# taz.de -- Graphic Novel „Glaub mir“: In der Tiefe des familiären Medizinschranks
       
       > Was religiöse Orthodoxien im Leben junger Menschen anrichten können.
       > Jutta Pilgram erinnert nicht nur im Zeichenstil an Marjane Satrapi.
       
 (IMG) Bild: Abbildung aus Jutta Pilgram „Glaub mir“
       
       Volleyball spielen mit den Jungs aus der Nachbarschaft? Nein, darauf haben
       Regina, Malika und deren beider Geschwister nicht die geringste Lust. Sie
       frönen einer ganz anderen Leidenschaft. Eine schlichte Garage verwandelt
       sich für sie abwechselnd in eine Kirche und eine Moschee.
       
       Mal ist es Justus, Reginas Bruder, der als Priester eines katholischen
       Gottesdienstes fungiert; als Hostienersatz dienen kreisrund ausgeschnittene
       Papierstückchen. Mal ist es Hamid, Malikas Bruder, der den Iman gibt und
       laut vorzubeten beginnt, während sich die anderen kniend bis zum Boden
       verneigen: „Dir allein dienen wir, und zu dir allein flehen wir …“
       
       „Glaub mir“ spielt in der Neubausiedlung einer namenlosen deutschen
       Großstadt, Anfang der 1990er. Reginas Eltern waren wohl bis zum Umzug in
       diese Gegend Mitglieder einer freikirchlichen Splittergruppe, deren
       Fundamentalismus sie schließlich nicht mehr ertrugen.
       
       Die Mutter allerdings trauert dieser Zeit immer noch nach und fragt sich,
       von Gewissensbissen geplagt, ob sie nicht eine falsche Entscheidung
       getroffen habe – zumal sich an ihrer extremen Religiosität nichts geändert
       hat. Sehr fromm sind auch Malikas aus Ägypten stammende Eltern: Der Ramadan
       wird selbstverständlich eingehalten, und es wird fünfmal täglich gebetet.
       
       ## Rigide religiöse Praxis
       
       Zwei Welten sind es also, die in diesem Comic aufeinanderprallen und eine
       Zeit lang sehr gut miteinander harmonieren. So unterschiedlich sie auf den
       ersten Blick scheinen, verbindet sie in Wahrheit nämlich die Rigidität der
       religiösen Praxis, zu der auch eine ausgeprägte Körperfeindlichkeit gehört.
       
       Eine Frau, die ihre Tage hat, gilt als „unrein“ und darf den Koran nicht
       berühren, erklärt Malika, und Reginas Mutter versteckt alle Binden und
       Tampons in der Tiefe des familiären Medizinschranks. Ihr Argument: „Muss ja
       nicht jeder gleich sehen.“
       
       Aus dem Bewusstsein, anders aufzuwachsen, als es bei Mädchen zu Beginn der
       Pubertät sonst der Fall ist, ziehen Regina und Malika einen an Hochmut
       grenzenden kompensatorischen Stolz. Die religiöse Vorstellungswelt
       beflügelt ihre noch kindliche Fantasie, wenn sie mit ihren Geschwistern in
       einem Wäldchen ein Lager einrichten, das sie als ihr „Paradies“ bezeichnen,
       „unser Land, in dem Milch und Honig fließen“, wie Regina sagt.
       
       Und Malika ergänzt: „Unser Haus ist aus Gold und Silber, aus Perlen und
       Saphiren.“ Je älter die beiden werden, desto misstrauischer beäugen aber
       die Eltern diese Freundschaft und arbeiten auf deren Scheitern hin. Erst
       zehn Jahre später, in der Rahmenhandlung, begegnen sich Regina und Malika
       zufällig erneut.
       
       ## Orthodoxien aller Richtungen
       
       Glaubensübergreifend zeigt der Comic, was religiöse Orthodoxien in Familien
       und im Leben junger Menschen anrichten können. Jutta Pilgram, die „Glaub
       mir“ geschrieben und gezeichnet hat, verneint im Presseheft eine direkte
       autobiografische Motivation, auch wenn sie selbst in einem sehr
       christlichen Umfeld aufgewachsen sei.
       
       Parallelen sieht sie aber durchaus zu ihrer früheren, langjährigen
       Tätigkeit als Redakteurin der Süddeutschen Zeitung: Auch für diesen Comic
       habe sie gründlich recherchiert, und „die Masse an Material“ dann in
       Bildsequenzen zu übertragen, ähnele „dem Konzipieren eines langen
       Artikels“. Neu sei für sie „das Entwickeln eines Plots“ gewesen; das habe
       sie schließlich nicht gelernt. Aber auch in dieser Hinsicht hat Pilgram
       sich gut geschlagen; nur der Schluss des Comics ist etwas unvermittelt.
       
       Als wichtigstes Vorbild nennt Pilgram [1][Marjane Satrapi, die Zeichnerin
       von „Persepolis“.] An deren Schwarz-Weiß-Stil darf man sich hier auch
       erinnert fühlen, mit dem Unterschied, dass Pilgrams Figuren oft nur aus
       dickgezogenen Konturen bestehen – ein Minimalismus, dessen leicht naive
       Anmutung sicherlich Absicht ist. Denn Pilgram kann auch ganz anders:
       Erinnerungen, Albträume und Fantasien zeichnet sie sehr kunstvoll,
       detailfreudig mit feinen weißen Strichen vor tiefschwarzem Hintergrund.
       
       Das schaut fast aus wie Schabkarton, ist aber, wie der gesamte Comic, am
       Tablet entstanden. In diesem Stilwechsel spiegelt sich die Doppelung, die
       für Reginas und Malikas Leben typisch ist: einerseits sind sie ganz normale
       Jugendliche, andererseits gefangen in zugleich überwältigenden und
       furchteinflößenden Bildwelten.
       
       2 Sep 2026
       
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