# taz.de -- Coesfelder Liste: Die 471 Fälle von Köln
> Die Stadt Köln muss sich wegen einer Liste mit ausreisepflichtigen
> Personen erklären. Der Vorwurf: Abschiebungen wurden verhindert. Doch der
> Fall ist komplizierter.
(IMG) Bild: Migrant*innen auf der Domtreppe in Köln (Symbolbild)
471 Namen stehen auf einer Excel-Tabelle, die seit Anfang August in Köln
für Aufregung sorgt. Als Dîlan Yazicioglu, stellvertretende
Fraktionsvorsitzende der Grünen im Kölner Rat, zum ersten Mal von der
sogenannten Coesfelder Liste hört, beschäftigt sie vor allem, was hinter
dieser Excel-Tabelle steht: „Hinter jedem Namen stecken verschiedene
Menschen, Schicksale, ein eigenes Leben und eine eigene Vergangenheit.“ In
der politischen Debatte, sagt sie, werde genau das unsichtbar gemacht.
Die Liste steht im Zentrum eines Streits darüber, ob die Stadt Köln
Abschiebungen verhindert hat – und was an diesem Vorwurf tatsächlich dran
ist. Im November 2024 schickte die Zentrale Ausländerbehörde (ZAB) Coesfeld
dem Kölner Ausländeramt eine Liste mit 471 vollziehbar ausreisepflichtigen
Menschen aus mehreren Westbalkanstaaten. Ihnen fehlten unter anderem
Reisedokumente. Coesfeld bot im Auftrag des Landes Hilfe bei der
Beschaffung von Passersatzpapieren an, um ein mögliches Hindernis für
Rückführungen beseitigen.
Als der Kölner Stadt-Anzeiger den Vorgang im August 2026 öffentlich machte,
schien es zunächst, als habe Köln das Angebot pauschal abgelehnt. Die für
das Bleiberechtsprogramm zuständige Stelle schrieb im November 2024,
Passersatzpapiere seien nicht nötig. Stattdessen wolle man die Geduldeten,
die teils seit Jahren in Deutschland leben, bei einer dauerhaften
Bleibeperspektive unterstützen.
Es folgte ein politischer und medialer Aufschrei. Kritiker warfen der Stadt
vor, Abschiebungen bewusst verhindert und geltendes Recht missachtet zu
haben. CDU-Bundestagsabgeordneter Detlef Seif sprach von einer „eklatanten
Missachtung bundesgesetzlicher Vorgaben“. Schnell war vom „Kölner
Abschiebeskandal“ die Rede.
## Ungewöhnliche Kommunikation
Eine erste Zwischenbilanz der Stadt zeigt ein komplexeres Bild. Laut
Verwaltung war schon der Kommunikationsweg ungewöhnlich: Coesfeld wandte
sich direkt an die Kölner Ausländerbehörde, obwohl solche Anfragen
normalerweise über Ministerium und Bezirksregierung laufen. Die einzige
Rückmeldung an die ZAB Coesfeld kam aus dem Bleiberechtsprogramm, das
jedoch nur für 218 Personen auf der Liste zuständig war. Die beiden anderen
zuständigen Bereiche fragten bei der Bezirksregierung nach, antworteten
Coesfeld aber nicht. So entstand aber der Eindruck, Köln habe das Angebot
für alle 471 abgelehnt. [1][Stadtdirektorin Dörte Diemert nennt den Ablauf
„missverständlich und unglücklich“].
Doch viele Fragen bleiben offen: Warum wurde die Anfrage nicht zentral
beantwortet? Warum reagierte das Rückführungsmanagement nicht? Und wie
entschied man in den einzelnen Fällen? Unklar ist auch, wie viele der 471
Menschen im November 2024 tatsächlich hätten abgeschoben werden können.
Denn ausreisepflichtig zu sein bedeutet nicht automatisch, dass eine
Abschiebung möglich ist. Passersatzpapiere beseitigen ein Hindernis, aber
nicht alle.
Als die Coesfelder Liste Köln erreichte, wurden 218 der Betroffenen im
Bleiberechtsprogramm betreut. Inzwischen hat die Stadt dies in 40 Fällen
widerrufen. Aus welchen Gründen, teilt sie nicht mit. Das Programm richtet
sich vor allem an langjährig Geduldete. Rom e.V., Caritas, Diakonie und
Flüchtlingsrat unterstützen sie dabei, die Voraussetzungen für einen
gesicherten Aufenthalt zu erfüllen. Schwere Straftaten können einer
Bleibeperspektive entgegenstehen. Yazicioglu warnt deshalb davor, die 471
Menschen wie einen einheitlichen Fall zu behandeln. Abschiebungen und die
Aufnahme ins Bleiberechtsprogramm würden im Einzelfall entschieden.
Trotzdem verschob sich die Debatte zunehmend auf Straftäter. Der Kölner
Stadt-Anzeiger berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise, 152 der 471
Personen hätten seit November 2024 Straftaten begangen. Die Stadt konnte
diese Zahl bisher nicht bestätigen. Unklar bleibt auch, wie viele bereits
vor Erstellung der Liste straffällig waren und ob sie damals hätten
abgeschoben werden können.
## Antiziganistische Berichterstattung
Zugleich rückte in Teilen der Berichterstattung die ethnische Zugehörigkeit
in den Vordergrund. [2][Die Welt etwa titelte]: „Skandal um
ausreisepflichtige Roma“, und schrieb, Köln habe die Abschiebung
„straffälliger und ausreisepflichtiger Roma“ verhindert. Dabei war die
Coesfelder Liste keine Roma-Liste, sondern nach Herkunftsstaaten des
Westbalkans zusammengestellt. Wie viele der 471 Menschen Roma sind, ist
unbekannt.
Rom e.V., einer der Träger des Bleiberechtsprogramms, vermutet jedoch, dass
ein großer Teil eine Roma-Familiengeschichte hat. Einige der Betroffenen
verfolgten die Berichterstattung mit Sorge, sagt Ruždija Sejdović, Sprecher
des Vereins. Teile der Berichte nehme Rom e.V. als „Angriff auf Roma“ wahr.
Auch Yazicioglu kritisiert den Ton der Debatte: „Als wäre es weniger
schlimm, antiziganistisch zu sein.“
Die vier Träger des Bleiberechtsprogramms warnen [3][in einem offenen
Brief] davor, Vermutungen als Tatsachen darzustellen und Sachverhalte
miteinander zu verbinden, die nicht zwangsläufig zusammengehörten. Sie
fordern, die laufende Prüfung abzuwarten und die Fälle auf Grundlage
gesicherter Tatsachen zu bewerten.
Am 2. September befasst sich der Kölner Rat erneut mit der Coesfelder
Liste. Fluchtministerin Verena Schäffer (Grüne) hat zudem Berichte von
Stadt und ZAB Coesfeld angefordert und Innenminister [4][Herbert Reul]
(CDU) um Amtshilfe gebeten. Im Integrationsausschuss des Landtags will sie
zudem über den Sachstand und weitere Schritte berichten. Bei der Kölner
Staatsanwaltschaft liegen zehn Strafanzeigen vor. Sie prüft, ob
strafrechtlich relevantes Fehlverhalten vorliegt.
31 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.ksta.de/koeln/liste-coesfeld-koeln-raeumt-fehler-bei-auslaenderbehoerde-ein-1353523?utm_source=chatgpt.com
(DIR) [2] https://www.welt.de/debatte/article6a75bf9ac07f6c2f0803593a/koelner-stadtverwaltung-hat-die-abschiebung-straffaelliger-und-ausreisepflichtiger-roma-verhindert.html?utm_source=chatgpt.com
(DIR) [3] https://www.romev.de/wp-content/uploads/Fuer-Recht-und-Humanitaet-Offener-Brief-Traeger-2026.pdf
(DIR) [4] /Herbert-Reul/!t5274916
## AUTOREN
(DIR) Laura Verseck
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