# taz.de -- Diskursloser OB-Wahlkampf in Oldenburg: Kandidat mit Bart gegen Kandidat im Spagat
> Die OB-Wahl in Oldenburg wird wohl zwischen einem gemütlichen SPDler und
> einem Philosophen entschieden. Letzterer wird von Grünen und CDU
> unterstützt.
(IMG) Bild: Wer wird hier künftig die Geschicke lenken? Rathaus Oldenburg
Demokratietheoretisch ist das jetzt heikel: Neun Kandidatinnen und
Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt in Oldenburg bei der Wahl am 13.
September – das sind zu viele. Man kann sich kaum ein Bild von ihnen
machen. Die Frage, wer was will und wofür steht, lässt sich nicht
beantworten, zumal die Lokalzeitung, für die die Doppelwahl – OB und
Stadtrat – eine Hochzeit sein müsste, vor sich hin schläft.
Na gut, eine Podiumsdiskussion haben sie auch veranstaltet, aber was kann
man da erfahren, wenn alle Neun nebeneinanderstehen und zur gleichen Frage
ein Statement abgeben dürfen – aber nicht länger als eine Minute? Es wird
wohl der diskursloseste Wahlkampf aller Zeiten gewesen sein; in den
verbliebenen Wochen wird nicht mehr viel passieren. Keine Rede und
Widerrede, kein Wettbewerb um Konzepte und Ideen, kaum Positionierungen.
Dabei geht es um viel: die Stadt klimawandelgerecht umbauen, in einer
autogerechten Stadt eine moderne Verkehrspolitik umsetzen, die
Fußgängerzone beleben, trotz des riesigen Schuldenbergs irgendwie gestalten
– wobei der nicht schrumpfen wird, denn die Verbindlichkeiten werden dank
des Fußballstadions, das die Stadt für mindestens 55 Millionen Euro bauen
will, nicht kleiner. Die Grünen waren dagegen.
Na, vielleicht ist es auch egal, wer ins Rathaus einzieht, über dessen
Portal – offenbar unbeachtet – steht „Erst waeg’s, dann wag’s“: Der
Haushalt 2026 weist mit um die 90 Millionen Euro ein Rekorddefizit auf, es
droht eine Haushaltssperre. Dann wird keiner mehr Spielräume haben.
## Ein bunter Haufen Kandidaten
Es treten an: Michael Stille als lästiger, selbstbezogener Spaßkandidat;
Holger Martin Wilkens vom Bürger Bündnis Oldenburg, der wie ein
Hans-Eichel-Double wirkt und raunend vor Kostenexplosionen warnt; Sebastian
Fröhlich, der für die untergegangene Bürgerrechts-FDP steht; die Linke
Heike Boldt, der zum Thema soziale Gerechtigkeit viel einfällt und zu
anderen Themen wenig.
Dazu kommen Ralph Butzin, ein Einzelbewerber, der aussieht wie Heinz Strunk
und sich als Anpacker gibt; Yakup Castur von der wohl Erdoğan-nahen
Demokratischen Allianz für Vielfalt und Aufbruch (Dava), der eine Besinnung
auf alte Werte will; und Byanca Küssner, eine Oberschullehrerin, die genug
Energie für eine Stichwahl hat.
Von den sieben wird es wohl niemand werden, wobei Küssner eine Überraschung
schaffen könnte – endlich mal eine Frau, keine Partei im Hintergrund, die
mehr Bürde wäre als Booster.
Bleiben Jascha Rohr, parteilos, unterstützt von den Grünen und der CDU,
sowie Ulf Prange, SPD. Nicht kühn zu behaupten, dass es einer von beiden
wird. Aber wer?
Prange ist altbekannt („der Ulf“), wirkt gemütlich, fährt ein sehr kleines
Auto, sitzt seit Jahren im Stadtrat und im Landtag, ist Jurist, was für
einen OB als Plus gilt („kann Verwaltung“), muss aber beweisen, dass er
mehr ist als Noch-OB Jürgen Krogmann, ebenfalls SPD, nur halt mit
Rauschebart.
Krogmanns Bilanz ist – pffff, schwierig. Haften bleiben Großbauprojekte wie
das Stadion, für das er sich einsetzte, als wolle er dort selbst kicken,
oder der finanziell völlig aus dem Ruder gelaufene Neubau eines
Freizeitbads, das nicht fertig wird. Ansonsten hat er sich selten zu etwas
bekannt. Leidenschaftslos wirkt sein [1][Umgang mit der Verkehrspolitik weg
von der autogerechten Stadt] – großes Thema in Oldenburg. Dazu hörte man
wenig von ihm.
Prange könnte sein Ziehsohn sein, wenig wagemutig. Das [2][Stadion wollte
er als Sozialprojekt für den Zusammenhalt] der auseinanderdriftenden
Gesellschaft schmackhaft machen. Er könnte OB werden, weil – zumal in einer
Stichwahl – Jascha Rohr zu wenig bekannt ist und zu wenig fassbar. Den Ulf
kennt man ja schon länger.
Rohr ist ein Philosoph, der mit seinem Unternehmen
Bürgerbeteiligungsverfahren organisiert. Bis kurz vor der Wahl trug er das
Haupthaar noch wallend lang, wirkte in seinen Schriften mitunter esoterisch
und visionär-idealistisch; manchen erschien er guruhaft.
Die Grünen hätten auch die ehemalige Stadtbaurätin Gabriele Nießen
nominieren können. Sie wollte, kennt Verwaltungen von innen und ist
sattelfest in den wichtigen Themen Bauen und Verkehr. Sie wirkte manchen
bei den Grünen aber wohl zu eigenständig, also setzte sich eine Gruppe um
den Vorstand und Strippenzieher Hermann Neemann durch, bundesweit bekannt
als Steuerberater des windigen Reeders und verurteilten Betrügers Niels
Stolberg.
## Bürgermeister zwischen den Stühlen
Rohrs Problem: Die Grünen haben ihn nominiert, die CDU hat sich
angeschlossen. Das muss er jetzt unter einen Hut bringen – dabei agieren
beide Parteien diametral entgegengesetzt: die Grünen für [3][Tempo 30 auf
Hauptstraßen], die CDU dagegen. Die Grünen gegen das Stadion, die CDU
dafür. Die CDU für Baugebiete, in denen auch heute noch massiv
Einfamilienhäuser gebaut werden, die Grünen für andere Wohnformen. Rohr
könnte dazwischen zerrieben werden.
CDU-Fraktionschef Christoph Baak beschimpfte die Grünen wegen der
Einfamilienhausfrage auf Instagram kürzlich mal wieder als Verbotspartei.
Auf die Frage eines Interessierten nach dem gemeinsamen OB-Kandidaten
schreibt er, ja, man hätte „zufällig denselben“. Wenn da mal Gedanken an
eine gemeinsame Zukunft gewesen sein sollten – längst zerstoben.
Den gemeinsamen Kandidaten wird das Unüberbrückbare schwächen. Niemand wird
Interesse an dem Experiment haben, zwei konträre Partner über einen
Politneuling als Oberbürgermeister zusammenhalten zu wollen. Es läuft dann
also auf den SPD-Mann Prange hinaus. [4][Krogmann], jetzt mit Rauschebart.
In einer älteren Version dieses Artikels hieß es, nur die Grünen hätten
gegen den Bau eines neuen Stadions gestimmt. Neben den Grünen haben sich
jedoch auch die Einzel-Ratsmitglieder Vally Finke (parteilos, vormals SPD)
und Andreas Sander (damals Piraten) gegen den Neubau eines Stadions
ausgesprochen.
31 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neues-Stadtmuseum-in-Oldenburg/!6184367
(DIR) [2] /Haushaltsstreit-in-Oldenburg/!6154361
(DIR) [3] /Verkehrssicherheit-auf-Berliner-Strassen/!6199108
(DIR) [4] https://www.oldenburg.de/startseite/rathaus/politik-verwaltung/oberbuergermeister.html
## AUTOREN
(DIR) Felix Zimmermann
## TAGS
(DIR) Oldenburg
(DIR) Niedersachsen
(DIR) Oberbürgermeisterwahl
(DIR) Kommunalwahl
(DIR) Bündnis 90/Die Grünen
(DIR) SPD
(DIR) CDU
(DIR) Oldenburg
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) AfD Oldenburg vor der Stadtratswahl: Nazi-Influencerin geht, Hass bleibt
Die selbsternannte „Teenage-Nazi“ Miriam Alexandra Tański ist nach einem
taz-Bericht aus der AfD ausgetreten. Ganz freiwillig geschah das nicht.
(DIR) Oldenburger Polizeiopfer Lorenz A.: Gericht vermutet putative Notwehr
Der Fall des erschossenen Lorenz A. geht vor Gericht. Das deutet an, dass
der schießende Polizist in vermeintlicher Notwehr gehandelt haben könnte.
(DIR) Oldenburg gönnt sich ein Stadion: Erstklassiger Bau für viertklassige Kicker
Oldenburgs Stadtrat sagt Ja zum Bau eines Fußballstadions. Schon vor dem
Spatenstich liegen die Kosten über dem Budget. Und Genehmigungen fehlen
noch.