# taz.de -- Jazzlegende Gunter Hampel ist tot: Frei, verspult und transatlantisch
       
       > Gunter Hampel begründete Freejazz in Europa mit und verbündete sich mit
       > gleichgesinnten Freigeistern in den USA. Nachruf auf einen spirituellen
       > Künstler.
       
 (IMG) Bild: Gunter Hampel, Jazzmusiker und Komponist ist tot. Aufnahme aus dem Jahr 1997
       
       Freiheit, erklärte John Litweiler, entsteht, sobald ein:e Künstler:in
       unbefangen mit Klangmaterial und dem Vokabular seines/ihres Mediums umgehen
       kann. Dann wird eine Wucht auf spezifische Weise frei. Was der New Yorker
       Autor Litweiler in seinem Grundlagenwerk „The Freedom Principle“ über die
       musikalische Stoßgeburt von Freejazz in den USA etwas umständlich
       beschrieb, gilt ohne Weiteres für den Multiinstrumentalisten Gunter Hampel.
       
       Geboren 1937 in Göttingen in eine Familie von Amateurmusiker:Innen, begann
       Gunter Hampel schon als Kind Akkordeon, Klavier, Klarinette und Saxofon zu
       spielen. Eine Begegnung mit einem schwarzen GI, 1945, der anhielt, eine
       Trompete vom Rücksitz seines Jeeps holte, um mit dem Steppke zu jammen, der
       am Straßenrand mit der Quetsche die US-Army begrüßte, war lebensverändernd.
       
       Außerdem: Die Naturerfahrung, das Rauschen der Bäume und Singen der Vögel,
       das den wissbegierigen Zuhörer in den Bann gezogen hatte. Hampel sagte im
       Gespräch mit dem Autor, wie er stundenlang dem Wind zuhören konnte.
       
       ## Filigrane Behandlung
       
       Die bürgerliche Karriere als Architekt führte er nicht zu Ende. Stattdessen
       erlernte Gunter Hampel weitere Instrumente, Schlagzeug und [1][Vibrafon],
       das im US-Jazz der 1950er Jahre mit Protagonisten wie Milt Jackson de
       rigeur war. Hampels filigrane Vibrafon-Behandlung leitete sich vom Cooljazz
       ab, aber er flog damit bald in die Außenbezirke des Möglichen: So relaxt,
       so tiefsinnig, so abgefahren tanzte niemand sonst hierzulande.
       
       Das miefige Westdeutschland im Wirtschaftswunder wurde dem aufstrebenden
       Musiker schnell zu eng. Anfang der 1960 wanderte er nach Amsterdam, rauchte
       lustige Zigaretten und [2][befreundete sich mit den wildwüchsigen
       holländischen Jazzern]. 1964 ging es weiter nach Paris, Schnittstelle
       zwischen USA und Europa, wo eine schicksalsträchtige Begegnung abermals
       Impulse gab: Eric Dolphy brachte Hampel bei einem Konzert kurz vor seinem
       Tod die Bassklarinette näher.
       
       Im Jahr darauf veröffentlichte Hampel „Heartplants“ (zusammen mit Buschi
       Niebergall, Alex von Schlippenbach, Manfred Schoof und Pierre Courbois),
       das als erstes europäisches Freejazzalbum gilt. Anders als die
       bilderstürmende Energy-Playing-Werke der späten 1960er klingt „Free“ bei
       Hampel impressionistisch, zurückgelehnt, friedfertig. „Kaputtspielen“ war
       seine Sache nicht, in Hampels Musikverständnis manifestiert sich im Jazz
       etwas Höheres, das eher spirituell denn rein virtuos klingt. Lautstärke war
       nie oberstes Gebot, Druck kam aus tieferen Regionen.
       
       ## Der radikale Flügel des Loftjazz
       
       In Amsterdam lernte Gunter Hampel Mitte der 1960er die afroamerikanische
       Sängerin Jeanne Lee kennen und lieben. Lees Symbiose aus Gesang und Tanz
       setzte in ihm unglaubliche kreative Energie frei. Diese alternative
       transatlantische Freundschaft ist zu hören auf den wunderbaren Duo-Alben
       „Scheiße ’71“ und „Oasis“. Lee nahm Hampel bald mit nach New York, wo er
       mit dem radikalen Flügel der Loftjazzfraktion agierte: Marion Brown, Don
       Cherry und Cecil Taylor, um nur drei Künstler zu nennen.
       
       Zurück in Göttingen gründete Hampel das eigene Label Birth Records, das US-
       mit europäischen Künstler:Innen näher zusammenbrachte. Ab 1972 lebte er
       abwechselnd in Göttingen und New York. Mitte der 1970er gründete Hampel die
       Galaxy Dream Band, deren lockeres Bigband-Verständnis entfernt [3][verwandt
       mit dem Sun Ra Arkestra] und dessen antirassistischer Erkundung des
       Weltraums klingt. Es dürften an die 100 Alben sein, auf denen Hampel zu
       hören ist, ob als Solist, Leader oder Sideman.
       
       Auch jenseits von Jazz hat Gunter Hampel Wunder bewirkt, so nahm er in den
       frühen 1990ern zwei Alben mit der Band The Coocoon auf, in der Musiker der
       deutschen Postpunkbands 39 Clocks und Kastrierte Philosophen dabei waren.
       Bis vor wenigen Wochen stand Gunter Hampel noch auf der Bühne, begleitet
       von seiner Tochter Cavana Lee Hampel und seinem Sohn Ruomi, spielte er
       Klavier und Vibrafon, beflügelnd in jeder Hinsicht. Am Dienstag ist er im
       Alter von 88 Jahren in Berlin gestorben.
       
       21 May 2026
       
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