# taz.de -- Dexys Midnight Runners sind zurück: Mit Baskenmütze auf Speed
       
       > „Too-Rye-Ay As It Should Have Sounded“: Das legendäre Soulfolkpopalbum
       > der britischen Dexys Midnight Runners wird im neuen Mix
       > wiederveröffentlicht.
       
 (IMG) Bild: Zu sophistated? Der Latzhosen-plus-Halstuch-und-Baskenmütze-Stil der Dexys, hier 1983
       
       Bekannt wurde der Brite Kevin Rowland, da er nach den „Young Soul Rebels“
       suchte; doch berühmt wurde er mit seinem Lied „Come on Eileen“, diesem
       unzerstörbaren, besoffen-kokett-wollüstigen Welthit. Rowland wird als
       Teenie die Old Soul Rebels in der ersten Generation von Skinheads vermutet
       haben, harte Typen mit strengem, von US-Marines abgeschautem Dresscode.
       Unter den Besuchern der nordenglischen Soul-Allnighter-Partys, jenen
       Veranstaltungen, bei denen mit akrobatischer Finesse nächtelang zum Beat
       von Motownsongs getanzt wurde.
       
       Knapp zehn Jahre später, 1978, imaginiert Rowland, der zu den ersten Punks
       in der britischen Großstadt Birmingham gehört hatte, aber der
       Beschränkungen von Punk schnell überdrüssig wurde, eine Soulband gleich
       einer Gang: Für die Besetzung heuert und feuert er, ein Egomane
       sondergleichen. Doch das bemerkt der Bandleader gar nicht, denn er ist auf
       einer Mission, das Reine und Pure suchend, im Vertrauen darauf, es könne
       eine bessere Gesellschaft formen.
       
       Gleich die zweite Single dieser Band namens Dexys Midnight Runners, „Geno“,
       erklimmt in Großbritannien die Spitze der Charts. Nur, wer versteht
       wirklich die Zeichen? Rowland zweifelt, fordert sich, die nach der
       Aufputschpille Dexedrin benannte Band und das Publikum heraus. Wo er 1980
       Schönheit aus druckvoller Energie destillierte, addiert er bald Klänge des
       seinerzeit eher verpönten Folk.
       
       Ein Soulensemble im folkigen Fiddle-Sound eröffnet 1982 beherzt mit „The
       Celtic Soul Brothers“ das zweite Dexys-Album „Too-Rye-Ay“, das vor Kurzem
       erneut und mit einem anderen Mix unter dem Titel „Too-Ry-Ay As It Should
       Have Sounded“ veröffentlicht wurde. Die Band firmiert nun als Kevin Rowland
       & Dexys Midnight Runners.
       
       ## Die rustikale Anmut verliebter Fiddler
       
       Und Rowland beherrscht auch im neuen Mix seinen
       Träne-im-Knopfloch-Gesangsstil vollendet, euphorisch feiernd und zugleich
       gerührt. Er bringt gar einen Toast aus, um uns dann im Refrain durch die
       Luft zu wirbeln. Und sieh an, getragen von der rustikalen Anmut verliebter
       Fiddler schweben wir durch den Pub. Was für ein Leben! Nahtlos daran
       anknüpfend erklingen die sehnsüchtigen Bläsersätze von „Let’s Make this
       Precious“.
       
       Gesang im nie langweilig werdenden Call-and-Response-Schema schwört
       Gitarren ab, sie sind „too noisy and crude“, dafür fordert Rowland den Mut
       zum Guten derart innig, dass man gar nicht umhinkommt, das Scheitern zu
       erahnen. „Let’s try and let’s try“ fleht die Stimme, und ist es nicht
       seltsam, dass heute, 40 Jahre später, kein mildes Lächeln vermeintlich
       jugendliche Torheit relativieren mag?
       
       Und doch, etwas ist anders, liegt es am eigenen Alter, dass nun vieles
       ausgewogener klingt? Nein, es sind die Spuren einer Überarbeitung, für die
       sich neben Kevin Rowland die einstige und seit Kurzem zurückgekehrte
       Violinistin von Dexys Midnight Runners, Helen O’Hara, verantwortlich
       zeigt. Die neugewonnene klangliche Transparenz des beileibe nicht schlecht
       produzierten Originals lenkt die Aufmerksamkeit erneut auf die
       vielschichtigen Arrangements, Klangwelten von [1][Postpunk]-Pop, [2][Soul]
       und Folk vereinend.
       
       Man versteht: Der Mythos um das große Popjahr 1982 findet seinen Grund in
       der Ideendichte und dem Detailreichtum von „Too-Rye-Ay“. Doch was den
       Künstlern im alten Mix zu grell erschien, beleuchtete auch jene Momente der
       Verzückung, welche die Dringlichkeit der Musik akzentuierten. Aber wovon
       soll uns eigentlich so nachdrücklich erzählt werden?
       
       ## Sekundenkleber statt Tanzschuhe
       
       In „I’ll Show Vou“ spricht Rowland es aus: „Those boys without cares /
       Who’d swapped dirty pictures and talked during prayers / They grew up with
       wisdom / They’d stored from those days / Nobody told them to get in / They
       must change.“ Er benennt sie: Alkoholiker, Sitzengelassene, Obdachlose,
       kleine Angestellte, wenige davon lassen sich idealisieren, keine aus dem
       aktuellen Kanon derer, denen nicht ausreichend Recht widerfährt. Dafür
       gestürzte Schulhofkönige, zu naiv oder zu stolz, das Spiel der anderen zu
       spielen.
       
       Wer sich heute in Opposition wähnt, hat dieses Spiel längst verinnerlicht.
       Existenzangst statt Lebenslust, Sekundenkleber statt Tanzschuhe, Karriere
       statt Working Class. Und Kevin Rowland macht es nicht mal den Willigen
       leicht. Inmitten des glitzerndern Popjahres 1982 designt er die Band
       minutiös als Landarbeiter. So hatte er seinen Teil am zeitgleich mit dem
       Album aufkommenden „Hard Times Look“, dessen zerrissene Jeans Rowland bald
       anwiderten. Sie sind geblieben, der Latzhosen-plus-
       Halstuch-und-Baskenmütze-Stil der Dexys war hingegen zu sophisticated.
       
       Was also haben sie wohl bewegt, die Dexys? Immerhin reichte es zu
       Millionenverkäufen. Doch lange Zeit schien es, als hätte sich Kevin Rowland
       selbst verloren. Wo er im neuen Mix die Sprechpassage Sam Browns kappt (die
       einige Jahre später mit „Stop!“ einen großen Retro-Soul-Hit hatte) und im
       agitierenden Rausch von „Plan B“ mit seiner eigenen, wenn auch kaum
       gealterten Stimme ersetzt, klingt das keinesfalls besser, sondern eher nach
       großem Ego.
       
       Geht es um die da draußen oder um ihn? Gegen Ende des Albums, im nun von
       einer Posaune eingeleiteten „Until I Believe in My Soul“ gelobt er „I will
       punish body / Until I believe in my soul“, irischer Katholizismus,
       puritanische Härte und die Suche nach dem Wahren, wen sollte dies nicht
       aufzehren?
       
       ## Ist das Soul?
       
       Das Drama lässt sich erahnen, es mag erklären, warum sich manch alter Fan
       von Rowlands größtem Erfolg abwandte, [3][zu „Come on Eileen“ hilflos
       „Ausverkauf'“ grummelnd] und warum intellektuelle Hörer das 1985
       nachfolgende Album vorziehen. „Too-Rye-Ay“ sei ihnen zu vordergründig, doch
       eigentlich meinen sie: zu intensiv. Sie waren halt nicht angesprochen. Für
       kommende Uni-, NGO- und Kreativ-Karrieristen gab es 1982 die [4][auch guten
       Scritti Politti].
       
       Außerordentlich gelungen aber sind diese zehn Songs, fast einem Bühnenstück
       gleich vorgetragen, Präzision und Wut, Eigensinn und Mitgefühl. Ist das
       Soul?
       
       Bist du 5 und willst es später schwieriger haben im Leben, lass dir von
       Christian Andersens „Mädchen mit den Zündhölzern“ künden. Bist du 14 oder
       18 und magst erleben, wie ein Feuer in dir dein noch ungeschriebenes
       Erfolgs-Curriculum-Vitae verschlingt, dann besorge dir dieses Album,
       unbedingt!
       
       19 Dec 2022
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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