# taz.de -- Gespräch mit Kevin Rowland: „Ich glaube schon, dass ich meine feminine Seite stark betone“
> Ein Gespräch mit Kevin Rowland, Sänger der Dexys Midnight Runners, über
> seinen wütenden Vater, seine feminine Seite und den Fluch des
> Älterwerdens.
(IMG) Bild: „Weißt du was, wir machen immer noch Musik!“ Die Band Dexys Midnight Runners mit Kevin Rowland in der Mitte
taz: Kevin Rowland, ist Ihr neues Album „Love“ eine musikalische
Autobiografie?
Kevin Rowland: Ich glaube, es wurde dazu, obwohl das ursprünglich gar nicht
beabsichtigt war.
taz: Letztes Jahr haben Sie Ihre Autobiografie „Bless Me Father“
veröffentlicht. Der Buchtitel bezieht sich auf das schwierige Verhältnis zu
Ihrem Vater. Im Song „Once A Man And Twice A Child“ vom Album singen Sie
nun über die Nähe, die Sie erst in seinen letzten Lebensjahren zu ihm
herstellen konnten.
Rowland: Mein Vater hatte eine sehr große Präsenz in meinem Leben. Ich habe
ihn als sehr wütenden Menschen erlebt, fast bis zum Ende. Mein Vater wurde
102. Fünf Jahre vor seinem Tod hatte er einen Schlaganfall, das hat ihm
endlich erlaubt, etwas zu entspannen. Er wurde danach viel ruhiger, und für
mich war es plötzlich möglich, mich mit ihm zu unterhalten. Ich bin sehr
dankbar für diese Zeit. Als er gestorben ist, habe ich nicht geweint. Bis
heute nicht. Keine Ahnung, warum.
taz: Sie haben sich als als Künstler oft mit Ihrer femininen Seite
auseinandergesetzt. Ob äußerlich, wenn Sie sich androgyn kleiden, oder in
Songtexten. Auf dem letzten Dexys-Album, „The Feminine Divine“ leisten Sie
Abbitte und singen davon, wieviel Schlechtes Sie Frauen angetan haben. Die
Selbstkritik ist beeindruckend. Und doch habe ich mich gefragt, warum Sie
Ihre eigene feminine Seite nicht ein bisschen mehr feiern?
Rowland: Ich glaube schon, dass ich meine feminine Seite sehr stark betone.
Doch ich war mein Leben lang Macho. Oder sagen wir, ich habe vorgegeben,
ein Macho zu sein, weil ich glaubte, hart sein zu müssen. Ich dachte, ich
dürfte keine Schwächen zeigen, müsste alles selbst in die Hand nehmen, weil
die Frauen mich sonst verlassen würden. Ich habe einfach an das ganze
Programm geglaubt, Werte, mit denen ich groß geworden bin. Die Kontrolle,
die Männer über Frauen hatten, und immer noch haben. Und das vor allem,
weil wir Angst vor den Frauen haben. Wir haben solche Angst, vor ihrer
Sexualität, vor allem. Und ich war Teil davon. Das musste ich erstmal
loswerden.
taz: 1999 haben Sie Ihr Soloalbum „My Beauty“ bei Creation Records
veröffentlicht. Labelboss Alan McGee hat es als seinen „letzten großen
Misserfolg“ bezeichnet, auf den er bis heute stolz sei. Man sieht Sie auf
dem Cover in Reizwäsche und geschminkt. Kein anderes Label wollte es in
dieser Form veröffentlichen, aber Sie haben darauf bestanden. Wie schauen
Sie heute darauf?
Rowland: Das kam vielleicht ein bisschen zu früh für mich, und geriet ein
bisschen zu extrem. Es gab einen anderen Coverentwurf, der nicht so
freizügig war. Vielleicht hätte der besser funktioniert und nicht so viel
Wirbel erzeugt.
taz: McGee schreibt, dass er sich auf die Plakate mit dem Cover gefreut
hat. Er wollte, dass es auf britischen Straßen zu Massenkarambolagen kommt,
wenn die Leute das Bild an Bauzäunen sehen.
Rowland: Ich tat mich sehr schwer mit der Ablehnung, die das provoziert
hat. Viele Leute sagten ich sei verrückt, das ging unter die Gürtellinie.
Heute sind solche Reaktionen nur noch schwer vorstellbar. „My Beauty“ wurde
ja vor fünf Jahren wiederveröffentlicht und hat sich gut verkauft, mit
demselben Cover. Die Zeiten haben sich anscheinend gewandelt. Allerdings
geht die gesellschaftliche Stimmung mit dem weltweiten Aufstieg der Rechten
wieder in Richtung Machokultur.
taz: Produzent David Holmes hat Ihre Art zu singen mit Method Acting
verglichen. In der Autobiografie beschreiben Sie den Zustand, in den Sie
beim Singen kommen als „state of grace“, Zustand der Gnade. Wie erreichen
Sie den?
Rowland: Manchmal erreiche ich ihn, manchmal nicht. Wenn ich vor Publikum
stehe und wirklich alles gebe, wie ein Method Actor, dann passiert es
leichter. Ich habe ein Buch vom russischen Schauspiellehrer Konstantin
Stanislawski gelesen, dem Erfinder dieser Methode. Vieles hat damit zu tun,
Spannung im Körper loszulassen. Und es geht darum, in die Person
einzutauchen, die man spielt, und in die Szene. Auf mich bezogen heißt das:
Ich muss mir darüber klar werden, zu wem ich singe, und warum, was bedeuten
diese Worte wirklich, für mich persönlich? Vielleicht sind das auch ganz
selbstverständliche Dinge, die jeder Sänger macht? Keine Ahnung, ich habe
noch nie KollegInnen gefragt. Vielleicht sollte ich das mal tun.
taz: Im Epilog Ihres Buches steht, dass Sie Ihr Leben lang versucht hätten,
ein gewöhnlicher Mensch zu sein. Aber musikalisch haben Sie das nie
versucht, oder? Ich habe den Eindruck, dass Sie sich in der Musik immer
ziemlich frei gefühlt haben.
Rowland: Das stimmt. Meine Musik war der Ort, an dem alles raus konnte.
Aber ich schreibe in dem Buch über mein Leben, und das ist mehr als nur
meine Musik, verstehen Sie? Ich habe mich immer darum bemüht, ein gutes
Leben zu haben. Manchmal habe ich die Musik fast gehasst, denn das bin
nicht wirklich ich, das ist nur eine Person, von der die Leute denken, das
sei ich.
taz: Wer sind Sie denn wirklich? Trägt nicht jeder Mensch unterschiedliche
Persönlichkeiten in sich?
Rowland: Ja. Dennoch ging es mir in meinem Leben so, dass ich dachte, ich
müsste mehr wie die Anderen sein. Vergessen Sie nicht, dass ich den größten
Teil meines Lebens nicht damit verbracht habe, Musik zu machen. Aber ja, in
der Musik wollte ich mich immer unterscheiden, ich fand es wichtig,
individuell zu sein, meinen eigenen Stil zu haben und zu sagen, was ich
sagen möchte. Dort hatte ich immer Angst, zu sehr wie jemand anders zu
klingen.
taz: Beim Lesen der Autobiografie hatte ich direkt Mitleid mit dem Mann,
über den Sie da schreiben, weil Sie so hart mit sich selbst ins Gericht
gehen.
Rowland: Ja, das habe ich schon öfter gehört. Ich weiß nicht. Ich musste
dieses Buch genauso schreiben.
taz: Weil Sie die Wahrheit sagen wollten?
Rowland: Exakt. Meine Geschichte verlief anders als die anderer Musiker.
Nach dem Motto: Ich ging zur Schule, mochte sie nicht, habe sie verlassen,
meine Leute gefunden und eine Band gegründet. So war es bei mir nicht. Ich
hatte viele Kämpfe auszufechten. Und ich gehe auch mit anderen Leuten hart
ins Gericht. Mit meinem Vater und meinem Bruder. Und darum musste ich auch
zu mir selbst hart sein, sonst wäre es nicht gerecht.
taz: Bei Ihrer letzten Tour vor drei Jahren haben Sie zuerst die Songs von
Ihrem damals aktuellen Werk „The Feminine Divine“ gespielt – tolle,
mitreißende Musik. Aber erst am Ende, bei „Come On Eileen“, sind alle
aufgestanden und haben getanzt. Ist das nicht auf Dauer frustrierend?
Rowland: Ich bin dankbar für [1][„Come On Eileen“], für alles, was dieser
Song mir gegeben hat. Vor allem für das Geld. Aber ja, es ist schon
ärgerlich, wenn die Leute nur diesen einen Song von mir kennen. Manchmal
kommen Menschen auf mich zu und sagen: Ich habe deine Musik geliebt, „Come
On Eileen“ hat mir so viel bedeutet. Ja, schön, danke, sage ich dann, aber
weißt du was, wir machen immer noch Musik! Es ist schwierig. Ich weiß bis
heute nicht, wie ich damit umgehen soll.
taz: Es gibt einen Song auf Ihrem neuen Album, der mir besonders gut
gefällt, „Old Love“. Darin singen Sie, wie schwer es ist, alt zu werden,
und ausschließlich als alter Mensch wahrgenommen zu werden. Da ist mir erst
klar geworden, dass Sie inzwischen über 70 sind. Ich habe Sie nie als alten
Mann gesehen.
Rowland: Junge Leute nehmen einen gar nicht wahr, für sie existiert man gar
nicht. Und wenn, dann sehen sie nur das Alter. Ich fühle mich im Inneren
wie früher. Dass ich alt bin, merke ich nur, wenn ich in den Spiegel
schaue. Sonst vergesse ich es einfach. Aber manchmal fühle ich mich einfach
müde. Den Song habe ich auf einem Sofa liegend aufgenommen. Unser
Toningenieur Sam hat mir ein Mikro hingestellt, ich wollte so müde klingen,
wie ich mich an manchen Tagen fühle. Alt und müde, und müde davon, alt zu
sein.
taz: Ich kenne Sie ja nur von Fotos und auf der Bühne, mit extravaganten
Klamotten. Sind Sie auch im Alltag so angezogen? Wenn ja, kann ich mir
eigentlich nicht vorstellen, dass die jungen Leute Sie übersehen.
Rowland: Na gut, sie mustern mich schon. Aber keine Ahnung, was sie in mir
dann sehen. Eine Art Exzentriker? Aber Sie haben vermutlich recht, das
spielt sich alles vor allem in meinem Kopf ab.
taz: Warum nennen Sie sich jetzt wieder Dexys Midnight Runners, nachdem Sie
zuletzt nur noch Dexys hießen?
Rowland: 2024 haben wir beim Glastonbury-Festival gespielt. Kurz zuvor habe
ich vor meinem Wohnhaus auf einer Bank gesessen und mich mit einer jungen
Nachbarin unterhalten. Sie hat mir erzählt, dass sie nach Glastonbury
fährt, und ich erzählte ihr, dass ich dort mit meiner Band spiele, [2][die
Dexys heißt]. Darauf sie: Ah, hat die etwas mit Dexys Midnight Runners zu
tun? Da wurde mir klar, dass es junge Menschen gibt, die Dexys Midnight
Runners kennen, wahrscheinlich durch Songs wie „Come On Eileen“ und „Geno“.
Also, dachte ich, müssen wir zurück zum Originalnamen.
taz: Das letzte Wort auf Ihrem neuen Album ist „Goodnight“.
Rowland: Ja. Das ist eine gute Art, zum Ende zu kommen, vielleicht wird
dies unser letztes Album sein. Es war eine ganz schöne Reise von „Searching
For The Young Soul Rebels“ bis jetzt. Sieben Alben. Nicht, dass wir überaus
produktiv waren, aber ich finde, wir haben ganz gute Arbeit geleistet.
Dexys Midnight Runners: „Love“ (Heavenly/PIAS)
Live: 10. 10. 2026, Passionskirche, Berlin
12 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://youtu.be/6BODDyZRF6A?si=uuVwp7ynTlCoDk59
(DIR) [2] /Comeback-Album-der-Dexys/!5090792
## AUTOREN
(DIR) Dirk Schneider
## TAGS
(DIR) wochentaz
(DIR) Interview
(DIR) Neues Album
(DIR) Vater-Sohn-Beziehung
(DIR) Autobiografie
(DIR) Großbritannien
(DIR) Synthie-Pop
(DIR) Pop
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Dexys Midnight Runners sind zurück: Mit Baskenmütze auf Speed
„Too-Rye-Ay As It Should Have Sounded“: Das legendäre Soulfolkpopalbum der
britischen Dexys Midnight Runners wird im neuen Mix wiederveröffentlicht.
(DIR) The-xx-Musiker Oliver Sim: Der unzuverlässige Erzähler
Oliver Sim, Teil des Londoner Pop-Trios The xx, veröffentlicht mit „Hideous
Bastard“ sein Soloalbumdebüt mit queeren Torchsongs.
(DIR) Neues Album von Boybandstar Harry Styles: Der Möchtegern-Normalo
Der britische Popstar Harry Styles veröffentlicht mit „Harry's House“ ein
neues Album, mit dem er musikalisch den Anschluss an R&B und Balladen
sucht.