# taz.de -- Regierungskrise in Bremen: Antidiskriminierungsbeauftragte fällt durch
> Bremens rot-grün-rote Koalition bekommt für ihre Kandidatin, die
> Soziologin Devrimsel Deniz Nergiz, keine Mehrheit zustande. Das
> beschädigt das Bündnis.
(IMG) Bild: In der Bürgerschaft keine Mehrheit: Soziologin Devrimsel Deniz Nergiz wird vorerst nicht die Antidiskriminierungsstelle leiten
Seit 2022 gibt es in Bremen die Stelle einer
Landes-Antidiskriminierungsbeauftragten; seitdem ist sie unbesetzt. Nun
hatten Senat und Sozialdeputation mit der Soziologin Devrimsel Deniz Nergiz
eine geeignete Kandidatin für das Amt gefunden – doch in der
Bürgerschaftssitzung am Mittwoch ist sie völlig überraschend durchgefallen.
Das Ergebnis ist eine Niederlage für Nergiz, für die Stelle selbst – und
damit für ein Herzensprojekt der Linken – und kann die Stabilität der
rot-grün-roten Koalition in Bremen infrage stellen.
Die Vorab-Debatte in der Bürgerschaft zur Wahl der
Landes-Antidiskriminierungsbeauftragten im Nachhinein zu sehen, wirkt
bitter: Gezweifelt hatte offenbar niemand in der Koalition an einem Sieg
für die Kandidatin. Sofia Leonidakis, Fraktionsvorsitzende der Partei Die
Linke, freute sich sichtlich. „Heute bin ich in Feierlaune“, sagte sie
breit lächelnd, ein Meilenstein für die Antidiskriminierungsarbeit in
Bremen werde erreicht. Wenige Momente habe es in ihrer politischen Karriere
gegeben, „wo ich so überzeugt und so glücklich zur Urne geschritten bin“.
Ähnlich euphorisch und überzeugt klang die Rede von Sahhannim-Görgü Philipp
von den Grünen: „Heute ist ein guter Tag für die Antidiskriminierungsarbeit
in Bremen“, sagte sie. „Heute sollten wir vor allem froh sein, dass wir es
geschafft haben.“ Auch Mustafa Güngör, Fraktionsvorsitzender der SPD,
betonte, wie wichtig die Stelle für Bremen, für die Demokratie und die
Gesellschaft sein werde – und warb bei der Opposition für die Abstimmung an
der Urne um Unterstützung für die „hervorragende Kandidatin“. „Unsere
Stimmen hat sie sicher“, so Güngör zum Ende seines Redebeitrags.
Das ist nicht gut gealtert. Denn tatsächlich gab es Abweichler*innen –
allerdings aus der Regierungskoalition, gegen Nergiz. Am Ende stimmen nur
40 der 81 anwesenden Abgeordneten für die Kandidatin – bei 40 Gegenstimmen
und einer Enthaltung. Die rot-grün-rote Koalition war mit 44 Abgeordneten
in der Bürgerschaftssitzung vertreten – mindestens vier Menschen aus den
Koalitionsreihen haben also gegen die Fraktionsdisziplin verstoßen. Wer die
Abweichler*innen sind, ist unbekannt, die Wahl fand geheim statt. Alle
Beteiligten schienen vom Ergebnis überrascht zu sein.
## Stellenbesetzung schon vorher verflixt schwierig
Das Amt sei nun beschädigt, schreibt die FDP. Das stimmt – und ist
angesichts der Vorgeschichte der Stelle fast noch zu wenig. Denn die ist
vertrackt. Schon im Koalitionsvertrag der ersten rot-grün-roten Koalition
von [1][2019 war eine „unabhängige Antidiskriminierungsstelle“ vorgesehen].
Ab 2020 wurden Mittel im Haushalt reserviert, die gesetzliche Grundlage für
die Landes-Antidiskriminierungsstelle (LADS) schuf man 2022. Bei der
Bürgerschaft wurde sie angesiedelt, neben der Leitung sollten ursprünglich
vier weitere Stellen geschaffen werden.
Doch seitdem musste die erstellte [2][Unterseite beim Web-Auftritt der
Bürgerschaft] nicht groß aktualisiert werden: „Die Stelle ist bisher nicht
besetzt“, steht dort noch immer. Mehrfach war man drauf und dran, das zu
ändern: In einem ersten Bewerbungsverfahren war die Favoritin der Koalition
formal nicht am besten qualifiziert; ein gescheiterter Mitbewerber klagte
gegen die Personalentscheidung. Bevor das Verfahren 2024 entschieden wurde,
änderte die Koalition einfach das entsprechende Gesetz – gefordert wurde
von der künftigen Leitung nun explizit auch „Sachkunde im Bereich der
Antidiskriminierung“.
Das Bewerbungsverfahren begann damit neu – im Herbst 2024 konnte die
Sozialdeputation sich auf eine Leitung einigen. Doch Gülcan
Yoksulabakan-Üstüay, die [3][zuvor als Referentin für Diversity beim Land]
angestellt war, sagte aus gesundheitlichen Gründen ab.
Im Juni dieses Jahres war nun erneut ein Bewerbungsverfahren zu Ende
gegangen. Devrimsel Deniz Nergiz, die jetzt die Leitung übernehmen sollte,
hätte eigentlich über alle Zweifel erhaben sein müssen: Die Soziologin hat
zu Diskriminierungserfahrungen von Migrant*innen in der Politik
promoviert, hat Beratungsarbeit geleistet, und war mehrere Jahre lang als
Geschäftsführerin des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrats in einer
Führungsposition an einschlägiger Stelle.
Als Frau mit Migrationshintergrund und körperlicher Behinderung bringt sie
darüber hinaus auch biografisch eine intersektionale Perspektive mit. Und
schließlich ist sie als Professorin der Universität Hildesheim auch in
beamtenrechtlicher Hinsicht wie gemalt für den Posten, der mit B2 ziemlich
hoch eingestuft und besoldet ist.
Die Nicht-Wahl ist eine große Überraschung. In der Übertragung der
Bürgerschaftsdebatte hat die Kamera nach der Bekanntgabe des
Wahlergebnisses die schwer getroffene Nergiz eingefangen. Der
FDP-Abgeordnete Ole Humpich kritisierte später gegenüber Radio Bremens
TV-Magazin „buten un binnen“ vor allem diese persönliche Niederlage für
Nergiz. Alle Koalitionsfraktionen entschuldigten sich in ihren Statements
bei der Soziologieprofessorin.
Der Schaden geht aber darüber hinaus. Der zweite Wahlgang soll im September
stattfinden – wenn denn Nergiz noch einmal antritt. Und: wenn es die
Koalition dann noch in ihrer jetzigen Form gibt. Das ist sehr
wahrscheinlich, doch eine Selbstverständlichkeit ist es nicht; der
Vertrauensverlust wird allerorten als groß empfunden. Zur Tagesordnung
überzugehen scheint nicht leicht.
Die CDU spricht von einem Offenbarungseid für die Koalition – und hält es
für fraglich, ob diese wirklich bis zum Ende der Legislaturperiode
durchhält. Das ist einerseits das ganz übliche Beschwören einer solchen
Gefahr durch die Opposition. Doch auch in den Reihen der Koalition nimmt
man die misslungene Abstimmung sehr, sehr ernst.
Streit und unterschiedliche Grundüberzeugungen gab es in dieser
Legislaturperiode schon des Öfteren. Das Votum der Abweichler*innen, so
vermuten verschiedene Personen aus dem Umfeld der Bürgerschaft, sei wohl
keine Entscheidung gegen Nergiz, sondern eher ein Ausdruck dieser
Unzufriedenheit.
Leonidakis von den Linken spricht nach der gescheiterten Wahl von einem
„Schlag in die Magengrube für alle Betroffenen von Diskriminierung“. Seit
2011 arbeite sie persönlich für eine Landes-Antidiskriminierungsbeauftragte
für Bremen, hatte sie noch in der Debatte vor der Wahl erzählt. Der Schutz
vor Rassismus und anderer Diskriminierung sei in Zeiten des Rechtsrucks
essenziell. „Wir sind tief erschüttert, dass es in der Koalition Personen
gibt, die nicht derselben Überzeugung sind.“
Von einem bitteren Ergebnis und einer „großen Belastung für die Koalition“
spricht der grüne Fraktionsvorsitzende Emanuel Herold in seinem Statement
nach der Wahl. Güngör von der SPD wählt fast wortgleich die Formulierung
„hohe Belastung für die Koalition“. „Wir werden sehr ernst und schonungslos
darüber in den entsprechenden Gremien zu reden haben“, so der
Fraktionsvorsitzende.
Die SPD ist dabei besonders gefragt: Innerhalb der Koalition war das
Projekt in der Vergangenheit, insbesondere bei den Sozialdemokraten,
umstritten. Für die Linke war es eher ein Herzensprojekt, auch die Grünen
hatten sich zuletzt öffentlich sehr für die
Landesantidiskriminierungsstelle starkgemacht.
27 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neue-Beratungsstelle-in-Bremen/!5693193
(DIR) [2] https://www.bremische-buergerschaft.de/index.php?id=762&noMobile=1
(DIR) [3] http://www.staatklar.org/artikel/diversity-managemet-oeffentlicher-dienst.html
## AUTOREN
(DIR) Lotta Drügemöller
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