# taz.de -- Kommunalwahlkampf in Hannover: Nett und beliebt ist den Grünen nicht genug
       
       > Die Grünen in Hannover wechseln überraschend ihren Vorstand aus. Zwei
       > Schwergewichte sollen bei der Kommunalwahl im Herbst retten, was zu
       > retten ist.
       
 (IMG) Bild: Wer verschafft Belit Onay eine zweite Amtszeit in Hannover? Neuer Vorstand soll es richten
       
       Der Vorstand des grünen Stadtverbandes Hannover ist überraschend
       geschlossen zurückgetreten. Die Entscheidung erfolge „im Kontext der
       aktuellen personellen und strategischen Weichenstellungen im Vorfeld der
       Kommunalwahl“, heißt es in einer schriftlichen Erklärung des Teams um Mona
       Sandhas und Leon Monteiro.
       
       Man habe nach zahlreichen Gesprächen und in einem intensiven
       Entscheidungsprozess festgestellt, dass unter den gegebenen
       Rahmenbedingungen eine gemeinsame Weiterarbeit nicht mehr möglich ist.
       
       Gleichzeitig wurde bekannt, dass für die Vorstandsneuwahl am 7. März zwei
       echte Schwergewichte ihren Hut in den Ring geworfen haben: die
       Bundestagsabgeordnete Swantje Michaelsen und Mathis Weselmann, aktuell
       Büroleiter beim niedersächsischen Finanzminister Gerald Heere (Grüne).
       Weselmann war vorher aber schon einmal der Wahlkampfstratege, der den
       [1][grünen Oberbürgermeister Belit Onay] überhaupt erst ins Amt gehievt
       hatte.
       
       Zu dem Rücktritt wollte sich – jenseits der vorbereiteten schriftlichen
       Erklärung – niemand weiter öffentlich äußern. Die Einschätzungen von
       politischen Beobachtern reichen von „Blanke Panik“ bis „Wurde aber auch
       Zeit“.
       
       ## Harte Zeiten erfordern harte Profis
       
       Sandhus und Monteiro gelten als nett und beliebt, hätten sich aber eben zu
       sehr in der grünen Komfortzone aufgehalten und Nischenthemen besetzt – mit
       wenig Wirkmacht über die angestammten Kreise hinaus, heißt es hinter
       vorgehaltener Hand.
       
       Dabei machten sie zumindest optisch ein gutes Team aus: Die ältere Sandhus
       kam aus der „Bunt statt braun“-Ecke, Monteiro aus der grünen Jugend. In
       ihrer Amtszeit waren sie vor allem damit beschäftigt, den enormen
       Mitgliederzuwachs zu bewältigen und organisatorisch andocken zu lassen. Die
       Organisation eines ziemlich harten Kommunalwahlkampfes traute man ihnen
       aber wohl nicht zu.
       
       Dagegen sind Michaelsen und Weselmann erfahrene Politprofis, denen man
       strategisch einiges zutraut. Michaelsen hat sich vor allem als
       Verkehrspolitikerin einen Namen gemacht, teilt also das Lieblingsthema des
       Oberbürgermeisters Onay und wirft sich mit Verve auch in harte Debatten.
       
       Weselmann gilt als strategischer Kopf, er hat nicht nur Onays erste
       Kampagne erfolgreich geleitet, sondern auch nach der verlorenen
       Bundestagswahl 2021 mit einer schonungslosen, brutal ehrlichen Analyse
       unter dem Titel „Wir haben es verkackt“ innerparteilich für Furore gesorgt.
       
       Darin setzte er sich vor allem mit den Schwächen der Wahlkampagne
       auseinander und mahnte seine Partei, nicht wieder alles auf die Frage
       „Annalena oder Robert?“ zu reduzieren.
       
       ## Eine Kampagne unter ganz anderen Vorzeichen
       
       Seine zweite Kampagne für Onay, der als Oberbürgermeister eine weitere
       Amtszeit anstrebt, wird allerdings unter vollkommen anderen Vorzeichen
       stehen als die erste.
       
       Damals, 2019, gab es gleich zwei wichtige äußere Faktoren, die den Grünen
       mächtig Rückenwind gaben: Die SPD hatte es mit ihrer Rathausaffäre mächtig
       „verkackt“ und sich selbst zur Abwahl empfohlen. Und: Grüne Themen waren
       dank Fridays for Future mächtig im Aufwind.
       
       Vor diesem Hintergrund konnte der bis dahin relativ unbekannte
       Landtagsabgeordnete Onay punkten, landete am Ende mit dem CDU-Kandidaten in
       einer Stichwahl, die er mit 52,9 Prozent für sich entschied – also nicht
       gerade mit einem gigantischen Vorsprung.
       
       Trotzdem war dieser Sieg – ein Ende der SPD-Herrschaft in Hannover nach 70
       Jahren, ein erster grüner Oberbürgermeister mit Migrationshintergrund in
       einer Landeshauptstadt – eine Sensation. Plötzlich sah Hannover cool aus.
       
       ## Beim Opernball ausgebuht
       
       Nun ist die Stimmung eine ganz andere. Den Rechten war Onay ja schon immer
       ein Dorn im Auge, aber auch vor einem eigentlich bürgerlichen Publikum
       scheint der grassierende Grünen-Hass jetzt keinen Halt mehr zu machen.
       
       Am Wochenende wurde Onay beim Opernball ausgebuht, schon zum zweiten Mal,
       wie die Hannoversche Allgemeine Zeitung notiert. Einfach so, ohne
       wirklichen politischen Anlass, als er in der Eröffnungsrede als amtierender
       Oberbürgermeister begrüßt wurde, mitten zwischen all diesen Menschen, die
       sich schicke Anzüge und schöne Kleider gekauft hatten. Das fanden selbst
       einige Konservative schockierend und ungehörig.
       
       Ist das alles Ausfluss der kulturkämpferischen, hoch polarisierten Debatte
       um seine Verkehrspolitik? Oder zeigt sich hier noch etwas anderes? Und wie
       sollen die Grünen damit umgehen? Das sind nur einige der Fragen, auf die
       das neue Führungsduo Antworten finden muss. Aber erst mal sagen die,
       müssten sie ja gewählt werden.
       
       18 Feb 2026
       
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