# taz.de -- Kreuzberger Nachbarschaft: Rapunzel
       
       > Nichts und niemand kann Rapunzel aufhalten, sich die Haare zu kämmen. Ein
       > Privatschauspiel im Innenhof.
       
       Jeden Morgen geht meine Nachbarin im Haus gegenüber auf den Balkon, um sich
       die Haare zu kämmen. Ich stehe hinter dem Fenster und beobachte sie. Seit
       ich entdeckt habe, dass sie immer auf den Balkon gehen muss, um sich zu
       bürsten, versuche ich, zu jeder Jahreszeit, an jedem Morgen, an dem ich in
       der Küche stehe und Kaffee koche, Zeugin dieses Schauspiels zu werden. Die
       Haare der Nachbarin sind so lang, dass sie ihr bis weit über den Po
       reichen.
       
       Meine Nachbarin bürstet sich draußen, damit keine Haare in ihrer Wohnung
       landen. So lang sind ihre Haare, dass sie das ganze Wohnzimmer einnehmen
       würden, würde sie sich drinnen bürsten.
       
       Es ist eine Hygienemaßnahme. Die Nachbarin nimmt dabei Schnee, Eis und Wind
       in Kauf. Auch sengende Hitze hält sie nicht davon ab, ihren Balkon zu
       erklimmen. Ich denke: Wer schön sein will, muss leiden. Das wusste ich
       schon als Kind und brachte Erwachsene damit zum Lachen. Eine Vierjährige,
       die sagt „Wer schön sein will, muss leiden“. Es gefällt auch der
       Vierjährigen schon, die Erwachsenen zum Lachen zu bringen. Also wiederholt
       sie es, immer wieder: Wer schön sein will, muss leiden.
       
       Die langen Haare wehen der Nachbarin zurück ins Gesicht, der Schnee auch,
       sie bürstet stoisch weiter, wenn sie wieder nach drinnen kommt, sind ihre
       Haare entwirrt, aber regennass. Ich nenne sie, heimlich, Rapunzel. Genießt
       sie die Stimulation der Kopfhaut, den leicht ziependen Schmerz. Sehe ich
       mir einen Akt der Stimulation an, getarnt als profane Alltagsaktivität?
       
       Jeden Morgen sehe ich also Rapunzel beim Bürsten zu. Jeden Abend sehe ich
       sie auch. Sie balanciert die Zigarette in der einen Hand, wie eine
       Artistin: Sie kann rauchen und bürsten gleichzeitig, ohne, dass ihre Haare
       Feuer fangen.
       
       Ich verstecke mich als Voyeurin hinter dem Fensterrahmen. Ich meine, das
       stimulierende Gefühl der Bürstenborsten auf meiner eigenen Kopfhaut zu
       spüren.
       
       27 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Olga Hohmann
       
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