBEN!“, hat
       jemand draufgeschrieben.
       
       ## Keine Punkkonzerte
       
       So richtig geblieben ist die alte Potse trotz neuer Bleibe nicht. [3][Vor
       allem ist sie stiller geworden]. Der Großteil der Angebote wie Punkkonzerte
       oder Bandproben dürfen wegen des fehlenden Schallschutzes nicht mehr
       stattfinden. Auch die Wände dürfen nicht mehr bemalt werden. Wenn sich die
       Potse wieder widersetzt hätte, wäre sie schon vor Vertragsende aus dem
       Flughafen ins Ungewisse zurückgeflogen.
       
       Am 12. Juni 2026, während die Ehrenamtlichen der Potse neue Räumlichkeiten
       besichtigten und verzweifelt den Kontakt zum Bezirksamt suchten, stellte
       CDU-Politiker Luhmann eine schriftliche Anfrage im Abgeordnetenhaus. Das
       Thema: Schädlingsbefall und hygienische Zustände am Potse-Standort
       Zollgarage. Antwort: Dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg liegen hierzu keine
       Informationen vor. Vielleicht war der polemische Antrag selbst dem Bezirk
       zu plump.
       
       Am 15. September, einen Tag vor dem geplanten Auszugstermin, verkünden die
       Potse-Sprecher*innen in einer Pressemitteilung: „Das Jugendzentrum muss
       nicht raus.“ Bis zur Fertigstellung des Vertrags zwischen Potse, der
       Tempelhof Projekt GmbH als Vermieterin und dem Bezirk, der die Miete zahlt,
       dürfen sie bleiben. Jedenfalls so lange, bis der Vertrag auch wieder
       ausläuft.
       
       20 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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