# taz.de -- Comic Hommage: Der heilige Gral der Western-Comics
> Hommage-Bände setzen „Blueberry“ sowie Lucky Luke, die großen
> Western-Figuren der Comic-Kunst, neu in Szene. Nicht alles ist dabei
> restlos gelungen.
(IMG) Bild: Lucky Luke gezeichnet von Reinhard Kleist für den Lucky Luke Hommageband „Die Grimm Brothers“
Achtzig Jahre alt ist Lucky Luke inzwischen. Für eine berühmte Comic-Figur
ist das eine respektable, aber keineswegs ungewöhnliche Lebensdauer. Blake
und Mortimer, das von Edgar P. Jacobs erfundene Abenteurerduo, ist genauso
alt. Superman gibt es seit 1938, Batman seit 1939, und Hergés Tim kann in
drei Jahren sogar den 100. Geburtstag feiern. Mit Ausnahme der zuletzt
genannten werden alle diese Serien – und es ließen sich viele weitere
aufzählen – regelmäßig fortgesetzt.
Trotz ihrer ungebrochenen Popularität ist es allerdings schwierig, in ihnen
nicht bloß Bekanntes wiederzukäuen. Im französischen Sprachraum hat sich
daher die Tendenz durchgesetzt, im Umgang mit Figuren, die eine zugleich
glorreiche und belastende Tradition besitzen, mitunter radikale Brüche zu
wagen. Ein eklatantes Beispiel hierfür sind die „Spirou“-Alben von Émile
Bravon, die im von Nazideutschland besetzten Belgien des Zweiten Weltkriegs
spielen.
Undenkbar wäre früher auch gewesen, dass deutsche Künstler ihre Version
frankobelgischer Klassiker präsentieren dürfen. Viermal war dies bereits
der Fall, mit „Spirou in Berlin“ (2018) [1][und dem Marsupilami-Abenteuer
„Das Humboldt-Tier“ (2022)] von Flix sowie den „Lucky Luke“-Alben von Mawil
(2019) und Ralf König (2021). Für Reinhard Kleist hat Flix nun ein Szenario
geschrieben, in dem der Lonesome Cowboy auf Jacob und Wilhelm Grimm trifft.
## Jacob und Wilhelm Grimm in dern USA
Die beiden sind in die USA gereist, um dort Lesungen aus ihren „Kinder- und
Hausmärchen“ zu veranstalten. Nachdem sie frustriert festgestellt haben,
dass sich dafür niemand interessiert, kommt ihnen eine, wie sie meinen,
rettende Idee: Sie wollen amerikanische Märchen sammeln.
Nach einigen gescheiterten Versuchen führt Lucky Luke die Grimms zu Ma
Dalton, die den ahnungslosen Professoren jedoch eine gewaltige
Lügengeschichte auftischt, indem sie ihre missratenen Söhne „als die
prächtigsten und anständigsten Jungs, die der Wilde Westen hervorgebracht
hat“, schildert. Als diese davon erfahren, sind sie nicht gerade begeistert
– schließlich wollen sie als Banditen allseits gefürchtet werden.
Dass reale historische Figuren in „Lucky Luke“, auftreten, ist keine
Novität. Bei den „Grimm Brothers“ kommt hinzu, dass sie als deutsche
Stubenhocker in eine Welt geraten, die ihnen völlig fremd ist. Dieser
Culture Clash ist ein klassisches Komödienmotiv – die Gags, die Flix aus
ihm generiert, sind allerdings recht vorhersehbar.
## Luke spielt Hans im Glück
Unterhaltsam sind dagegen die Anspielungen auf Märchen: Wie Hans im Glück
tauscht Luke alles Mögliche gegeneinander, und gegen Ende schlägt Jolly
Jumper mit einem furiosen Auftritt nach Vorbild der Bremer Stadtmusikanten
gleich eine ganze Horde Outlaws in die Flucht. Die Bilder Reinhard Kleists
orientieren sich an Morris, sind dank eines lockereren, etwas kratzigen
Strichs aber durchaus eigenständig.
Einen anderen Zugang wählen Appollo (Text) und Brüno (Zeichnungen) in ihrer
„Lucky Luke“-Hommage „Dakota 1880“. Hier ist Luke der bewaffnete Begleiter
einer Postkutsche, die vom Norden der USA nach Kalifornien unterwegs ist.
Erzählt wird diese Reise überwiegend aus der Perspektive eines jungen
Afroamerikaners, der als Kind schon einmal auf den Cowboy getroffen ist und
sich ihm nun anschließt.
Das ganze Album ist im Grunde eine Folge von Begegnungen, darunter mit zwei
ebenfalls realen Gestalten: der legendären Scharfschützin Annie Oakley und
dem Politiker Louis Riel, der als Anführer der Métis, der Nachfahren
europäischer Kolonisatoren und deren indigener Frauen, gegen die kanadische
Bundesregierung rebellierte. Hinzu kommen unter anderem eine junge Frau,
die zu ihrem Ehemann, einem Kavallerieoffizier, reist, und zwei erbittert
miteinander verfeindete Avantgardepoeten.
## Man hätte gerne mehr erfahren
Angesichts von sieben Kapiteln und einem Epilog, die sich auf insgesamt
gerade 51 Seiten verteilen, fallen die einzelnen Episoden recht kurz aus.
Zum Teil zu kurz, vor allem die Kavallerieepisode und eine andere, in der
Luke mit einem sehr energischen Einsatz eine junge Prostituierte vor einem
brutalen Saloonbesitzer beschützt, wirken wie Splitter eines größeren
Ganzen, von dem man gerne mehr erfahren hätte.
Was das Album rettet, sind die von der Ligne claire inspirierten
Zeichnungen Brünos, vor allem aber die vorzügliche Kolorierung von Laurence
Croix: blauweiße Winterlandschaften; graugrün und trostlos, eine Prärie im
Dauerregen; in dunkel glühendem Rot und tiefem Schwarz ein brennendes Haus,
ein brennender Wald; das Monument Valley, leuchtend wie ein außerirdischer
Wüstenplanet von Moebius.
Von Neudeutungen fast völlig verschont geblieben ist „Leutnant Blueberry“.
Um sich an diesen Heiligen Gral der Western-Comics zu trauen, braucht es
auch erheblichen Mut. Selbst wenn große Talente sich ihrer annehmen, kann
eine Revision gründlich schiefgehen – so in dem von Joann Sfar
geschriebenen und von Christophe Blain gezeichneten Album „Das Trauma der
Apachen“ (2019).
## "Auf den Spuren von Blueberry"
Der in übergroßem Prachtformat erschienene Band „Auf den Spuren von
Blueberry“ versammelt jetzt auf rund 120 Seiten Beiträge von nicht weniger
als 28 Zeichnern und einer Zeichnerin, von denen sechs mit einem
Szenaristen zusammengearbeitet haben.
Gerade die renommierten Namen unter ihnen enttäuschen. Dominique Bertail
bleibt weit unter der hohen Qualität, die man von ihm aus seinen
dokumentarischen Alben über eine berühmte Résistancekämpferin im
okkupierten Frankreich („Madeleine, die Widerständige“) gewohnt ist.
Michel Blanc-Dumont belässt es dabei, seinen Helden, den Trapper Jonathan
Cartland, mit Blueberry die Hände schütteln zu lassen. Enrico Marini hat
wohl vor allem Spaß daran gehabt, eine dominant auftretende Pin-up-Version
von Chihuahua Pearl zu zeichnen.
## Anhaltende Faszinationskraft
Das grundsätzliche Problem ist aber auch hier die Kürze der Geschichten. Im
Gegensatz zu Genres wie Crime, Horror oder Humor taugt der Western im Comic
nicht für ein paar Seiten, die in eine Pointe münden. Sein Reiz liegt in
der Entfaltung, im Epischen – und abgesehen von den genialen Zeichnungen
Jean Girauds beruht [2][die anhaltende Faszinationskraft von „Leutnant
Blueberry“] darauf, dass Jean-Michel Charlier sich bei seinen Szenarios
meisterhaft darauf verstand, Handlungsbögen, die über mehrere Alben
reichen, zu konstruieren.
So löst die Lektüre von „Auf den Spuren von Blueberry“ vor allem einen
Wunsch aus: sich wieder einmal in das Original zu vertiefen.
6 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christoph Haas
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