# taz.de -- Wahlkampf in Hannover: Im Reich der Mitte
> Die Kommunalwahlen in Niedersachsen finden wenig Beachtung. Dabei zeigen
> sie viel. Betrachtungen aus einer Stadt, in der die AfD nicht das größte
> Problem ist.
(IMG) Bild: Wer darf hier das Licht anmachen? Blick auf das Rathaus Hannover beim nächtlichen Stromsparen
Das kannst du doch alles keinem mehr erklären“, schimpft die ältere
Genossin und zerrt energisch an dem widerspenstigen SPD-Sonnenschirm, der
sich nicht öffnen will. „Man müsste sich einfach mal wieder um die
wirklichen Probleme kümmern.“
Aber nein, wehrt sie dann gleich erschrocken ab, namentlich zitieren lassen
möchte sie sich damit nicht. Was die wirklichen Probleme sind, sagt sie
auch nicht. Aber was sie für schwer erklärbar hält, wird schon klar: Dass
hier alles auf ein Duell zwischen der SPD und den Grünen zuläuft.
Überall sonst starrt man auf die AfD, redet von der letzten Patrone der
Demokratie und so weiter. In Hannover wird am 13. November ein neues
Kommunalparlament und ein neuer Oberbürgermeister gewählt – wobei der aller
Voraussicht nach wohl erst nach der Stichwahl am 27. September feststeht.
[1][Der amtierende Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne)] kämpft um seine
Wiederwahl, aussichtsreichster Gegenkandidat ist [2][sein bisheriger
Kämmerer Axel von der Ohe (SPD)].
Das ist auch deshalb ein bisschen bizarr, weil Hannover lange als
natürliches Habitat von Rot-Grün galt. Ab den späten 1980er Jahren waren
die Grünen eigentlich immer mit im Boot, davor hat die SPD, die hier als
Bundespartei nach dem Zweiten Weltkrieg wiederauferstanden ist, die Stadt
allein regiert. 73 Jahre lang stellte sie den Oberbürgermeister. Bis ihr
[3][die sogenannte Rathausaffäre um unzulässige Zulagen], die der damalige
Oberbürgermeister Stefan Schostok für zwei seiner Spitzenbeamten genehmigt
hatte, das Genick brach.
## Frust über den SPD-Filz
Es waren der Frust über den SPD-Filz und der historische Höhenflug der
Grünen in der Fridays-for-Future-Ära, der Belit Onay (Grüne) 2021 ins Amt
trug. Zwei Jahre lang konnte er sich dabei auf eine nun grün-rote Mehrheit
im Rathaus stützen. Dann warf die SPD den Brocken hin.
Und seither kann man den Eindruck gewinnen, diese beiden Parteien benehmen
sich wie ein frisch getrenntes Paar: Eigentlich möchte jeder seinen eigenen
Weg gehen, aber irgendwie ist man doch noch ständig damit beschäftigt, sich
aneinander abzuarbeiten. Wobei: In den Bezirksräten, in der Verwaltung und
auch auf Landesebene arbeitet man ja weiter einigermaßen geschmeidig
miteinander. Auch deshalb fremdeln viele Genossen mit der harten Zuspitzung
im Kampf um die Rückeroberung des Rathauses.
Wobei sich dabei als Erstes die Frage stellt, ob die SPD es überhaupt je
losgelassen hat. Immerhin hat von der Ohe hier in den letzten Jahren als
Kämmerer und Erster Stadtrat gewirkt. Er stand damit an der Spitze einer
Verwaltung, die traditionell von SPD-Leuten durchsetzt ist. Nach dem
Ausstieg aus der grün-roten Koalition versuchte die SPD außerdem in der
Ratsversammlung mit wechselnden Mehrheiten gegen Onay und seine Grünen an
zu regieren.
Vor allem die Affäre um Hülya Iri gibt sowohl den Grünen als auch der CDU
eine willkommene Gelegenheit zu sagen: Bitte sehr, da ist er ja wieder, der
alte SPD-Filz. Sie lernen es einfach nicht. Hülya Iri, ehemals
Vize-Fraktionsvorsitzende und umtriebige Wahlkämpferin, [4][steht im
Verdacht, Fördergelder von 1,3 Millionen Euro veruntreut zu haben] – die
Ermittlungsverfahren sind aber noch nicht abgeschlossen. Nach dem
bisherigen Stand der Erkenntnisse sieht es allerdings so aus, als hätte der
Verein für Integrationsarbeit, den sie gegründet hatte, kaum wirkliche
Integrationsarbeit geleistet. Er steckt im Insolvenzverfahren. Politisch
heikel ist das aus zwei Gründen: Zum einen soll Iri ihre Position und die
Empfehlungsschreiben hochrangiger Genossen genutzt haben, um an die
Fördermittel zu kommen. Zum anderen soll sie im Rat dafür gesorgt haben,
dass anderen Vereinen Mittel entzogen werden – und weitere damit bedroht
haben.
Das ist der Punkt, an dem ihr individuelles Fehlverhalten möglicherweise
hart auf die SPD zurückfällt. Und das ist umso bitterer, als es auf ein
strukturelles Problem verweist: Das Verhaften der SPD in dem, was man den
vorpolitischen Raum nennt – in den Vereinen und Verbänden – war früher ein
Garant dafür, dass Probleme frühzeitig erkannt und gelöst werden konnten.
In der Affäre Iri sagen im Nachhinein viele Partei- und Vereinsmitglieder,
sie hätten etwas gewusst – aber nach oben durchgedrungen sind sie damit
offensichtlich nicht. Oder sie haben den Mund gehalten, aus Angst, dass man
ihnen den Geldhahn zudreht.
## Ein zweischneidiges Schwert
Die Wechselstimmung, die Axel von der Ohe zu beschwören versucht, ist also
mindestens ein zweischneidiges Schwert. Das ist ein Problem, das die SPD
auf anderen Ebenen auch hat. Zu punkten versucht man nun mit klassisch
sozialdemokratischen Herzensthemen: bezahlbare Mieten und ein kostenloses
Mittagessen in Kitas und Grundschulen, zum Beispiel.
Jetzt muss man nur darauf hoffen, dass nicht allzu vielen Wählern auffällt,
dass diese Themen in den vergangenen Jahren vor allem von der Linken
beackert wurden – und sich die SPD-geführte Ratsmehrheit nur zögerlich zu
konkreten Maßnahmen durchringen konnte.
Was die SPD, nicht nur in Hannover, zusätzlich nervös macht: das
VW-Problem. „Finger weg vom Werk“, steht in weißer Schrift auf roten
Plakaten – in den von Industriearbeitern geprägten Stadtteilen hatte die
SPD zuletzt deutliche Wählerwanderungen zur AfD hinnehmen müssen und
befürchtet, dass sich auch die aktuellen Debatten über Werksschließungen
und Arbeitsplatzabbau entsprechend niederschlagen. In den letzten Umfragen
liegt die AfD in Hannover bei 18 bis 20 Prozent – und damit praktisch
gleichauf mit der CDU.
Vollständig in den Hintergrund gerückt ist dagegen das Thema, um das die
Auseinandersetzung mit den Grünen lange Zeit fast manisch kreiste: die
Verkehrspolitik. Mit dem Versprechen [5][auf eine weitgehend autofreie
Innenstadt] war Onay ursprünglich gewählt worden, diese Pläne waren
vordergründig der Anlass, um die grün-rote Koalition aufzukündigen.
Dabei zeigt sich rückblickend eine verblüffende Diskrepanz zwischen den
konkreten Vorhaben und der öffentlichen Diskussion. Legt man die Pläne von
Grünen, SPD und auch CDU für die Innenstadt nebeneinander, unterscheiden
sie sich eigentlich nur in Nuancen: Alle wollen mehr Aufenthaltsqualität
und Grün, niemand geht davon aus, dass die Innenstadt noch mehr Autos
verträgt. In der Öffentlichkeit wurde der Kampf um jeden Parkplatz und
jeden Quadratzentimeter Fußgängerzone aber mit einer Verve und einer
Verbissenheit geführt, die vermuten lassen, dass es vor allem um
Polarisierungsgewinne ging.
Es ist schwer zu kalkulieren, wie sich das nun auf Onays Wiederwahlchancen
auswirkt: Einerseits ist der Zuspruch für sein Verkehrskonzept in der Stadt
möglicherweise höher als im Speckgürtel, andererseits könnte es auch
Anhänger geben, die enttäuscht sind, weil die Umsetzung nicht weiter
gediehen ist – auch wenn viele Grüne dafür gern der SPD die Schuld geben.
Gleichzeitig betonen seine Fans, dass man Onays erste Amtszeit eben nicht
auf dieses Thema reduzieren dürfte: Immerhin habe er auch in Sachen
Schulsanierungen, Digitalisierung der Verwaltung und bei der Neuaufstellung
der Bereiche Wohnen und Soziales einiges angeschoben – anders als die SPD
in den Jahren davor, lautet der wenig subtile Subtext.
## Die Stellung gehalten
Die grüne Kernklientel schätzt an Onay außerdem, dass er beim Thema
Migrationspolitik wacker die Stellung gehalten hat. Er setzte sich auch
dann dazu in die Talkshows und argumentierte gegen Arbeitspflichten und
andere Schikanen, als der Zeitgeist ein anderer war – und das, obwohl
danach jedes Mal wieder eine Welle von Hassnachrichten über ihn
hereinbrach. Ein Phänomen, dass ihn seit dem Beginn seiner Amtszeit
verfolgt.
Jenseits der grünen Bubble punktet der grüne Oberbürgermeister bei den eher
weichen Faktoren: Sein Bekanntheitsgrad ist höher, er bespielt die sozialen
Medien virtuoser und lässiger. Auf Veranstaltungen mit ihm wundert man sich
manchmal, wer da so alles um Selfies bittet.
Von dieser Reichweite versucht anscheinend auch der CDU-Kandidat Peter
Karst ein bisschen etwas abzukriegen. Der bisherige Hauptgeschäftsführer
der Handelskammer gilt zwar in der lokalen Wirtschaft als gut vernetzt, ist
für die breite Masse aber eher ein Unbekannter. Auf Instagram hat er eine
Geschenkebox ausgelobt für diejenigen, die seinen Wahlkampfbus, das
„Peter-Mobil“ finden, ablichten und posten. Darauf reagierte auch Onay.
Wobei die fröhliche Übergabe der „Peter-Box“ und das drollige
Unboxing-Video nicht überinterpretiert werden dürfen: Für Schwarz-Grün wird
es in Hannover aller Wahrscheinlichkeit nie reichen, möglicherweise wird es
im neuen Rat für überhaupt kein Zweierbündnis mehr reichen.
Aber in einer Stichwahl gegen den CDU-Mann dürfte Onay sich größere Chancen
ausrechnen als gegen den SPD-Mann. So hat das jedenfalls beim letzten Mal
auch geklappt.
29 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Hannovers-Oberbuergermeister-haelt-durch/!6056499
(DIR) [2] /Oberbuergermeisterwahl-in-Hannover/!6100596
(DIR) [3] /Rathausaffaere/!t5591930
(DIR) [4] /Mutmasslicher-Subventionsbetrug/!6183624
(DIR) [5] /Streit-um-autofreie-Innenstadt/!5971351
## AUTOREN
(DIR) Nadine Conti
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) wochentaz
(DIR) Hannover
(DIR) SPD Hannover
(DIR) Kommunalwahlen
(DIR) Niedersachsen
(DIR) Belit Onay
(DIR) Hannover
(DIR) Soziales
(DIR) Belit Onay
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Finals in Hannover: Die Stadt als Sportplatz
24 Sportarten haben bei den Finals 2026 gemeinsam ihre deutschen Meister
ermittelt. Es geht um mehr Aufmerksamkeit. Für Hannover war es ein Erfolg.
(DIR) Grüner OB zu Sozialkürzungen: „In sechseinhalb Jahren habe ich so etwas noch nie erlebt“
Belit Onay ist Oberbürgermeister von Hannover und protestiert gegen
Sparpläne im Namen der Kommunen. Er kündigt ein Nachspiel im Präsidium des
Städtetags an.
(DIR) Kommunalwahlkampf in Hannover: Nett und beliebt ist den Grünen nicht genug
Die Grünen in Hannover wechseln überraschend ihren Vorstand aus. Zwei
Schwergewichte sollen bei der Kommunalwahl im Herbst retten, was zu retten
ist.