# taz.de -- Zum Gedenken an Gunter Hampel: „Ich träume von Musik und spiele sie dann auch“
       
       > Wenige Wochen vor seinem Tod hat der Jazzmusiker Gunter Hampel der taz
       > ein Interview im Beisein seiner Tochter Cavana gegeben. Die taz druckt
       > das Gespräch postum mit ausdrücklicher Erlaubnis der Familie.
       
 (IMG) Bild: Gunter Hampel wirbelt über das Vibrafon, an seinem 86. Geburtstag am 31. August 2023
       
       Am 31. August 2026 (seinem Geburtstag) wird in Berlin bei zwei
       Gedenkveranstaltungen an Gunter Hampel und seine Musik gedacht. Hampel ist
       am 18. Mai 2026 in Berlin gestorben, das Gespräch fand im April statt,
       wenige Tage nach seinem letzten Konzert am 25. März. 
       
       taz: Gunter Hampel, den meisten sind Sie als Jazzvibrafonist bekannt. Sie
       spielen auch Bassklarinette, Tenorsaxofon und Piano. Als ich Sie im
       Berliner „Kühlspot Social Club“ vor kurzem live gesehen habe, haben Sie zum
       Beat eines Schlagzeugers improvisiert und blieben bis zum Ende im Flow. Was
       passiert da genau mit Ihnen? 
       
       Gunter Hampel: I’m cooking something, da kocht was. Die Musik geht nicht
       nur hier rein (zeigt auf seine Ohren) und da raus, sie hinterlässt einen
       Eingang und einen Ausgang. Es ist schön, wenn MitmusikerInnen dann auf
       diese Wellenlänge kommen.
       
       taz: Wie veranschaulichen Sie die Noten? 
       
       Gunter Hampel: Mein Gehirn ist wie das Universum. Wenn man nach oben kuckt,
       sieht man Sterne und merkt, dass da irgendwas los ist.
       
       taz: Sitzt da eine höhere Macht? 
       
       Gunter Hampel: [1][Ja. Das ist so aufregend, wenn man es merkt.]
       
       taz: Sie haben gerne mit großen Ensembles gespielt, etwa in der Galaxie
       Dream Band … Der Name deutet Richtung Weltraum. Was hat es mit dem
       Kosmischen auf sich?
       
       Gunter Hampel: Wissen Sie, was auf diesen weit entfernten Planeten abgeht?
       Man kann es sich nur vorstellen, weil wir ja nicht selbst hinkommen. Wir
       haben also unserer interplanetarischen Vorstellung gemäß gespielt. Nicht
       nach Schema F. Und dann ist etwas mit uns passiert, das lässt sich in der
       Musik hören.
       
       taz: Kann man mit Musik in den Weltraum reisen? 
       
       Gunter Hampel: Na ja, jeder Ort hat doch Zwielichter, die etwas vermitteln,
       was vielleicht gar nicht da ist. Die Weiten des Weltraums blinkten
       jedenfalls in unserer Musik immer auf.
       
       taz: Aus Ihrer Musik spricht gutes Karma. Woher nahmen Sie die Überzeugung,
       dass sich die Dinge letztlich zum Guten wenden? Mit Ihrer Frau Jeanne Lee
       haben Sie ja Musik entworfen, die man als afrofuturistisch bezeichnen
       könnte. Sie beide kamen zusammen, als die Schwarzen in den USA
       gesellschaftlich noch stark ausgegrenzt und benachteiligt waren. 
       
       Cavana Lee-Hampel: [2][Afrofuturismus] drang zuerst aus der Musik und
       Philosophie von Sun Ra, als Begriff gab es ihn in den 1960er und 1970ern so
       noch gar nicht, jedenfalls nicht im Umfeld meiner Eltern. [3][Wobei – die
       Grundlagen dafür waren längst gelegt].
       
       Gunter Hampel: Und vergiss Afrika nicht! Das war in den 1960er Jahren ein
       Sehnsuchtsort für den Jazz. Die Schwarzen haben danach geforscht, woher
       ihre Vorfahren einst in die USA verschleppt worden waren. Dann wollten sie
       diese Gegenden selbst sehen oder wenigstens musikalisch verewigen.
       
       taz: Als Sie Jeanne Lee geheiratet haben, gab es noch kaum Ehen zwischen
       Schwarzen Amerikanerinnen und weißen Deutschen. Wie war das für Sie? 
       
       Gunter Hampel: [4][Ach, wir haben damals gar nicht so darüber nachgedacht.]
       
       taz: Zur Einstimmung auf unser Gespräch habe ich das Album „Oasis“ gehört,
       das Sie zusammen mit Ihrer Frau 1979 veröffentlicht haben. Zu hören ist
       Jeanne Lees Gesang und Ihr Vibrafon. Was passierte, als Sie beide
       miteinander gespielt haben? 
       
       Gunter Hampel: Wenn du Menschen triffst, mit denen du so was machen kannst,
       bist du im Himmel! Da fragst du nicht nach dem Grund, da legst du einfach
       noch 'ne Schippe drauf.
       
       taz: Ihr Großvater und Ihr Vater waren ebenfalls musikbegeistert und Sie
       haben im Kindesalter Quetsche gespielt und Klavier, richtig? 
       
       Gunter Hampel: Das kann man so stehen lassen! Mir hat Musik auch deshalb
       imponiert, weil mein Vater als Hobbymusiker den ganzen Tag rumgekloppt hat.
       Er hat sich ans Klavier gesetzt und es ging eine andere Welt auf. Musik war
       von Kindesbeinen so zentral, ohne sie konnte ich gar nicht leben. Wir
       hatten ein schönes Wäldchen, unweit meines Elternhauses in Göttingen. Ich
       nahm da oft eine Flöte mit und spielte mit dem Wind, den Bäumen und den
       Vögeln.
       
       Cavana Hampel: Gunters Großvater kam aus dem [5][Erzgebirge]. Er war
       Spielzeughersteller. Das Spielerische kommt von daher. Bei uns zu Hause war
       Jazz nie so ernst, völlig anders gelagert als überall sonst, wo wir die
       Musik als Kinder mitbekommen hatten. Beide Eltern hatten einen besonderen
       Draht zum Spielerischen. Das hatte mit der Herkunft zu tun, aber auch mit
       den Bedingungen, unter denen Gunter aufgewachsen war. Seine Fähigkeit zum
       Zuhören war in seiner Kindheit in Göttingen überlebenswichtig. Der Wille,
       die Gewalt und den Krieg durch Musik auszublenden. Das Spielerische war
       eine Antwort auf das Brutale. Schon als Kind habe ich mitbekommen, wie die
       Skepsis der Menschen gewichen ist, sobald sie Gunter zugehört haben. Wenige
       Töne und sie sind mit ihm auf seine Frequenzen abgetaucht.
       
       taz: 1945, wenige Tage nach Kriegsende haben Sie die U.S. Army am
       Straßenrand mit einem Ständchen begrüßt. Da kam es doch zu einer Begegnung? 
       
       Gunter Hampel: Ja, da hielt ein Schwarzer GI auf einem Jeep an. Ich war
       begeistert, weil er einfach nur zugehört hat. Der hat nicht gesagt, spiel
       das oder das. Dann ist er zum Wagen und hat eine Gitarre geholt und hat mit
       mir gespielt. Jammen, das Wort kannte ich da noch gar nicht.
       
       taz: Als Sie jung waren, gab es bald zwei deutsche Staaten und einen
       Eisernen Vorhang.
       
       Gunter Hampel: Göttingen lag nahe der Zonengrenze. Es war mir schnell zu
       eng, ich musste da weg, kam zeitweilig auch gerne zurück. Ich habe mich
       immer zu den Freigeistern der Gesellschaft hingezogen gefühlt. Grenzen
       bedeuten mir nichts.
       
       taz: Sie haben den US-Jazzer Eric Dolphy in Paris persönlich kennengelernt.
       Ein Saxofonist, Klarinettist und Flötist, der Traditionelles mit
       Unorthodoxem verbunden hat, einerseits dem Blues und Charlie Parker
       verpflichtet, andererseits schon Freejazz. Er hat in seinem Spiel früh
       Natur und Tiere imitiert. 
       
       Gunter Hampel: Bevor ich ihn persönlich kannte, war ich bereits sein Fan,
       weil er um 1960 schon einen Schritt weiter war als alle anderen. Ich
       verdanke ihm den Hinweis auf die Bassklarinette. Die Bassklarinette ist ein
       Instrument, das sehr vielseitig ist. Ich konnte mir das nicht vorstellen.
       Ein Jammer, dass Eric so früh verstorben ist.
       
       Cavana Hampel: Gunter hat [6][Dolphy] 1962 in Paris kennengelernt, als
       Dolphy mit Charles Mingus gespielt hat. Dann gab es eine Gartenparty mit
       Jamsession, bei der sie Instrumente getauscht haben. Dolphy spielte Gunters
       Vibrafon und er spielte dessen Bassklarinette.
       
       taz: Sie sind dann Ende der 1960er Jahre zu Ihrer Frau nach New York
       gezogen. 
       
       Gunter Hampel: Unsere Wohnung lag in der East 11th Street im East Village
       und wurde zum Treffpunkt der Loftszene. Sie war nicht weit vom Jazzclub
       „Sweet Basil“ in der 7th Avenue entfernt. Schwarze und weiße Musiker haben
       dort gejammt, das war damals noch längst nicht alltäglich.
       
       taz: Sie haben gerne getanzt. Ihre Frau hat getanzt. Ihre Tochter tanzt.
       Musik und Tanz laufen immer gemeinsam. Was bedeutet Tanz für Sie? 
       
       Gunter Hampel: Tanz ist reine Bewegung.
       
       taz: War diese Verbindung ganz selbstverständlich? 
       
       Gunter Hampel: Diese besondere Symbiose von Musik und Tanz war schon in der
       Familie von Jeanne. Sie haben in der Bronx gelebt, der Alltag dort hatte so
       eine Wucht, dass sich das einfach in Jazz und im Tanz entladen hat.
       
       taz: Wie kamen Sie auf den Albumtitel: „Alle Dinge, die ich tun würde, wenn
       Charlie Mingus mein Vater wäre“? Ein Doppelalbum, das nicht nur wegen sein
       Titels fulminant klingt. 
       
       Gunter Hampel: Man träumt manchmal von einer Musik und man spielt die dann
       auch. Zwischen dem, was in der Traumwelt passiert, und dem, was sich in der
       Wirklichkeit ereignet, liegen Unterschiede, die machen gerade den Reiz aus.
       Ich habe schon als Kind von Musik geträumt, konnte sie aber noch nicht
       umsetzen, das kam erst später.
       
       taz: Sie haben als einer der Ersten in Europa frei gespielt, die Jazzregeln
       der 1950er erweitert. War das mit Konflikten verbunden? 
       
       Gunter Hampel: Freejazz ist zu mir gekommen. Den Begriff Freiheit mögen in
       Deutschland ja nicht alle. Frei atmen zu können, das war in der Hitler-Zeit
       unmöglich. Frei war es später in allen Bereichen, nicht nur im Jazz. Ich
       habe auch mit dem zeitgenössischen Komponisten Hans-Werner Henze gespielt.
       Er hat mich eingeladen 1971, in der Deutschen Oper in Berlin, bei seinem
       Werk „Der langwierige Weg in die Wohnung der Natascha Ungeheuer“
       mitzuwirken. Dafür hat er für unser Freejazz-Ensemble Teile der Partitur
       umgeschrieben und wir konnten auch dazu improvisieren.
       
       taz: Viele Ihrer Alben und Songs tragen spirituelle Titel. Was bedeutet
       Spiritualität für Sie? 
       
       Gunter Hampel: Spiritualität schafft eine eigene Größenordnung. Das, was
       die Sprache nicht mehr auszudrücken schafft. Und sie hilft mir dabei, einen
       Klang zu entwickeln.
       
       28 Aug 2026
       
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